Natürlich sollten wir Berufsanfänger ständig erreichbar sein. Es ist ja klar, dass man in der Probezeit keinen Urlaub machen kann. Selbstverständlich sind Führungskräfte auch am späten Abend und am Wochenende zu erreichen und einsatzbereit, und will man selbst eine werden, dann fängt man wenigstens frühzeitig mit diesem Verhalten an.

Bei mir drängt die Arbeit, denn ich möchte nächste Woche in den Urlaub – die Brotgelehrte ist dann mal ein paar Tage off. Also habe ich mir ausgedacht, wie Sie das am besten nicht merken – ein paar Texte vorarbeiten, die ich dann ganz schnell aus dem Speicher ohne weitere Mühe hochladen kann. In anderer Angelegenheit versuchte ich, ein paar Kollegen zu erreichen. Einer war im Urlaub, aber sein Mitarbeiter sagte, ich könne eine E-Mail schreiben, er rufe sie täglich ab. Ein anderer lag im Krankenhaus, aber die Mitarbeiterin sagte, ich könne eine E-Mail schreiben… Sie wissen schon.

Ich weigere mich also, meinen Urlaub zu verschleiern. Vielleicht packe ich mir Nietzsches „Fröhliche Wissenschaft“ ein, um fröhlich in die Wissenschaft zurückzukehren. Dort findet sich der wohltuend-anregende Aphorismus 329: „Muße und Müßiggang“, in dem es heißt:

„Denn das Leben auf der Jagd nach Gewinn zwingt fortwährend dazu, seinen Geist bis zur Erschöpfung auszugeben, im beständigen Sich-Verstellen oder Überlisten oder Zuvorkommen: die eigentliche Tugend ist jetzt, etwas in weniger Zeit zu tun als ein anderer. Und so gibt es nur selten Stunden der erlaubten Redlichkeit: in diesen aber ist man müde und möchte sich nicht nur »gehen lassen«, sondern lang und breit und plump sich hinstrecken. (…) Oh über diese zunehmende Verdächtigung aller Freude! Die Arbeit bekommt immer mehr alles gute Gewissen auf ihre Seite: der Hang zur Freude nennt sich bereits »Bedürfnis der Erholung« und fängt an sich vor sich selber zu schämen. »Man ist es seiner Gesundheit schuldig« – so redet man, wenn man auf einer Landpartie ertappt wird. (…) Ehedem war es umgekehrt: die Arbeit hatte das schlechte Gewissen auf sich.“

Ich muss also meinem Geist etwas Erholung gönnen und ihn zu sich selbst finden lassen. Es ist eine schützenswerte Eigenart unserer Branche: ohne Geist kein Brot. Die Fähigkeit zum Müßiggang ist eine Schlüsselkompetenz.

Bis bald!

Nietzsche, Friedrich: Die fröhliche Wissenschaft, hier mal schnell aus zeno kopiert, sonst natürlich in der Colli/Montinari-Ausgabe im Regal, KSA 3, München 1980

Schnabel, Ulrich: Inseln der Muße, Blog

Initiative zur Rehabilitation von Muße & Müßiggang