Ein Vorurteil gegen das Bachelorstudium war und ist, dass es ein verschultes Schmalspurstudium sei, das keinen Raum für Kreativität, eigene Schwerpunkte und damit Persönlichkeitsbildung lasse. Aus studentischer Sicht überwog die Klage, derart viele Pflichten zu haben, dass keine Zeit für anderes bleibe und erst recht keine Zeit, die für den Berufseinstieg geforderten „zusätzlichen Erfahrungen“ zu sammeln. Ich habe nie genau verstanden, ob es bei diesen Klagen darum ging, Verständnis für die Situation zu schaffen, etwaige weitere Pflichten abzuwehren, Veränderungen in der Studienstruktur herbeizuführen oder die Erwartung zu äußern, dass der Arbeitsmarkt sich den Absolventen insofern annähern solle, als dass ein Studium als Qualifikation für einen Berufsanfänger genügt. Vermutlich ist von allem und noch mehr etwas enthalten.

Ein geisteswissenschaftliches Studium genügt in der Regel nicht, um einen Beruf auszuüben. Es ist keine Ausbildung. Die Berufe, die für GeisteswissenschaftlerInnen in Frage kommen, gewinnen ihr Profil stets aus einer Reihe von Komponenten, zu denen sowohl die Anforderungen der im Beruf ausgeübten Tätigkeit, die Methoden und Inhalte eines affinen wissenschaftlichen Studiums und die Persönlichkeit, Kompetenzen und Erfahrungen des Bewerbers/ Stelleninhabers zählen. Es hilft, das Studium nicht nur als Zeit der Wissensakkumulation und Qualifikation zu verstehen, sondern als Lebensphase, die Ausprobieren, Üben, Irren, Neubesinnen, Enthusiasmus, Erfahrungen sammeln erlaubt – in der Identität, in der Mode, in der Liebe, und eben auch in den Aspekten, die für einen Beruf eignen.

Es gibt eine Reihe guter Beispiele dafür, wie Studierende dem vermeintlichen Zwang zur Nützlichkeit, Effizienz und inhaltlichen Reduktion trotzen – und damit die Frage erlauben, wer diesen Zwang eigentlich schafft und steuert? Ist er eine Hyperrealität?

Hier verlinke ich nicht auf eine Worterklärung. Lesen Sie
Jean Baudrillard: Agonie des Realen, Berlin 1978.

Z. B.:

  • Schulmuseum Paderborn e.V.: Studierende entwickelten im Rahmen eines Seminars Ideen zur Attraktivitätssteigerung des Museums: Link.
  • Ein Teilnehmer meines Seminars in Stuttgart, SoSe 2012, sammelt Erfahrungen in seinem Kino- und Filmmusikblog Hemator.
  • Es gibt studentische Werbeagenturen, z. B. Werbeliebe in Pforzheim, und Unternehmensberatungen, die in Dachverbänden organisiert sind – im wikipedia-Artikel gelistet.
  • Auch auf das Projekt geisteswirtschaft sei erneut verwiesen.
  • An der Heinrich-Heine Universität Düsseldorf: Link
  • Im Fachsprachenzentrum der Uni Bielefeld: Link
  • „Erstsemester in Studium“ erinnert auf der Website Campuscontent an die Studentenprojekte in Stuttgart 1989 (zur Aktualität der Französischen Revolution) und 1991 (Theatre Performance Act  “Reden statt Töten” als Statement gegen den II. Golfkrieg).

Viele weitere Beispiele für studentische Projekte finden Sie in den Fachhochschulen. Häufig fällt es uns in der Universität gar nicht ein, in deren Programme und Methoden zu schauen, zumal Geisteswissenschaften nicht an den FHs studiert werden können – eine Wahrnehmungslücke, die insbesondere der Frage der Lehrenden, wie um aller Welt in der Flut von Pflichten auch noch Employability gelehrt werden soll, Abhilfe schaffen könnte. Gerade in den (angewandten) Medienwissenschaften bestehen ja sowohl epistemologische Verwandtschaften als auch Berufswünsche unserer Studierenden.

Studentenprojekte SAE Wien

Ich freue mich über weitere Hinweise. Und lesen Sie diesen Text bitte nicht als Aufforderung, nun auch noch innovativ, kreativ, medienaffin, engagiert in studentische Projekte zu starten, sondern als Ermunterung, die Grenzen des Studiums zu hinterfragen.