Plagiat

Ich habe mindestens schon zwei Mal plagiiert.
Für meine Promotionsschrift saß ich über ein Jahr in einem katholischen Archiv, wo ich viele meine Vorurteile in Empirie verwandeln durfte. Als die zu bewältigenden Aktenberge fast auf die Tischplatte abgearbeitet waren, wies mich ein Archivar darauf hin, dass doch schon in den 70ern jemand am gleichen Korpus geforscht hätte – es gebe ein unveröffentlichtes Manuskript (aber natürlich keinen Eintrag im Benutzerblatt). Die nächsten zwei Wochen verbrachte ich damit, unsere Fundstellen abzugleichen, meine Formulierungen zu überprüfen, einen Weg zu finden, aus meinen Ergebnissen meine eigenen Leistungen zu destillieren und über eine Neuausrichtung meiner Arbeit nachzudenken.

Mein zweites Plagiat war ähnlich erschütternd. Ich reichte einen Aufsatz, der Nordwestdeutschland fokussierte, bei einer Zeitschrift ein. Der Text wurde elektronisch auf die Richtigkeit der Verweise geprüft und schlug an einer Stelle an, an der ich einen mir unbekannten Aufsatz von 1971 zu einem mir unbekannten Regenten in Savoyen paraphrasiert haben soll. Vor lauter Schreck habe ich benannten Aufsatz schnell in die Referenzen aufgenommen. Ich habe ihn bis heute nicht gelesen. Es blieb das Gefühl, mein Gedanke sei gar nicht meiner und eine Verunsicherung, nun als wissenschaftlich unredlich zu gelten – abgesehen von der schrecklichen Bildungslücke um Amadeus VIII. Aber das Programm gab Ruhe.

Wir haben beruflich viel mit der Frage nach Plagiaten zu tun, gleichgültig, für welche Variante geisteswissenschaftlichen Broterwerbs wir uns entscheiden. Wir müssen klären und definieren, wann ein Plagiat ein eben solches ist und wie wir mit Grenzfällen umgehen. Wie, unter welchen Prämissen arbeiten wir, wenn die Verunsicherung zu spüren ist, dass ein eigener Gedanke oder handwerkliches Ungeschick womöglich als Plagiat und damit als Betrug verstanden werden können? Wie verändert sich wissenschaftliche Kultur, wenn Kopieren&Einfügen und damit ein Entgleiten von Autorschaft zu beobachten sind, andererseits eine Debatte geführt wird, was geistiges Eigentum überhaupt sei, mehr noch: ob es so etwas gebe, oder es nicht einem deutschen Geniekult entspringt.

Mir scheint, wir müssen auch die sozialen Bedingungen unserer Wissensproduktion und damit unsere Arbeitsbedingungen hinterfragen:
Brauchen wir neue Redaktions- und Publikationsformen, wenn Kopieren&Einfügen letztlich auch ein Symptom der Redundanz ist, die sich durch unsere Publikationen zieht? Wenn doch der Inhalt schon an anderer Stelle verfügbar ist, warum ihn einfügen? Publizierten wir verstärkt digital, wäre durch einen Link manches Plagiat und noch mehr Langeweile vermieden. Gleiches gilt für straffere Textformen, die Forschungsüberblicke auslagerten. Ein Beispiel ist die Arbeit Planned Obsolescence von Kathleen Fitzpatrick – vielen Dank an Mareike König vom DHI Paris für den Hinweis.

Im Unterschied z. B. zu den Naturwissenschaften zählt in den Geisteswissenschaften das Individuum als Autor. Unsere Texte bilden unsere Identität, gleichzeitig präsentieren wir in ihnen unsere wissenschaftliche Persönlichkeit. Diese Art der Textproduktion weiß darum, dass zu gleicher Zeit an unterschiedlichen Orten identische Ideen entstehen können, aber sie bietet dafür bislang wenige Publikationsformen. Vielleicht sind Blogs erste Versuche, für sie entstehen derzeit auch wissenschaftliche Konventionen, siehe z. B. das Portal Hypotheses.

Zu unseren Aufgaben werden in Zukunft in Beruf und Wissenschaft (als Beruf) folglich verstärkt die Qualitätssicherung von Inhalten zählen. Das ist methodisch eigentlich gar nicht so neu. Der Nachweis der Fälschung der Konstantinischen Schenkung zählt dazu, ebenso ein close reading der von Autorengruppen verfassten Texte (z. B. Die Bibel) oder Betrachtungen der Veränderungen im Transkriptions- und Überlieferungsprozess (z. B. De bello gallico). Unsere Medien und unser Selbstverständnis haben sich jedoch verändert, ebenso die Rolle von Leser und Autor, und daraus resultieren veränderte Herausforderungen für Studierende, Lehrende, aber auch Ombudsleute.

Wie bewerten wir zukünftig Originalität und Diskurs? Die Urheberfrage ist ein gutes Anwendungsfeld für Diskurstheorien und ein Anlass, sich der Debatte um den Tod des Autors zu widmen.

Dass auch brotgelehrte Berufstätigkeit in diesem Themenfeld möglich ist, zeigt Stefan Weber, der u.a. als Plagiatsgutachter für wissenschaftliche Texte arbeitet.

Ich muss gestehen, dass ich zu diesem Thema noch nicht zu Ende gedacht habe. Natürlich ärgert und demotiviert mich mangelnde wissenschaftliche Integrität. Andererseits nimmt mir die Plagiiererei ebenso wie die daraus entstandene Suche nach Verfehlungen das Unverkrampfte, Freudvoll-Neugierige, Freie, das für mich Wissenschaft ausmacht – oder ausmachte?

Ob dies ein Plagiat ist? Vielleicht wird es mal eins sein. Ich weiß es nicht.

Weber, Stefan: Das Google-Copy-Paste-Syndrom. Wie Netzplagiate Ausbildung und Wissen gefährden, Hannover 2008

Österreichische Agentur für wissenschaftliche Integrität

Kommission „Wissenschaftliche Integrität“ der Schweizer Akademien der Wissenschaften

 FAQ zur Definition des Plagiats der HTW Berlin

2 Kommentare zu „Plagiat

  1. ich danke ihnen sehr für diesen artikel, besonders der letzte absatz bringt es für mich auf den punkt: die gesamte debatte und auch die entstandene nervosität lassen letztlich den autor übervorsichtig und ängstlich erscheinen. ich selbst habe jüngst meine magisterarbeit eingereicht. trotz der bemühung um „gute wissenschaftliche praxis“ hat mich der öffentliche diskurs nervös gemacht, einfach weil man gleichzeitig denkt: jetzt wird man die texte besonders kritisch unter die lupe nehmen. dann kann einem literatur, die inhaltlich ähnliche wege gegangen ist, die man aber aus diversen gründen nicht zur kenntnis genommen hat (manchmal geht einem eben was durch die lappen!), das genick brechen.
    insofern finde ich auch ihre verknüpfung richtig. wenn man über neue formen kollektiver arbeit und auch zugänge von inhalten redet, ließen sich redundanzen vermeiden und letztlich auch viel zeit sparen.

    1. Vielen Dank!
      Während meines Studiums stellte ich mir die kindliche Frage, ob z. B. die Farbe Rot stets gleich wahrgenommen wird, also quasi eine anthropologische Pantoneskala existiert, und wie Kommunikation funktionieren kann, wenn dem nicht so ist. Müde lächelnd gab mir ein Kommilitone Kants „Kritik der reinen Vernunft“, da stehe die Antwort drin. Das kann ich so zwar nicht bestätigen, aber es befindet sich der Hinweis darin, dass wir nur erkennen können, was Erscheinungen für uns sind. Es wird vorkommen, dass zwei Menschen einen identischen Weg zur Lösung eines Problems gegangen sind – und dies auch unabhängig voneinander mit ähnlichen Worten beschreiben (das liegt im zeitlichen und auch sozialen Kontext der Wissenschaft). Vielleicht kennen Sie die Geschichte der Begründung der Differentialrechnung durch Newton und Leibniz?
      Ich denke, uns darf mal etwas durch die Lappen gehen. Wenn wir uns gut in einem wissenschaftlich-sozialen Netz befinden, gibt es warscheinlich Kommilitonen, die die Augen für uns mit offenhalten – wir müssen eben kommunizieren und unbedingt Leser vorab finden. Wir brauchen auch verantwortungsvolle Betreuungsverhältnisse (und Raum und Zeit für diese). Wir brauchen Mut zur Individualität, Mut zu kurzen, problemorientierten, vielleicht provokativen Arbeiten, die keine Forschungsberichte sind, sondern eigene Gedanken offenbaren, explizieren und diskutieren – und vielleicht an der Beantwortung von Fragen nachvollziehbar(!) scheitern.

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