Es scheint ein Traum zu sein: Ein Buch in einer Stunde lesen, bei vollem Verständnis! Ein ganz anderer Blick auf die Hausarbeit, die in 48 Stunden eingereicht werden muss und Nachtschichten erfordern wird, erscheint möglich. Ab jetzt wird alles anders!

Speedreading-Seminare erfreuen sich steigender Nachfrage. Als ich mein Zweitexemplar von Tony Buzan: Speed Reading zum Verkauf anbot, durfte es am gleichen Tag in den Versand. Mein Kurs zum Thema Lesekompetenz, der sich an Lehrende richtete, wurde auch in der Hoffnung besucht, selbst Lesetechniken daraus mitnehmen zu können – vor allen Dingen natürlich das Schnelllesen, bleibt der Druck, viel Stoff in kurzer Zeit zu bewältigen, doch auch nach dem Studienabschluss bestehen.

Tatsächlich ist es eine Frage der Technik und der Übung, schnell und mit vollem Verständnis zu lesen. Der Vorteil von Seminaren, die Schnelllesen vermitteln, liegt eben im Erlernen der Technik und in dem Verständnis dafür, wie Lesen eigentlich physiologisch und kognitiv funktioniert. Erinnern Sie sich noch, wie Sie – im ersten Schuljahr oder davor – die Kulturtechnik Lesen erlernt haben: zunächst die Laute und Buchstaben, dann das Buchstabieren, dann Lesen? Es hat vermutlich einige Zeit gedauert und Sie haben es oft, vielleicht täglich geübt. Das Schnelllesen geht über die Kulturtechnik Lesen hinaus und ist eine Spezialtechnik, die vor allem auf die Lektüre von Fachtexten zielt. Wenn Sie sich hier verbessern wollen, muss Ihnen klar sein, dass Sie allein mit dem „Lesen können“ als Kulturtechnik nicht weiterkommen, sondern eben eine neue Herangehensweise an das Lesen benötigen.

Jenseits der Seminare, die häufig von den Stellen für das Studium generale oder auch von den unieigenen Career Centres angeboten werden, gibt es lohnenswerte Lektüre. Während der oben erwähnte Buzan vornehmlich die Schnelllesetechnik einführt, systematisiert und Handlungsanweisungen bereit hält, ist „Wie man ein Buch liest“ von Mortimer Adler und Charles van Doren etwas weiter aufgestellt. Sie klären, was aktives Lesen ist, fragen, welches Vorwissen der Leser mitbringt, welche Funktion der Text für den Lesenden hat (Unterhaltung, Prüfungsvorbereitung, Themenaufbereitung…) und führen ein in das analytische und synoptische Lesen. Ausgesprochen wertvoll für Kulturwissenschaftler (damit auch für Historiker) ist ihr Kapitel zu den „Gemischten Lesestoffen“: Belletristik, Drama, Geschichtsschreibung, Sozialwissenschaft u.a. Sie begreifen Lesen auch nicht allein als Pflicht, die es abzuleisten gilt (und dies mittels Speed Reading möglichst schnell, damit man dann wieder Zeit für den Spaß im Leben hat), sondern betonen seine Qualität als Herausforderung und Möglichkeit zum geistigen Wachstum. Dies ist Gold wert, fügt sich doch die Mehrheit der Angebote zum Schnelllesen in eine Ökonomisierung der Bildung ein: Zeit ist Geld, und darum sollten wir nicht viel Zeit mit Lesen verbringen, und wenn unbedingt doch, dann möglichst viel in möglichst kurzer Zeit!

Darum möchte ich neben den vielen Anleitungen zum Schnelllesen und zur Lesetechnik auch die Aufsatzsammlung von Christiaan L. Hart Nibbrig: Warum lesen? ans Herz legen, die den verführerischen Untertitel trägt: Ein Spielzeug zum Lesen. Eine unserer Schlüsselkompetenzen als Kultur- und Geisteswissenschaftler besteht darin, den Texten eine angemessene Herangehensweise zukommen zu lassen und nicht zu vergessen, dass ihnen eine ästhetische Qualität innewohnt – naja, häufig – die etwas zum ganzheitlichen Verständnis des Textes beiträgt. Text besteht nicht aus Information allein, die es mittels Speed Reading zu extrahieren gilt.

Lesen Sie mal wieder Lyrik – versuchen Sie, ein angemessenes Tempo zu finden und es zu gegebenenfalls zu variieren. Lesen Sie laut. Texte kann man auch singen – naja, manche. Auch Fachtexte können uns emotional berühren; lesen Sie Marc Blochs Apologie der Geschichtswissenschaft. Schnelllesen sollte kein grundsätzliches Ziel sein – aber es wird Sie bei entsprechender Übung und Beherrschen der Techik in Ihrem Lesespektrum bereichern und manches erleichtern, zumal, wenn Sie auf diesem Wege ein Bewusstsein für die Vielfalt des Lesens bekommen.

Die angegebenen Titel sind sämtlich in mehr als einer Ausgabe erschienen. Über Autor und Titel finden Sie gewiss ein Exemplar in der Bibliothek oder auch ältere gebrauchte Ausgaben, daher habe ich auf vollständige bibliographische Angaben verzichtet – Sie sollen Sie nicht auf eine Ausgabe festlegen.