Für meine Habilitation in progress las ich vor einigen Jahren ein sehr anregendes Buch, das zwar eigentlich, pflegt man eine brotgelehrte Identität, nicht in meine Epoche und in meine Disziplin passt, doch eine gewisse gegenständliche Verwandtschaft auch nicht leugnen konnte:

François Jullien: Der Umweg über China, Berlin 2001

Jullien entwickelt darin am Beispiel der Beschäftigung mit China eine Haltung, das Denken die Richtung wechseln zu lassen, nicht allein kulturelle Komparatistik, sondern Selbstreflexion zu betreiben, indem er versucht, sein Denken zu entwurzeln und seine Vorverständnisse der Welt zu erkunden. Er wurde für diese Art der Philosophie kritisiert, aber befindet sich in bester Tradition und Variation seit

Georg Forster: Reise um die Welt (1778/80), Frankfurt am Main 1983.

Dem Brotgelehrten steht es freilich nicht gut zu Gesicht, das Denken die Richtung wechseln zu lassen, zumal als (Selbst)Erkenntnishaltung; „Konformität“ lautet die Devise. Dennoch packte mich ein philosophischer Dämon, als ich vor dem Zeitschriftenregal stand und wie gewohnt nach der ZEIT greifen wollte – deren Lektüre pflegt mein intellektuelles Selbstbild ohne es herauszufordern, sie lässt sich dekorativ als Statusobjekt im Kinderwagen verstauen und ich kann sicher sein, dass ich dort nur in Ausnahmefällen auf Positionen treffe, die mich beim Zitat im Freundes- und Kollegenkreis nachhaltig unmöglich machen.

Nun aber ein Experiment, natürlich legitimiert durch das anstehende Berufsfelder-Seminar, in dem sich bestimmt wieder viele KommilitonInnen für den Journalismus interessieren. Ich werde vermutlich etwas zur Vielfalt der Branche sagen müssen. Ich griff also zu brand eins (Wirtschaftsmagazin), c’t (Magazin für Computertechnik) und Junge Freiheit (tja… eine Wochenzeitung).

Die beiden ersten sind schnell abgehandelt: Die Lektüre der brand eins war hochinteressant und mahnte mich, mein Wirtschaftswissen aufzufrischen. Essays, seitenweise ohne Bild und Grafik und doch ansprechend im Layout, eine Rubrik, die Zahlen „sprechen“ lässt, ohne zu kommentieren (S. 10), Meinungsbeiträge, Reportagen – insgesamt von einer sprachlichen, ästhetischen, analytischen und Recherchequalität, die schöne Beispiele für journalistische Praxis bieten.

Die Lektüre der c’t war gleichfalls hochinteressant, wenn sie mich bisweilen auch an die Grenzen meines technischen Verständnisses brachte. Mein Vorurteil, Informatiker hätten bestimmt keinen guten Stil (wenn überhaupt einen), wurde rasch zunichte gemacht; insbesondere die Berichte von Tests oder Experimenten sind kurzweilig. Als Belegstrategie dienen u.a. Grafiken und Tabellen, die, anders als z. B. bei der Stiftung Warentest, noch nicht „gerankt“ sind (es tat gut, die Möglichkeit und zugleich den Verzicht auf Nützlichkeitsbewertungen zu sehen und dies einem offenbar als kompetent erachteten Leser zu überlassen). Gewinnbringend waren weiterhin die Buchrezensionen, die u.a. Titel vorstellen, die einen unmittelbaren Bezug zu kultur- und geisteswissenschaftlichen Fragestellungen aufweisen. Die Rezensionen von Computerspielen waren für mich willkommenes Neuland – zunächst wunderte ich mich, dass man sich ernsthaft mit derartigen Spielwelten auseinandersetzt, doch dann besann ich mich, dass es ja auch durchaus Wissenschaftszweige gibt, die Personal und Mittel in hoher Zahl für die Erforschung von Fiktionen bereithalten … , zumal auch Computerspiele inzwischen Gegenstand der Geschichtswissenschaft sind, siehe z. B.:

Rainer Pöppinghege: Wenn Geschichte keine Rolle spielt: „Historische“ Computerspiele, in: Wolfgang Hardtwig/ Alexander Schug (Hg.): History Sells! Angewandte Geschichte als Wissenschaft und Markt, Stuttgart 2009, S. 131-138

Angela Schwarz (Hg.): „Wollten Sie auch immer schon einmal pestverseuchte Kühe auf Ihre Gegner werfen?“. Eine fachwissenschaftliche Annäherung an Geschichte im Computerspiel, Münster 2010

Ähnlich naiv-neugierig ging ich an die Junge Freiheit. Der Verkäufer beglückwünschte mich; das sei nämlich ein Blatt, das sich traue, zu schreiben, was die anderen verschwiegen. Ich hatte mal diffus von der JF gehört, und nach diesen warmen Worten war ich mir sicher, dass der Tenor war, der Titel schrecke ab, aber die Zeitung sei gut. Also erwartete ich so etwas wie – auch sehr lesenswert – der Freitag. Die Lektüre brachte mich erneut an meine Grenzen, und ich bin noch nicht wieder an sie zurückgelangt. Die Zeitung ist durchzogen von einem Gefühl der Bedrohung und Benachteiligung (bedroht werden die – deutsche – Nation, die Pressefreiheit bzw. Meinungsvielfalt und allerhand traditionelle Werte). Hier fand ich, was ich suchte: Verunsicherung meines Denkens. Natürlich will ich Pressefreiheit. Das bedeutet, dass ich pubertäre Respektlosigkeiten hinnehmen muss, wenn Wähler der Grünen „Karottenkuchen-Klientel“ genannt werden (S. 34). Dass ich schlucken muss,  dass gut ausgebildete Menschen an eine „von der Homosexuellen-Bewegung errichtete Meinungsdiktatur“ (S. 32) glauben. Dass ich erst mich und dann Positionen, Argumente und Auseinandersetzungsbereitschaft sammeln muss, wenn der Anstieg der Asylbewerberzahlen nicht mit Krisen und Kriegen in Pakistan, Iran und Syrien erklärt wird, sondern – wo ist der Blick für globale Zusammenhänge und Prioritäten? – im Urteil des Bundesverfassungsgerichts von Juli 2012 zur Verfassungswidrigkeit der Asylbewerberleistungen (S. 7). Ich brauchte auch beschämend lange, um zu verstehen, warum der gedruckte Kommentar „Lieber wegschauen“ (S. 15), statt Immigraten sollten die Frauen, die Kinder abtreiben, ordentliche Hilfe erhalten, mich so sehr irritierte: Weil die Machtmatrix race, class, gender eben nicht überwunden ist und ich darüber eben „lieber wegschaue“. Weil in diesem Kommentar Frauen, die Kinder abtreiben, relativ zur als sozial wertlos definierten Gruppe der Immigranten sind. Weil hier Frauen kein Selbstbestimmungsrecht als mündige Personen zusteht, sondern sie als hilfsbedürftig entmachtet werden.

Nach diesen Irritationen schaute ich nach, wie die JF rezipiert wird und war sehr froh, dass ich mit meinem unguten Gefühl richtig lag – oder, im Jargon des Blattes, eben selbst Produkt der „politisch-korrekten Gesinnungswächter“ (S. 1) bin.

Jetzt habe ich die Sorge, dass ich falsch oder verkürzt zu dem Blatt zitiert werde. Um mich aus meinen unguten Gefühlen zu befreien, behalf ich mir zunächst mit Saint-Just: „Keine Freiheit den Feinden der Freiheit“, doch dieser Herr bietet bekanntlich auch eher Beispiele für blutige Lösungen. Zumal die JF ja auch noch für die „Freiheit“ ist. Also Voltaire – „Ich bin nicht Eurer Meinung, aber ich werde darum kämpfen, dass Ihr Euch ausdrücken könnt“? Die JF braucht wohl kaum meine Hilfe. Was kann Freiheit sein? Endet sie dort, wo Bequemlichkeit und Konformität beginnen? Kann ich die Lektüre eines Blattes empfehlen, um den Geist zu schärfen, auch wenn ich die dort vertretene Weltanschauung missbillige? Muss ich es gar, um nicht einseitig zu sein? Was ist Information, wo ist die Grenze zur Agitation? Die Lektüre hat gelohnt, da sie am Wohlgefühl beim Lesen der in unserer Peer Group akzeptierten Medien rüttelt.

Nicht das Blatt macht den Brotgelehrten, sondern seine Art, zu lesen. Also lesen Sie quer. Lesen Sie das Unbequeme, um zu verstehen, warum das Bequeme so behaglich ist – und um es nicht nur aus Bequemlichkeit zu erhalten. Schärfen Sie Ihren Blick für Beleg- und Argumentationsstrategien ebenso wie für Textsorten und Sprachstile. An ungewohnten, unbekannten Beispielen können Sie sich Repertoires aneignen: in den Arten zu lesen, Formen, zu schreiben, Strategien, zu argumentieren, Methoden, zu denken. Das ist Identität des philosophischen Kopfes, und, wenn Sie partout BrotgelehrteR bleiben wollen, berufsorientierte Schlüsselkompetenz.

Schnelle Hinweise:

Eckart Klaus Roloff: Journalistische Textgattungen, München 1982
Eckart Klaus Roloff: Journalisten-Werkstatt. Schreibprozesse – zehn Beispiele aus der Praxis, Aarau/Frankfurt am Main 1990
Telekolleg BR-online: Analyse journalistischer Darstellungsformen
Goethe-Institut: Journalismus im Wandel
Texten fürs Web

[Update:] Folgende Ausgaben der Zeitschriften bzw. Zeitung habe ich zugrunde gelegt: brand eins 10/2012, c’t 22/2012, Junge Freiheit 42/2012.