Fundraiser sind gesucht

Eigentlich geht  es auf den ersten Blick um einen ganz alltäglichen, wenn auch bisweilen tabuisierten Bedarf: um Geld. Fundraiser verdienen ihr Brot damit, Kapital aufzutreiben, z. B. für Non-Profit-Organisationen. Wie Sie sich unschwer vorstellen können, kamen schnell auch andere Einrichtungen auf die Idee, den ungeliebten und vielleicht etwas peinlichen Teil der Arbeit, nämlich die finanzielle Basis für kulturelle, soziale oder wissenschaftliche Projekte zu schaffen, lieber an Profis zu delegieren. So findet sich hier ein Berufsfeld, dass sich sowohl hoher Nachfrage erfreut als auch noch in einem Ausdifferenzierungsprozess begriffen ist.

Auch in Ihrem natürlichen Umfeld ist Fundraising inzwischen angekommen, und mitnichten sind damit (nur) klassische Zweit- und Drittmittelanträge gemeint (das ist ein ganz eigenes Thema und betrifft u.a. den Wandel des Berufsbildes „WissenschaftlerIn“. Es verdient durchaus einen Blogeintrag, doch ich muss meinen Zeit-Fund im Blick behalten…). Das Hochschulfundraising ist eine alternative und ergänzende Form der Hochschulfinanzierung geworden. Auf der im Vorsatz verlinkten Website finden Sie eine beispielhafte Auflistung von Aktivitäten, für die Funds gebildet werden: für Stipendien, Veranstaltungen, konkrete Forschungsprojekte oder Stiftungsprofessuren. Doch es finden sich gleichfalls Punkte , bei denen mich der Gedanke beschlich, dass dies eigentlich zu die Aufgaben der Länder zählen müsste: Neubau oder die Sanierung von Gebäuden oder die Ausstattung mit Seminarräumen. Offenbar können wir auch hier den Prozess eines Transfers von öffentlichen Angelegenheiten zu verstärkt privatem Engagement (und Einfluss?!) beobachten.

Dies verweist auf die Dimension, in der Fundraiser arbeiten: Es geht nicht allein um das einmalige Auftreiben des nötigen Geldes zur Realisation eines bestimmten Projekts, sondern um einen Wandel der Finanzierungs- und Sozialkultur. Die Haupttätigkeit von Fundraisern besteht in der Kommunikation zwischen Spendern und  Empfängern; es geht um die Einbindung der Spender in das von ihnen geförderte Vorhaben und langfristig in die geförderte Organisation. Daher gilt es nicht allein, Geld einzuwerben, sondern sich um sämtliche soziale Kapitalformen zu kümmern: auch Sachwerte, Wissen, neue Ideen, Arbeitskraft/ Ehrenamt, vorteilhafte mediale Repräsentation…
Hier eine kleine Liste meiner Beobachtungen:

Es bestehen also Bedarf und Chancen in diesem Bereich, gerade für Kultur, Bildung und Soziales, aber auch für die Wissenschaft oder in Unternehmen. Vermehrt werden Stellen ausgeschrieben, zu deren Anforderungsprofil u.a. das Fundraising gehört, doch es nicht Hauptgegenstand ist, wie in Gießen (s.o.), doch auch im Museeumsbereich ist die Finanzierung über Spender und Stiftungen bei einzelnen Projekten inzwischen gängige Praxis.

Ein geisteswissenschatliches Studium ermöglicht Ihnen hierfür sowohl inhaltliche Bezüge zu den Projektthemen als auch soziale und kommunikative „Schlüsselkompetenzen“ und ein soziales Umfeld, innerhalb dessen Sie sich vernetzen können – beobachten Sie die Alumni-Aktivitäten, die an den Unis inzwischen immer professioneller werden. Wenn Sie jedoch nicht bereits in Vereinen oder anderen Tätigkeiten Erfahrungen im Fundraising gesammelt haben (und häufig selbst dann), werden Sie sich nach dem Studium in diesem Bereich weiterbilden müssen. Hier hilft der Fundraisingverband mit einer Liste der Ausbildungsstätten weiter. Darüber hinaus sollten Sie natürlich auch Interesse an neuen Formen der Finanzierung und Kapitalaufstellung haben. So lohnt eine Beobachtung des Crowdfunding-Phänomens ebenso wie eine Lektüre von

Pierre Bourdieu: Ökonomisches Kapital – kulturelles Kapital – soziales Kapital, in: Kreckel, Reinhard (Hg.): Soziale Ungleichheiten, Göttingen 1983, S. 183-198.

Nachtrag zum Crowdfunding:

http://www.crowdfunding-deutschland.de/

www.pling.de

www.foerderland.de

Museum

Das Museumswesen gehört meinem Eindruck nach neben dem Journalismus zu den populärsten Arbeitszielen von Geschichtsstudierenden. Zudem kann es mit Selbstinitiative und Vernetzung einen fast nahtlosen Übergang vom Studium in den Beruf bedeuten. Diese rhetorischen Einschränkungen sind nötig, da die Ausstattung mit einem unbefristeten Arbeitsvertrag auch hier nur in den seltensten Fällen am Anfang stehen wird. Vielmehr müssen Sie sich in die Finessen der Honorarverträge und freien Tätigkeiten einarbeiten. Daher sei auf die Kapitel „Ausstellung“ und „Selbstständigkeit“ in meinem Buch „Berufe für Historiker“ verwiesen sowie auf die entsprechenden Links in dem dazugehörigen PDF.

Als erster Schritt zur Kuratorenstelle eines international rennomierten Museums wird häufig das Praktikum genannt. Das ist nicht grundsätzlich falsch, aber es ist die Frage, ob es der erste Schritt sein muss, denn bereits hier kann es zu tiefen Frustrationen kommen: Absagen, da die erforderlichen Erfahrungen fehlen (jawohl: für ein Praktikum) oder das Museum keine Praktika anbietet, weil es nur ein Ein-Personen-Betrieb ist oder zwar ein Praktikum vergeben wird, dann aber allgemeine Hilfstätigkeiten ausgeführt werden müssen wie Postamente schleppen oder Post erledigen.

Wenn für ein Praktkum bereits Erfahrungen nötig sind, welche könnten dies sein?

Sie können quasi sofort beginnen, sich einen Überblick über das Museums-, Ausstellungs- und Gedenkstättenwesen in Ihrer Umgebung und in Ihrem Fachbereich zu verschaffen.
Wo finden eigentlich überall Ausstellungen statt? Inzwischen fast überall, auch in Kaufhäusern, in Privatwohnungen, in Gärten, in Altersheimen, in Galerien, in industriellen Produktionsstätten, sogar in Universitäten …!

Informieren Sie sich über Ausstellungsmoden und -schwerpunkte in einzelnen Jahren, Regionen, Museumstypen, etwa via:

http://www.kunsttermine.de/
http://www.m-art-magazin.de/
http://webmuseen.de/
http://www.vernissage-museen.de/
Beilagen, Anzeigen und Rezensionen der großen Tages- und Wochenzeitungen sowie über deren online-Angebote (FAZ, SZ, ZEIT, NZZ)

Diese Auflistung ist ebensowenig erschöpfend wie die folgende über die Forschung, Reflexion und auch politisch-soziale Vertretung des Ausstellungswesens:

Institut für Museumsforschung
Deutscher Museumsbund
ICOM Deutschland
ICOM Österreich
ICOM u.a. Schweiz

U.a. über die Seite des Deutschen Museumsbundes erhalten Sie auch Hinweise über Aus- und Weiterbildung im Museumswesen, zu Volontariaten, Studiengängen, Fortbildungen. Impulse zum Bereich Bildung und Ausstellungen überhaupt – also auch außerschulisches Lernen, Erwachsenenbildung, kulturelle Bildung, Schule und Beruf – können Sie auf der Seite der Ostfriesischen Landschaft bekommen. Die Veröffentlichungen zum Museumswesen und Kulturmanagement des transcript-Verlags zeigen Ihnen bereits anhand der Titel die inhaltliche und methodische Breite des Themas.

Erfahrungen vor dem Praktikum bzw. während des Studiums müssen also nicht unbedingt vertraglich geregelte Tätigkeiten im Museum sein; wesentlich dazu gehört, Ausstellungen gesehen zu haben, Typen zu kennen, den öffentlichen Diskurs zu verfolgen, kurz: Ausstellung und Museum zu studieren. Und vielleicht erhalten Sie irgendwo eine Anregung oder treffen jemanden, mit dem Ihnen die Realisation einer eigenen Ausstellung, vielleicht an einem ungewöhnlichen Ort möglich scheint. Sie wissen, dass man nicht singen können muss, um eine schöne Stimme zu erkennen – vielleicht liegt Ihr Talent in der Rezension von Ausstellungen? Das Schöne ist, dass es Spaß macht, selbst zu sehen, zu entwickeln, umzusetzen, im Gegensatz zum Krampf, der sich schnell einstellt, fokussiert man Kompetenzen, optimiert Lebensläufe und sucht nach einem ECTS-kompatiblen Praktikum. Es ist eine Frage der Prioritäten: Selbst-Bildung oder Zertifizierung?

Reisen II, Tourismus und Praktikumsbörsen

Kulturtourismus hat Konjunktur – in der Wirtschaft ebenso wie in der Forschung. So wies mich Prof. Dr. Valentin Groebner (Uni Luzern) darauf hin, dass er nächstes Jahr ein neues Forschungsprojekt starte: „Was macht der Tourismus mit der Vergangenheit?“ Auf seiner Website werde es in den kommenden Wochen weitere Materialien zu diesem Projekt geben. Bereits jetzt finden Sie dort elektronische pre-prints zum touristischen Gechichtsgebrauch – bitte beachten Sie das fair use, wenn Sie aus den Texten zitieren möchten. Groebner verfasste zudem einen Beitrag zum fundierten und unterhaltsamen Sammelband

Thomas Steinfeld: Die Zukunft des Reisens, Frankfurt am Main 2012

Vielen Dank für diese Hinweise!

Gleichfalls über die Forschung näherte ich mich dem Kulturtourismus in Ostwestfalen – eine Region, die mit den relativ nahen „Kulturzentren“ Köln und Düsseldorf sowie dem Ruhrgebiet um Touristen konkurriert. Zugleich muss dort ein anderes touristisches Konzept greifen, da Ostwestfalen nicht urban, sondern ländlich geprägt ist und entsprechende Infrastrukturschwächen kompensieren muss: Versuchen Sie mal, mit dem ÖPNV zum Landesmuseum für Klosterkultur nach Lichtenau-Dalheim zu kommen –  und am gleichen Tag wieder nach Hause. Prof. Dr. Albrecht Steinecke (Uni Paderborn) forscht zum Kulturtourismus, auf seiner Website finden Sie Literaturhinweise, die nicht nur auf Forschungsliteratur verweisen, sondern auch Presseartikel. Angekündigt für Ende diesen Monats ist

Albrecht Steinecke: Management und Marketing im Kulturtourismus. Basiswissen – Praxisbeispiele – Checklisten, Heidelberg 2012

Über den Link können Sie Voransichten der Kapitel herunterladen.

Natürlich können Sie auch gezielt Kulturtourismus studieren, etwa MA Management im Kulturtourismus am Baltic College Schwerin, für das Sie auch mit einem guten BA-Abschluss aus einer kulturwissenschaftlichen Disziplin zugelassen werden können. Laut Beschreibung auf der Website eröffnen sich Tätigkeiten bei Tourismus-Marketing-Organisationen, Stadt- und City-Marketinggesellschaften, Fremdenverkehrsämtern, Kulturämtern, Reiseveranstaltern, Planungsbüros, Kultur-, Freizeit und Tourismusforschungsinstituten, Event-Agenturen, Messe- und Kongressveranstaltern, Festival-Veranstalter wie Fachverlage und Medien. Neben dem Baltic College Schwerin gibt es weitere Unis und FHs, die Studiengänge im Bereich Kulturtourismus anbieten; suchen Sie z. B. über die Studiengangssuche mit der ZEIT.

Doch ehe Sie bangen, ob es Sie für diese Ihre Traumtätigkeit aus Stuttgart nach Schwerin verschlagen muss, absolvieren Sie besser Praktika – das Angebot ist umfassender, als ich dachte, etwa auf der gut nach Branchen sortierten Praktikumsbörse der kulturwissenschaftlichen Fakultät, Uni Paderborn – hier führt der Link direkt zu den Tourismus-Stellen. Auf der (nicht so gut sortierten) Seite der Praktikumsbörse der Uni Stuttgart müssen Sie mal selbst schauen, ob etwas Geeignetes dabei ist – jeder Schwabe wird verstehen, dass mir die Zeit zur Detailrecherche zu goschtbar ist. Dr. Lena Krull verwies mich auf die inzwischen zentral adminstrierte Job- und Praktikumsbörse der Uni Münster, wo Sie nicht, wie in Paderborn, nach Branchen wählen, sondern nach Qualifkationsmerkmalen der Stelle (Praktikum, Traineestelle, Job, Karriereevent, Praxisprojekt etc.). Falls hier keine Angebote für Ihre Region stehen, haben Sie jedoch einen Anhaltspunkt, wonach Sie suchen können, sowohl in den Praktikumsbörsen Ihrer Uni als auch in den Gelben Seiten Ihrer Region.

Weiterlesen können Sie auch im Blogeintrag Reisen vom 1.Oktober.

Der Nachrichtendienst für Historiker

[update, 11.3.2013] ist aufgrund des Leistungsschutzrechtes für Presseverleger eingestellt. Tobias Berg hält auf der facebook-Seite alle Interessierten über die weitere Entwicklung auf dem Laufenden.

Der NFH war eine von Hand erstellte (!) online-Presseschau, die Tobias Berg mühevoll und seit 1995 (!) pflegt. Sie fanden dort Kompilationen zum Historikertag, mit Rezension, mit Audio und Video und lernten folglich viel über Crossmedialität. Immer noch lesen können Sie die Seite über den NFH, auf der Berg seinen Werdegang, seine Motivation und die Einbindung des Dienstes in Alltagspragmatik schildert.

Nachrichtendienst für Historiker

Leseumwege

Für meine Habilitation in progress las ich vor einigen Jahren ein sehr anregendes Buch, das zwar eigentlich, pflegt man eine brotgelehrte Identität, nicht in meine Epoche und in meine Disziplin passt, doch eine gewisse gegenständliche Verwandtschaft auch nicht leugnen konnte:

François Jullien: Der Umweg über China, Berlin 2001

Jullien entwickelt darin am Beispiel der Beschäftigung mit China eine Haltung, das Denken die Richtung wechseln zu lassen, nicht allein kulturelle Komparatistik, sondern Selbstreflexion zu betreiben, indem er versucht, sein Denken zu entwurzeln und seine Vorverständnisse der Welt zu erkunden. Er wurde für diese Art der Philosophie kritisiert, aber befindet sich in bester Tradition und Variation seit

Georg Forster: Reise um die Welt (1778/80), Frankfurt am Main 1983.

Dem Brotgelehrten steht es freilich nicht gut zu Gesicht, das Denken die Richtung wechseln zu lassen, zumal als (Selbst)Erkenntnishaltung; „Konformität“ lautet die Devise. Dennoch packte mich ein philosophischer Dämon, als ich vor dem Zeitschriftenregal stand und wie gewohnt nach der ZEIT greifen wollte – deren Lektüre pflegt mein intellektuelles Selbstbild ohne es herauszufordern, sie lässt sich dekorativ als Statusobjekt im Kinderwagen verstauen und ich kann sicher sein, dass ich dort nur in Ausnahmefällen auf Positionen treffe, die mich beim Zitat im Freundes- und Kollegenkreis nachhaltig unmöglich machen.

Nun aber ein Experiment, natürlich legitimiert durch das anstehende Berufsfelder-Seminar, in dem sich bestimmt wieder viele KommilitonInnen für den Journalismus interessieren. Ich werde vermutlich etwas zur Vielfalt der Branche sagen müssen. Ich griff also zu brand eins (Wirtschaftsmagazin), c’t (Magazin für Computertechnik) und Junge Freiheit (tja… eine Wochenzeitung).

Die beiden ersten sind schnell abgehandelt: Die Lektüre der brand eins war hochinteressant und mahnte mich, mein Wirtschaftswissen aufzufrischen. Essays, seitenweise ohne Bild und Grafik und doch ansprechend im Layout, eine Rubrik, die Zahlen „sprechen“ lässt, ohne zu kommentieren (S. 10), Meinungsbeiträge, Reportagen – insgesamt von einer sprachlichen, ästhetischen, analytischen und Recherchequalität, die schöne Beispiele für journalistische Praxis bieten.

Die Lektüre der c’t war gleichfalls hochinteressant, wenn sie mich bisweilen auch an die Grenzen meines technischen Verständnisses brachte. Mein Vorurteil, Informatiker hätten bestimmt keinen guten Stil (wenn überhaupt einen), wurde rasch zunichte gemacht; insbesondere die Berichte von Tests oder Experimenten sind kurzweilig. Als Belegstrategie dienen u.a. Grafiken und Tabellen, die, anders als z. B. bei der Stiftung Warentest, noch nicht „gerankt“ sind (es tat gut, die Möglichkeit und zugleich den Verzicht auf Nützlichkeitsbewertungen zu sehen und dies einem offenbar als kompetent erachteten Leser zu überlassen). Gewinnbringend waren weiterhin die Buchrezensionen, die u.a. Titel vorstellen, die einen unmittelbaren Bezug zu kultur- und geisteswissenschaftlichen Fragestellungen aufweisen. Die Rezensionen von Computerspielen waren für mich willkommenes Neuland – zunächst wunderte ich mich, dass man sich ernsthaft mit derartigen Spielwelten auseinandersetzt, doch dann besann ich mich, dass es ja auch durchaus Wissenschaftszweige gibt, die Personal und Mittel in hoher Zahl für die Erforschung von Fiktionen bereithalten … , zumal auch Computerspiele inzwischen Gegenstand der Geschichtswissenschaft sind, siehe z. B.:

Rainer Pöppinghege: Wenn Geschichte keine Rolle spielt: „Historische“ Computerspiele, in: Wolfgang Hardtwig/ Alexander Schug (Hg.): History Sells! Angewandte Geschichte als Wissenschaft und Markt, Stuttgart 2009, S. 131-138

Angela Schwarz (Hg.): „Wollten Sie auch immer schon einmal pestverseuchte Kühe auf Ihre Gegner werfen?“. Eine fachwissenschaftliche Annäherung an Geschichte im Computerspiel, Münster 2010

Ähnlich naiv-neugierig ging ich an die Junge Freiheit. Der Verkäufer beglückwünschte mich; das sei nämlich ein Blatt, das sich traue, zu schreiben, was die anderen verschwiegen. Ich hatte mal diffus von der JF gehört, und nach diesen warmen Worten war ich mir sicher, dass der Tenor war, der Titel schrecke ab, aber die Zeitung sei gut. Also erwartete ich so etwas wie – auch sehr lesenswert – der Freitag. Die Lektüre brachte mich erneut an meine Grenzen, und ich bin noch nicht wieder an sie zurückgelangt. Die Zeitung ist durchzogen von einem Gefühl der Bedrohung und Benachteiligung (bedroht werden die – deutsche – Nation, die Pressefreiheit bzw. Meinungsvielfalt und allerhand traditionelle Werte). Hier fand ich, was ich suchte: Verunsicherung meines Denkens. Natürlich will ich Pressefreiheit. Das bedeutet, dass ich pubertäre Respektlosigkeiten hinnehmen muss, wenn Wähler der Grünen „Karottenkuchen-Klientel“ genannt werden (S. 34). Dass ich schlucken muss,  dass gut ausgebildete Menschen an eine „von der Homosexuellen-Bewegung errichtete Meinungsdiktatur“ (S. 32) glauben. Dass ich erst mich und dann Positionen, Argumente und Auseinandersetzungsbereitschaft sammeln muss, wenn der Anstieg der Asylbewerberzahlen nicht mit Krisen und Kriegen in Pakistan, Iran und Syrien erklärt wird, sondern – wo ist der Blick für globale Zusammenhänge und Prioritäten? – im Urteil des Bundesverfassungsgerichts von Juli 2012 zur Verfassungswidrigkeit der Asylbewerberleistungen (S. 7). Ich brauchte auch beschämend lange, um zu verstehen, warum der gedruckte Kommentar „Lieber wegschauen“ (S. 15), statt Immigraten sollten die Frauen, die Kinder abtreiben, ordentliche Hilfe erhalten, mich so sehr irritierte: Weil die Machtmatrix race, class, gender eben nicht überwunden ist und ich darüber eben „lieber wegschaue“. Weil in diesem Kommentar Frauen, die Kinder abtreiben, relativ zur als sozial wertlos definierten Gruppe der Immigranten sind. Weil hier Frauen kein Selbstbestimmungsrecht als mündige Personen zusteht, sondern sie als hilfsbedürftig entmachtet werden.

Nach diesen Irritationen schaute ich nach, wie die JF rezipiert wird und war sehr froh, dass ich mit meinem unguten Gefühl richtig lag – oder, im Jargon des Blattes, eben selbst Produkt der „politisch-korrekten Gesinnungswächter“ (S. 1) bin.

Jetzt habe ich die Sorge, dass ich falsch oder verkürzt zu dem Blatt zitiert werde. Um mich aus meinen unguten Gefühlen zu befreien, behalf ich mir zunächst mit Saint-Just: „Keine Freiheit den Feinden der Freiheit“, doch dieser Herr bietet bekanntlich auch eher Beispiele für blutige Lösungen. Zumal die JF ja auch noch für die „Freiheit“ ist. Also Voltaire – „Ich bin nicht Eurer Meinung, aber ich werde darum kämpfen, dass Ihr Euch ausdrücken könnt“? Die JF braucht wohl kaum meine Hilfe. Was kann Freiheit sein? Endet sie dort, wo Bequemlichkeit und Konformität beginnen? Kann ich die Lektüre eines Blattes empfehlen, um den Geist zu schärfen, auch wenn ich die dort vertretene Weltanschauung missbillige? Muss ich es gar, um nicht einseitig zu sein? Was ist Information, wo ist die Grenze zur Agitation? Die Lektüre hat gelohnt, da sie am Wohlgefühl beim Lesen der in unserer Peer Group akzeptierten Medien rüttelt.

Nicht das Blatt macht den Brotgelehrten, sondern seine Art, zu lesen. Also lesen Sie quer. Lesen Sie das Unbequeme, um zu verstehen, warum das Bequeme so behaglich ist – und um es nicht nur aus Bequemlichkeit zu erhalten. Schärfen Sie Ihren Blick für Beleg- und Argumentationsstrategien ebenso wie für Textsorten und Sprachstile. An ungewohnten, unbekannten Beispielen können Sie sich Repertoires aneignen: in den Arten zu lesen, Formen, zu schreiben, Strategien, zu argumentieren, Methoden, zu denken. Das ist Identität des philosophischen Kopfes, und, wenn Sie partout BrotgelehrteR bleiben wollen, berufsorientierte Schlüsselkompetenz.

Schnelle Hinweise:

Eckart Klaus Roloff: Journalistische Textgattungen, München 1982
Eckart Klaus Roloff: Journalisten-Werkstatt. Schreibprozesse – zehn Beispiele aus der Praxis, Aarau/Frankfurt am Main 1990
Telekolleg BR-online: Analyse journalistischer Darstellungsformen
Goethe-Institut: Journalismus im Wandel
Texten fürs Web

[Update:] Folgende Ausgaben der Zeitschriften bzw. Zeitung habe ich zugrunde gelegt: brand eins 10/2012, c’t 22/2012, Junge Freiheit 42/2012.

Projekte von Studierenden

Ein Vorurteil gegen das Bachelorstudium war und ist, dass es ein verschultes Schmalspurstudium sei, das keinen Raum für Kreativität, eigene Schwerpunkte und damit Persönlichkeitsbildung lasse. Aus studentischer Sicht überwog die Klage, derart viele Pflichten zu haben, dass keine Zeit für anderes bleibe und erst recht keine Zeit, die für den Berufseinstieg geforderten „zusätzlichen Erfahrungen“ zu sammeln. Ich habe nie genau verstanden, ob es bei diesen Klagen darum ging, Verständnis für die Situation zu schaffen, etwaige weitere Pflichten abzuwehren, Veränderungen in der Studienstruktur herbeizuführen oder die Erwartung zu äußern, dass der Arbeitsmarkt sich den Absolventen insofern annähern solle, als dass ein Studium als Qualifikation für einen Berufsanfänger genügt. Vermutlich ist von allem und noch mehr etwas enthalten.

Ein geisteswissenschaftliches Studium genügt in der Regel nicht, um einen Beruf auszuüben. Es ist keine Ausbildung. Die Berufe, die für GeisteswissenschaftlerInnen in Frage kommen, gewinnen ihr Profil stets aus einer Reihe von Komponenten, zu denen sowohl die Anforderungen der im Beruf ausgeübten Tätigkeit, die Methoden und Inhalte eines affinen wissenschaftlichen Studiums und die Persönlichkeit, Kompetenzen und Erfahrungen des Bewerbers/ Stelleninhabers zählen. Es hilft, das Studium nicht nur als Zeit der Wissensakkumulation und Qualifikation zu verstehen, sondern als Lebensphase, die Ausprobieren, Üben, Irren, Neubesinnen, Enthusiasmus, Erfahrungen sammeln erlaubt – in der Identität, in der Mode, in der Liebe, und eben auch in den Aspekten, die für einen Beruf eignen.

Es gibt eine Reihe guter Beispiele dafür, wie Studierende dem vermeintlichen Zwang zur Nützlichkeit, Effizienz und inhaltlichen Reduktion trotzen – und damit die Frage erlauben, wer diesen Zwang eigentlich schafft und steuert? Ist er eine Hyperrealität?

Hier verlinke ich nicht auf eine Worterklärung. Lesen Sie
Jean Baudrillard: Agonie des Realen, Berlin 1978.

Z. B.:

  • Schulmuseum Paderborn e.V.: Studierende entwickelten im Rahmen eines Seminars Ideen zur Attraktivitätssteigerung des Museums: Link.
  • Ein Teilnehmer meines Seminars in Stuttgart, SoSe 2012, sammelt Erfahrungen in seinem Kino- und Filmmusikblog Hemator.
  • Es gibt studentische Werbeagenturen, z. B. Werbeliebe in Pforzheim, und Unternehmensberatungen, die in Dachverbänden organisiert sind – im wikipedia-Artikel gelistet.
  • Auch auf das Projekt geisteswirtschaft sei erneut verwiesen.
  • An der Heinrich-Heine Universität Düsseldorf: Link
  • Im Fachsprachenzentrum der Uni Bielefeld: Link
  • „Erstsemester in Studium“ erinnert auf der Website Campuscontent an die Studentenprojekte in Stuttgart 1989 (zur Aktualität der Französischen Revolution) und 1991 (Theatre Performance Act  “Reden statt Töten” als Statement gegen den II. Golfkrieg).

Viele weitere Beispiele für studentische Projekte finden Sie in den Fachhochschulen. Häufig fällt es uns in der Universität gar nicht ein, in deren Programme und Methoden zu schauen, zumal Geisteswissenschaften nicht an den FHs studiert werden können – eine Wahrnehmungslücke, die insbesondere der Frage der Lehrenden, wie um aller Welt in der Flut von Pflichten auch noch Employability gelehrt werden soll, Abhilfe schaffen könnte. Gerade in den (angewandten) Medienwissenschaften bestehen ja sowohl epistemologische Verwandtschaften als auch Berufswünsche unserer Studierenden.

Studentenprojekte SAE Wien

Ich freue mich über weitere Hinweise. Und lesen Sie diesen Text bitte nicht als Aufforderung, nun auch noch innovativ, kreativ, medienaffin, engagiert in studentische Projekte zu starten, sondern als Ermunterung, die Grenzen des Studiums zu hinterfragen.

Österreich, Schweiz

Ich wurde sanft darauf hingewiesen, dass ich in „Berufe für Historiker“ so gut wie nichts zur Berufstätigkeit in Österreich und in der Schweiz schrieb. Das stimmt und ist ein vollkommen neues Feld für mich, entschuldigen Sie bitte beides. Daher hier eine kleine Einstimmung:

Falls Sie die Idee haben, in Österreich ein Unternehmen zu gründen, gibt Ihnen das Gründerlexikon sachdienliche Hinweise für den Grenzübertritt aus Deutschland. Dort angekommen – ob gedanklich oder leibhaftig, ist hier irrelevant – hilft Ihnen die österreichische Seite Gründungswissen weiter.

Auch für die Schweiz gibt es ein Gründerportal online sowie einen Existenzgründer-Blog.

Situationskomik entstand bei der Recherche, als ich die historikerkanzlei fand und dachte: Historiker und Juristen gründen gemeinsam ein Unternehmen, das ist ja eine gute Idee, die Kombination kenne ich nur von der Archivschule Marburg. Doch die Seite zeigte sehr schnell, dass ich meinem Unwissen aufgesessen war, denn:

„Anders als in Deutschland, der Schweiz, Großbritannien, den USA und vor allem Frankreich, in denen genealogisch-historische Büros selbstverständlich […] sind, sind diese Einrichtungen in Österreich bisher relativ unbekannt.“

Die Kanzlei leistet genealogische Recherchen, hilft bei der Erbenermittlung und bietet andere historische Dienste. Die Mitarbeiterangaben sind beeindruckend: 42 Mitarbeiter am Ort und ca. 120 freiberufliche Korrespondenten und Partner in nahezu 100 Ländern!

Und tatsächlich lohnt ein Blick auf die genealogischen Dienstleistungen (eine weitere Lücke des Berufe-Buchs, tss, aber leicht mithilfe Freuds zu erklären); bereits eine unbeholfene Suchmaschinenabfrage ließ mich diesen jedoch ob der schieren Unermesslichkeit der Treffer auf einen klareren Tag verschieben. Doch wer selbst in Links ertrinken möchte, kann hier beginnen:

für Deutschland: http://ahnenforschungen.de/

für Österreich: GFS-Austria

für die Schweiz: SGFF