Jetzt will also Herr Fitschen von der Deutschen Bank deren Vergangenheit „abarbeiten“ lassen, so das Zitat (?) im heutigen Artikel der ZEIT online. Da bieten sich doch Historiker an – ein neues Betätigungsfeld, vielleicht gar als Profiteure der Krise an deren Quelle?

Nein, die Idee ist nicht neu, und zugleich: Ja, Historiker können Banken als Arbeits- bzw. Auftraggeber nutzen. Jürgen Fitschen kann für sein „Abarbeiten“ (Sie wissen, Geschichte erledigt sich) ganz einfach auf Experten zurückgreifen, die institutionell der Deutschen Bank angegliedert sind: das Historische Institut der Deutschen Bank und die Historische Gesellschaft der Deutschen Bank. Beim historischen Institut kann man übrigens auch Praktika absolvieren; so tat es etwa Laura Herr, die derzeit Nora Hilgert als Geschäftsführerin des Verbandes der Historikerinnen und Historiker Deutschlands unterstützt. (Oh, da ist mir ja ein peinlicher Lapsus in der Wortreihung unterlaufen. Wer ihn zuerst findet und mailt oder postet, gewinnt ein Postkartenset von Bettina Flitner: 10 Europäerinnen).

Auch die Genossenschaftlichen Banken (Volks- und Raiffeisenbanken) beschäftigen Fachleute mit ihrer Geschichte. In den Bundesverband integriert ist die Stiftung GIZ – Genossenschaftshistorisches Informationszentrum, die ihre Bankarchive vernetzt (Tätigkeit also nicht nur für Historiker, auch für Archivare bzw. Dokumentare) sowie (laut Selbstbeschreibung) das gemeinsame historische Erbe „erschließt und bewahrt […]. Sie informiert und publiziert über die Entwicklung der genossenschaftlichen Unternehmen.“ Die Sparkassen bieten einen Überblick über ihre Archive, wissenschaftliches Engagement und Wissenschaftsförderung. Auf der verlinkten Seite können Sie zudem gut sehen, was Historiker in Sparkassen tun: z. B. Festschriften verfassen oder betreuen, Sammlungen verwahren und ergänzen, Stiftungsarbeit, Öffentlichkeitsarbeit. Ein Porträt des Historikers Nikolaus Braun, tätig für eine Bank, finden Sie auf Spiegel Online – insbesondere auch aufgrund der Beschreibung der Reaktionen seines wissenschaftlichen ebenso wie des nun beruflichen Umfeldes lesenswert.

Die Hoernerbank beschäftigt mit Detlef D. Hollatz einen Historiker, zu dessen Aufgaben die Erbenermittlung gehört. Genealogische Verfahren kommen hier zum Einsatz und aus der Abteilungsbeschreibung geht hervor, dass eine wesentliche Kompetenz in Kommunikation und Networking besteht. Erneut übrigens, wie schon in früheren Posts, findet sich hier ein Team aus Historiker und Jurist.

Natürlich liegt der Verdacht nahe, dass Historiker, die sich mit Banken beschäftigen, mit ihnen zusammen- oder für sie arbeiten, Brotgelehrte schlechthin sind, verdorben vom Kapital. Das muss nicht so sein. Eberhard Czichion ist – so Lothar Bisky – ein antikapitalistischer Aufklärer, der mit „Die Bank und die Macht. Hermann Josef Abs, die Deutsche Bank und die Politik“ (Köln 1970) eine „Kriminalgeschichte“ der Deutschen Bank als Teil des „aggressivsten Finanzkapitals […], das aus Krieg, Rüstung, Zwangsarbeit, Umweltkatastrophen und Klimaschädigung, Massenarbeitslosigkeit, Hunderttausenden von Konkursen kleiner Betriebe, Steuerhinterziehung und Devisenspekulation“ (vgl. Link zu Bisky) schrieb. Die Arbeit wurde übrigens nicht als Dissertation angenommen, Czichion verlor einen Prozess gegen Abs und das Buch durfte nicht weiter verbreitet werden. Er war an der Akademie der Wissenschaften der DDR tätig. Ungeachtet ihrer finanziellen Abhängigkeit bzw. vertraglichen Bindung müssen sich Bankhistoriker folglich ideologisch positionieren und ggf. auf Vereinnahmungen gefasst sein; ebenso auf Angriffe, die nicht in der Sache, sondern in der Weltanschauung und politischen Ordnung begründet liegen – in dem, was derzeit als „systemrelevant“ gilt. (Aber das ist eigentlich immer so. Hier tritt es nur deutlich hervor.)

Wissenschaftlich distanziert, doch ebenfalls „politisch“ ist das Interview, das Johannes Bähr zu seiner Forschung zur Verstrickung der Dresdner Bank in den Nationalsozialismus gab. Abstract, Gastvortrag an der Frankfurt School of Finance & Management. Falls Sie sich folglich schon im Studium auf Bankgeschichte bzw. Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte spezialisieren möchten, ist dies z. B. in Bochum möglich (Dieter Ziegler), in Erlangen (Wilfried Feldenkirchen), in Köln, in Göttingen (Jan-Otmar Hesse) oder nutzen Sie diese Liste (studieren-studium.com). In der Gesellschaft für Unternehmensgeschichte gibt es einen Arbeitskreis für Bank- und Versicherungsgeschichte; auch dessen Webpräsenz ist eine Möglichkeit, sich dem Thema zu nähern.

Nein, ich habe die versprochenen Kleinverlage nicht vergessen. Die Banken kamen mir gerade dazwischen, drängten sich quasi auf; Finanzkapital, das die Schlagzeilen beherrscht. Kleinverlage haben und brauchen – dies weiß ich aus eigener Erfahrung – Zeit, Geduld, Herzblut und wenig Geld. Also: Hinten anstellen!