Ich habe ein bisschen auf meiner Reise gelernt. Über Polder, Robben, Tee und den Verzicht auf Schlossbesuche auf der Spur von chinesischen Überresten (ich bin auf die Museen ausgewichen, hat aber niemand gemerkt – habe also auch etwas über erfolgreiche Verschleierungstaktik gelernt).

Reisen gehört traditionell zur (Aus)Bildung, daran erinnern zünftige Gesellen in ihren Wanderjahren, die bisweilen tatsächlich immer noch trampen. Attilio Brilli interpretierte hingegen die adlige Grand Tour weniger als Bildung denn als Genese des modernen Tourismus. Ach ja, die Bolognareform findet das Reisen auch ganz gut und politisiert es unter dem Ideologiebegriff „Internationalisierung“, was freilich für die Studienpraxis nicht immer institutionell unterstützt (wenn nicht gar gehemmt) wird – aber was sind schon ECTS-Anerkennungshampeleien gegen die Hürden in familiärer und obrigkeitlicher Abhängigkeit, Währungen, Passwesen und politischen Grenzen der Vergangenheit?

Reisen also ist ebenso Element von Bildung und gehört damit in das Studium, als es auch Gegenstand wissenschaftlicher Reflexion ist und insofern ein professionelles Beschäftigungsfeld bietet. Eine Forschungsstelle zur Historischen Reisekultur befindet sich z. B. an der Landesbibliothek Eutin. Der Verein für kritische Geschichtsschreibung e.V. hat Bd. 36 seiner Reihe WerkstattGeschichte dem Tourismus gewidmet – auch dies die Möglichkeit für einen schnellen Überblick und erste vertiefte Auseinandersetzungen.

Auch jenseits der Forschung über das Reisen bietet jenes Berufschancen für Geisteswissenschaftler. Doch es gilt abzuwägen: Für eine Spezialisierung in dieser Branche spricht, dass der Tourismus einer der größten Wirtschaftszweige überhaupt und weltweit ist und sich entsprechend viele und vielfältige Beschäftigungsmöglichkeiten hier ergeben. Risiken liegen eben darin: Sie müssen die Chancen selbst finden, vielleicht gar selbst schaffen; Sie müssen mit Spezialisten (Touristikfachleuten) und Dilettanten (die mitunter den Marktpreis für Wissen und Bildung senken und von Außenstehenden nicht unbedingt von Profis unterschieden werden können) konkurrieren; Sie müssen selbst viel reisen, was Körper und Familienleben beansprucht. Es gilt auch zu berücksichtigen, dass neben dem Reisen stets auch die Bildung im Zentrum steht – entsprechend brauchen Sie ein bisschen „Lehrer“ in sich.

Was könnten Sie arbeiten? Z. B. Konzeption und/ oder Reiseleitung von Studien- oder Bildungsreisen, Erstellen der passenden Unterlagen, Verfassen von Reiseführern, Dienstleistung für Planung und Förderung touristischer Projekte in Ihrer Region.

Was brauchen Sie dazu? Wenn Sie nicht bei einschlägigen Kulturreiseveranstaltern angestellt sind, brauchen Sie voraussichtlich Fähigkeiten als Unternehmer. Weiterhin auch als Angestellte Sprach-, Orts- und Orientierungskenntisse, Fachwissen über die bereisten Stätten und deren Kontexte, körperliche Fitness, Kommunikationskompetenz, Zielgruppenorientierung und gutes Benehmen (auch in der bereisten Kultur), Humor und Unterhaltungsgabe. Wie stets also eine Mischung aus Persönlichkeit, im Studium erworbenem Wissen und geübten Kompetenzen sowie spezialisierter Fortbildung.

Wer kann Ihnen beim Einstieg helfen? Ein Beispiel für eine universitäre Ausgründung und studentische Einbindung ist Histouria an der Uni Stuttgart. Der deutsche Reiseleiterverband bietet Ausbildungen zum Reiseleiter an. Der Veranstalter Studiosus schult seine Reiseleiter selbst. Die Welttourismusorganisation UNWTO bietet allgemeine Informationen (und natürlich grundsätzlich auch Arbeitsplätze). Die Plattform Geschichtsreisen zeigt Ihnen die das Engagement „privater“ (= nicht notwendig akademischer) Historiker in diesem Bereich.

Glaubitz, Gerald: Histourismus in der Erwachsenenbildung und auf Reisen,
– das ist ein Artikel aus einem Sammelwerk oder einer Zeitschrift. Gut, dass dies kein wirklich wissenschaftlicher Blog ist, denn dann müsste ich erstmal die Quelle eruieren, so kann man das eigentlich nicht zitieren! So kann ich hier den guten Tipp für’s Studium anbringen, beim Kopieren von Aufsätzen stets auch Titelblatt und Inhaltsverzeichnis des gesamten Bandes mitzuerfassen.

Vielleicht ja hieraus: Mütter, Bernd (Hg.): Geschichte des Histourismus in der Erwachsenenbildung und auf Reisen, Universität Oldenburg 2009

Zu dem Band und dem Konzept HisTourismus: Artikel Reisen bildet in der Netzeitung

[update 21.10.2013] Georg Röwekamp: Reisen als Beruf. Theologe und Geschäftsführer „Biblische Reisen“, in: René Possél (Hg.): Berufe für Theologen, Darmstadt 2004, S. 59-67 sowie
Reisedienst für biblische Studienreisen: ökumenisches Unternehmen, das Reiseleiter sucht und ausbildet.