Der Artikel „Wie finde ich eine passende Stelle? Geisteswissenschaftler haben die Qual der Wahl […]“ von Catalina Schröder bei ZEIT CAMPUS RATGEBER online weckte sofort meine Aufmerksamkeit. Ich teile die Einschätzung, dass Schlüsselqualifikationen wie „Fremdsprachenkenntnisse, Organisationstalent oder die Fähigkeit, Probleme aus ungewöhnlichen Perspektiven zu betrachten“ Geisteswissenschaftler für potentielle Arbeitgeber attraktiv machen. Ich bin froh, dass die Berufschancen und der Broterwerb der Absolventen endlich ein Thema in Medien, Studienorganisation und Selbstverständnis sind.

Und doch bleibt ein schaler Beigeschmack.

Wählen Sie ein Studium wegen der Schlüsselqualifikationen, die Sie dort ausbilden können? Sind die Inhalte des Studiums Übungsmaterial? Dann könnten folgende Sätze in Ihr Profil passen: „Präsentationskompetenzen trainierte ich in meinen Referaten zu Genoziden des 20. Jahrhunderts.“ – „In meiner Hausarbeit zu Olympe de Gouges lernte ich, die Menschenrechte aus einer ungewöhnlichen Perspektive zu betrachten.“ – „Ich gehörte zum Vorbereitungsteam der gelungenen Studienfahrt nach Trier; ein Beleg für mein Organisationstalent.“
Aber erkennen Sie sich selbst darin wieder?

Die Beichte

Ich habe mich aus schwärmerischer Begeisterung und aus Neugierde eingeschrieben. Im emotionalen Überschwang meiner ausgehenden Teenagerzeit war ich von der Dramatik der Französischen Revolution mitgerissen; ich wollte Geschichte studieren, um dem Schicksal von Camille und Lucile Desmoulins nachzugehen. Natürlich landete ich schnell auf dem Boden der Tatsachen, konkret: in einem Proseminar Alte Geschichte, dessen Pflichtmäßigkeit ich akzeptieren musste ohne von ihrem Sinn überzeugt zu sein. Von nun an befand ich mich in der Spannung zwischen externen Erwartungshaltungen und Normvorgaben einerseits und eigenem Wissensdrang andererseits. Camille und Lucile warten noch heute und mit ihnen manch andere. Vermutlich ist Ihnen diese Struktur grundsätzlich gut bekannt.

Glücklicherweise fand ich Lehrer, die diesem Wissensdrang Priorität zumessen. Ich lernte Methoden kennen, um meine Fragen systematisch bearbeiten zu können, weiterhin Darstellungsformen zum angemessenen Ausdruck der Ergebnisse – hier übe ich immer noch, wie Sie sehen. Manchmal wurden mir andere Gleise gezeigt, manchmal wurde ich einfach in Ruhe gelassen, im vielleicht nervösen Vertrauen auf ein Ergebnis. Es war nicht immer konfliktfrei. Ein Wille zum Wissen (neinnein, natürlich nicht Foucault! „Warum verneinst Du?“, fragt Freud) und die Lust an den Inhalten bahnen sich aber sicherlich auch deswegen immer wieder einen Weg über die ökonomischen und psychologischen Hürden hinweg.

Die Predigt: Der blinde Fleck

Mir kommen die Inhalte, Methoden und Darstellungsformen unserer Fächer in den Debatten zur Berufsfähigkeit zu kurz. Immer wieder stellen wir erstaunt fest, dass sich die Studierenden für Geschichte, Literatur etc. interessieren und deshalb das Studium gewählt haben, vielleicht auf einer vorwissenschaftlichen Grundlage, aber das ist gleichgültig. Wichtig ist die Selbstverständlichkeit einer Kultur, die dem philosophischen Kopf, der Fähigkeit und Bereitschaft zum Wissensdurst Raum gibt – also tatsächlich eine „ungewöhnliche Perspektive“, jedoch nicht als Schlüsselkompetenz, sondern als Haltung und Teil der Persönlichkeit. Dazu gehören auch ethische Werte, deren Genese wir im Studium auf mehr als einer Ebene nachvollziehen, die wir hier hinterfragen dürfen – müssen!, deren Praxis wir beobachten und deren Grenzen und Relativität uns verunsichern können.

Es ist überhaupt nicht verwerflich, auf dieser Grundlage sein Brot erwerben zu wollen. Im Gegenteil: Diese Kultur muss die Grundlage des geisteswissenschaftlichen Broterwerbs sein und immer wieder infrage stellen, ob die Normvorgaben und diskursive Praxis des Studiums und der Beziehung zur Arbeitswelt dem gerecht werden – anstatt sich selbst zu rechtfertigen. Wahrhaft brotgelehrt sind Sie erst, wenn Sie sich Normen unterwerfen, ohne noch nach ihrer auctoritas zu fragen. Ich finde das auch nicht schlimm. Aber es ist eben nur einer der möglichen Wege. Oder ist es eine Kompetenz?

Marc Bloch: Apologie der Geschichtswissenschaft oder Der Beruf des Historikers, Stuttgart 1974

Anne Kwaschik/ Mario Wimmer (Hg.): Von der Arbeit des Historikers. Ein Wörterbuch zu Theorie und Praxis der Geschichtswissenschaft, Bielefeld 2010, Leseprobe

Friedrich Schiller: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?