Die wahre Macht der Banken …

… besteht nicht unbedingt darin, dass sie Geld verteilen, bewerten oder vernichten (wenn dies auch nicht zu unterschätzen ist). Als ich nun endlich nicht nur erläuterte, wie man Businesspläne schreibt, sondern mich daran machte, selbst einen zu verfassen, bekam ich das Feedback, die Ideen seien gut, meine Sprache müsse ich allerdings den üblichen Gepflogenheiten der Banken anpassen.

Ich sollte also für meine geisteswissenschaftlichen Ideen keine geisteswissenschaftliche Sprache verwenden? Ja, genau. Schließlich ist der Businessplan kein geisteswissenschaftliches Medium.

Also grübelte ich, formulierte, kaufte mir einen Ratgeber (der sich als tatsächlich hilfreich erwies, insbesondere im Zahlenwerk, Hinweis steht unten) und schrieb um. Als ich das Ergebnis las, sah ich weder meine Ideen, noch mich selbst in diesem Plan. Meine Sprache formt mein Denken und ist Ergebnis meines Denkens; ich hatte mich auf eine betriebswirtschaftliche Sicht auf Kreativität und Geistesarbeit eingelassen. Es blieb nichts von mir übrig, mehr noch: Die Ideen erwiesen sich als tendenziell unwirtschaftlich. Nun mag dies angesichts der Arbeitsmarktrealität kaum verwundern, aber es ist ein Indiz dafür, warum diese so ist, wie sie ist. Sie wird von einem Denken und von einer Sprache beherrscht, in dem unsere Arbeit unwirtschaftlich ist. Auch das ist aus unserer Fachtradition kaum verwunderlich, immerhin trägt dieser Blog nicht umsonst einen pejorativen Namen.

Mich irritiert nur, dass wir dieser Sprache derart die Deutungshoheit überlassen haben und nichts dafür tun, sie zurückzugewinnen. Das ist ein ernsthaftes Desiderat.

Lutz, Andreas: Businessplan für Gründungszuschuss, Einstiegsgeld-
und andere Existenzgründer, 4. Auflage Wien 2010.
Ich danke Lydia Ortkraß für diesen Hinweis.

Rezensionen

Dies ist keine Rezension, und warum nicht, kann nachgelesen werden in Nicolai Hannigs und Hiram Kümpers übersichtlichem und praxisorientierten Arbeitsbuch „Rezensionen. finden- verstehen – schreiben“.

Die Autoren stellen unterschiedliche Varianten der Textgattung Rezension vor. Ihr Fokus liegt auf wissenschaftlichen Rezensionen im wissenschaftlichen Kontext; Buchbesprechungen im Feuilleton stehen hier nicht im Zentrum. Sie geben Aufbau- und Formulierungsvorschläge und Recherchetipps und empfehlen Arbeitsformen:

Was kann die Lektüre von Rezensionen im Studium leisten? – Orientierung in einem Themenfeld und auf dem Buchmarkt sowie eine erste Einordnung der Literatur, die Sie für ein Referat oder eine Hausarbeit benötigen.

Was leistet die Veröffentlichung von Rezensionen? – Qualitätssicherung mittels Kritik, Würdigung von Arbeiten, Herstellen von Öffentlichkeit für wissenschaftliche Arbeitsergebnisse.

Und was kann Ihnen das Schreiben von Rezensionen bringen? – Sie üben wissenschaftliche Präsentation und wissenschaftliche Kritik. In diesem Buch finden Sie klare Anleitungen und praktische Hinweise dazu (wunderbar zusammengefasst für alle eiligen Leser auf den Seiten 125-130, und noch wunderbarer ausgeführt auf den 50 Seiten davor).

Ein typisches Werk für die Brotgelehrten, die nur schnell konsumieren wollen, wie sie ein Produkt erstellen, ohne zu reflektieren, was sie dort aus welchem Herkommen tun? Nein: Die Autoren haben eine knappe Geschichte des Rezensionswesens aufbereitet und geben Einblick in die Kulturen der gegenwärtigen Rezensionslandschaft, einschließlich einer Abwägung der Merkmale analoger und digitaler Buchbesprechungen und Annotationen. Tipps für das Autorenhandwerk, Lektüre und Links begleiten den Text in Sonderfeldern. Lehrende erhalten Anregungen, wie die Rezension als Metanarration sinnvoll in die schulische und universitäre Lehre eingebunden werden kann.

Hannig, Nicolai / Kümper, Hiram: Rezensionen. finden – verstehen – schreiben, Schwalbach/Ts.: Wochenschau Verlag 2012, 159 S., 12,90€

Politikberatung

Das aktuelle Dossier der Gegenworte behandelt die wissenschaftliche Politikberatung. Dies meint nicht jede für unsere Absolventen denkbare Form von Politikberatung, sondern den Brückenschlag zwischen Wissenschaft und politischer Praxis sowie die Vermittlung zwischen Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Eine andere Form ist die kommunikative Politikberatung, die auf Beratung bei der Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit setzt, etwa im Wahlkampf. Eine dritte Form ist der Lobbyismus (auch: Political Affairs), der Unternehmen und Organisationen hilft, Beziehungen in das politische Feld aufzubauen und im Zweifel auch direkt mit dem Gesetzgeber zu interagieren.

http://www.gegenworte.org/heft-27/gegenworteheft27.html

Habermas, Jürgen: Verwissenschaftliche Politik und öffentliche Meinung, in: ders.: Technik und Wissenschaft als Ideologie, Frankfurt am Main 1968/2003, S. 120-145

Deutsche Gesellschaft für Politikberatung: http://www.degepol.de/ 

Ein Beispiel aus der „freien Wirtschaft“

Ein gutes Beispiel, wo HistorikerInnen tatsächlich als solche in der freien Wirtschaft eingesetzt werden, bietet aktuell IKEA. Ich selbst habe im Kabarett davon gehört, dass die beliebten Regale in unseren Arbeitszimmern von politischen Gefangenen in den DDR produziert worden seien, und dass nun, wo diese praktische Produktionsbedingung weggefallen ist, politische Gefangene in China den Job hätten übernehmen müssen. IKEA hat die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young beauftragt, dem nachzugehen. Nun ist ein Team aus HistorikerInnen, SozialwissenschaftlerInnen und Ermittlungsexperten mit der Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit betraut.
http://www.ikea.com/ms/de_DE/img/important_information_ad/Hotline_DDR_Web.pdf

Dieses Projekt steht derzeit in der Kritik. Ikea wird mangelnde Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit der Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG) vorgeworfen. Siehe die Berichterstattung in der ZEIT http://www.zeit.de/gesellschaft/2012-08/ikea-ddr-zwangsarbeiter-kritik (und unten eingeblendete weitere Artikel).

 

Initiatve Kultur- und Kreativwirtschaft der Bundesregierung

Ich weiß, die meisten unserer Absolventen wollen nicht selbstständig werden, schon gar nicht direkt nach dem Studium. Dennoch „erwischt“ die Selbstständigkeit viele Geisteswissenschaftler, etwa, wenn während der Jobsuche Honorarverträge eine Überbrückung erlauben.
Falls Sie ein eigenes Unternehmen oder die Freiberuflichkeit in der Kulturbranche doch geplanter angehen möchten, finden Sie auf folgender Website des Bundeswirtschaftsministeriums Hinweise und Material: http://www.kultur-kreativ-wirtschaft.de/
Unter dem Menüpunkt „Mediathek“ befinden sich Publikationen, auch zum (kostenlosen) Download.