Wissenschaftsladen Bonn e.V.

Manchmal braucht es ein Gespräch, damit mir etwas, das ich weiß, wieder bewusst wird. So verdanke ich einem Telefonat mit Alexandra Dickhoff, die die Geschäftsstelle Alumni Paderborn führt, den Re-Hinweis auf den Wissenschaftsladen Bonn. Zur Zielgruppe gehören zwar nicht nur Geisteswissenschaftler, aber auch, und wenn Sie sich darauf einlassen, können Sie von den Erfahrungen, aber auch der Rechtsform des Vereins (es ist eben keine private Beratungsagentur) reichlich profitieren.

Das Angebot umfasst die Zeitschrift „arbeitsmarkt“, die branchen- bzw. disziplinensortiert angelegt ist; für Geisteswissenschaftler gibt es den „arbeitsmarkt Bildung Kultur Sozialwesen„. Darin werden bundesweit Stellenangebote ausgewertet und nach Branchen sortiert. Nun kommt das Problem: Ich habe bereits in zwei Universitätsbibliotheken versucht, die Zeitschrift abonnieren zu lassen, erfolglos, es hat wohl irgendetwas mit der ISSN zu tun… Also muss man privat abonnieren oder sich mit einigen anderen Interessenten zusammenschließen.

Doch bereits die Internetseite ist ungemein hilfreich in der Planung des Berufseinstiegs. Sie finden Trends und Analysen zum Arbeitsmarkt, Tipps zur Stellensuche im Ausland, rechtliche Hilfestellungen, Hinweise zur Selbstständigkeit und ganz praktisch-pragmatische Handreichungen etwa zum Verfassen einer Bewerbung. Der Wissenschaftsladen unterhält darüber hinaus einen Infodienst und bietet (bzw. koordiniert) Workshops und Seminare. Seine Mitarbeiter beraten, werten arbeitsmarktbezogene Daten aus und führen Veranstaltungen bis hin zu Berufsmessen durch.

Der Wissenschaftsladen entstand in den 1980er Jahren nach niederländischem Vorbild – dies erklärt auch den heute kaum noch gebräuchlichen Namen. Ich zitiere aus dem Selbstverständnis: „Der Wissenschaftsladen Bonn e.V. wurde – allerdings ohne öffentliche Förderung – 1984 von einer Hand voll engagierter Studierender gegründet, die die Kluft zwischen Universität und Bürgern verringern wollten. […] [Er] hat sich […]  stets auf Themenfelder konzentriert, die für Bürgerinnen und Bürger gesellschaftlich und/oder ökologisch besondere Relevanz hatten. Projekte und Beratung leisten wir in drei Bereichen:

  • Arbeitsmarkt & Ausbildung
  • Bürgergesellschaft& Nachhaltigkeit
  • Gesundheit & Verbraucherschutz“

Einfacher und günstiger kommen Sie kaum an Informationen, die auf Ihre Studiengänge zugeschnitten sind und von Menschen, die Ihre Situation aus eigener Erfahrung kennen und nun ein paar Schritte weiter sind, professionell aufbereitet, kontextualisiert und mit Veranstaltungen begleitet werden.

Notiz: Geisteswissenschaftler Wirtschaft

Das heutige Netzfundstück: Maximilian Dorr, Geisteswissenschaftler, freier Journalist und Hobby-Suchmaschinenoptimierer (jaja Leute: Unterschätzt Eure Hobbies nicht!) bloggt allgemein über Geisteswissenschaftler in der Wirtschaft und hat einen Schwerpunkt auf BWL und Suchmaschinenoptimierung (SEO) gelegt. Das ist schön, denn google gilt als einer der beliebtesten Arbeitgeber, und ich wusste nie, wie ich mit meinen Studienfächern in den Genuss von Gleitzeit, firmeneigenen Fitnessstudios, Kinderbetreuung und erfreulichem Gehalt hätte kommen können. Dorr zeigt mögliche Wege auf, z. B. (Selbst)Studien- und Weiterbildungsangebote, berichtet von seinen Erfahrungen und gibt nützliche Hinweise auf brotgelehrte Werkzeuge.

Geisteswissenschaftler Wirtschaft

Heilpraktikerin und Yogi

Ja, Sie sind richtig, immer noch ist das Thema dieses Blogs die Berufstätigkeit von Geisteswissenschaftlern. Viele B.A./M.A.-Absolventen führt es in „die Wirtschaft“, aber wir wissen wenig darüber, wo genau sie ihre Plätze finden, was sie da tun und was ihre Arbeit mit ihrem Studium zu tun hat. Wir binden noch weniger in die Lehre ein, so dass eine Absolventin dies gar als „Mythos“ bezeichnete.

In den letzten Wochen fiel mir in meiner Freizeit eine Kombination von „Geisteswissenschaftlern in der freien Wirtschaft“ ins Auge, der ich erst Wert beimaß, als ich sie häufiger antraf: eine Germanistin, die Heilpraktikerin für Psychotherapie ist, eine Historikerin, die Yogalehrerin ist, ein Germanist, der eine Yogaschule gründete. Auf der Suche nach der richtigen Internetadresse für den Historikerverband stellte ich zudem fest, dass er das gleiche Kürzel trägt wie der Verband Heilpraktiker Deutschlands: VHD. Erst dachte ich: Guter Stoff für etwas Satire. Dann trieb mich die Neugierde.

Für den heutigen Text ging ich diesen Impulsen einmal nach, unsystematisch, um einen Zugang zu finden zu diesem unerwarteten beruflichen Werdegang. Ich gab mir eine Viertelstunde für die Suchmaschinenabfrage nach „Historiker + Heilpraktiker“. Die Treffer waren etwas schwerfällig zu verwerten, weil die Kombination nicht nur Heilpraktiker und Historiker ausspuckte, sondern auch Heilpraktiker, die Historiker widerlegten, solche, die sich auf Forschungen von Historikern stützen oder Schriften von Historikern und anderen Weltweisen zitierten. Auf den ersten drei Trefferseiten fanden sich immerhin fünf Personen, die sowohl Historiker als auch Heilpraktiker sind. Die Trefferquote für „Germanist+Heilpraktiker“ war deutlich besser und brachte keine Fundstreuung wie die „Historiker-Anfrage“: acht auf der ersten Seite. Welche Zusammenhänge könnten zwischen Studienfach und Heilpraxis bestehen, oder haben die Damen und Herren lediglich das Pferd gewechselt?

Die Suchanfrage „Germanist+Yoga“ führte mich schnell weiter: Die Treffer sprudelten, ich hörte auf, zu zählen, sämtliche geisteswissenschaftlichen Disziplinen waren vertreten. Besonders häufig erschien auf den ersten drei Trefferseiten die Fachkombination Philosophie und Germanistik, und der Grund hierfür ist naheliegend: Yoga ist nicht Entspannungsgymnastik zur Wiederherstellung der Arbeitskraft, sondern ein philosophisches System, zu dessen Praxis eben auch Geistes- (Meditation) und Körperübungen (Asanas) gehören. Ein Teilbereich des Yoga ist Svadhyaya: Selbststudium. So spekuliere ich nun, dass es vorwiegend zwei Wege zum Yoga für die Geisteswissenschaftler gab: entweder über einen Kurs mit Körperübungen, der dazu anregte, sich mit dem Hintergrund zu beschäftigen, damit zum Textstudium und in der Folge zur Ausbildung führte, oder über die Begegnung mit den yogischen Schriften im Kontext des (Universitäts)Studiums. Dass die meisten als Asana-Yogalehrer zu finden sind, wird mit der Notwendigkeit des Broterwerbs und mit unserem Gesundheitssystem zusammenhängen; Yoga hat derzeit Konjunktur und wird teilweise von den Krankenkassen bezuschusst – die Akquise fällt folglich leichter.

Ein Zugang zum Heilen, die Frage nach dem Wesen des Menschen aus Körper, Geist und Seele, die Tradition unserer Vorstellung von Gesundheit, Krankheit und Heilung können also Brücken zwischen diesen Bereichen sein. Die Ideen von Selbststudium und Erkenntnissuche sind natürlich Markenkerne der Geisteswissenschaft. In der Heilpraxis liegen zudem einige Methoden nahe an den Arbeitsweisen insbesondere der Sozialwissenschaften: Biographiearbeit, Familienaufstellungen oder systemische Therapie (die wiederum Verwandte im systemischen Coaching, der systemischen Sozialarbeit und der systemischen Unternehmensorganisation hat, siehe in diesem Zusammenhang auch Systemtheorie). Sämtlich handelt es sich hier um Methoden, die vom Heilpraktiker einen kompetenten, reflektierten, methodisch fundierten Umgang mit Sprache erfordern, etwa mit Paradoxien, Metaphern, Fragetechniken – gleichfalls Kernkompetenz von Geisteswissenschaftlerinnen.

In der Berufsorientierung während des Studiums werden Sie diese Brücken wohl nicht kennenlernen. Sie sind als Pfade in eine Berufstätigkeit kaum bekannt, geschweige denn systematisch befragt oder empirisch erfasst. Versuchen Sie mal, ein Praktikum in einem Yogastudio bei einem Dozenten als einschlägig anerkannt zu bekommen… Diese erste Versuchsbohrung zeigte mir jedoch, dass es Verbindungs- und Folgelinien zwischen einem Studium der Geschichte, Philosophie oder Germanistik und „Gesundheitsberufen“ gibt. Sie werden nicht selten gegangen, auch, wenn das Studium dafür keine Bedingung ist und auch, wenn häufig kostenpflichtige, lange, identitätserschütternde Ausbildungen im Anschluss an die akademische Ausbildung erforderlich sind.

Viele Links, auch zu den (unterschiedlichen) gesetzlichen Rahmenbedinungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz, enthält der Wikipedia-Artikel „Heilpraktiker“.

[update 24.8.2013] Bei der Lektüre der Zeitschrift yoga aktuell No 80, S. 66ff stieß ich auf den Philosophen und Theologen Dr. Christoph Quarch, dessen Ziel nach Aussage auf seiner Website es ist, Philosophie als Lebenskunst zu vermitteln und in den Alltag zu bringen. Er betätigt sich in für Geisteswissenschaftler üblicher Weise, nämlich mit Schreiben, Unterrichten, Vortragen, ergänzt um Reisen. Quarch wurde nicht als Yogi vorgestellt, sondern als Philosoph, der mit der „Erotik des Betens“ ein Thema reflektiert, das auch im Yoga (ebenso wie in anderen spirituellen Praktiken) relevant ist.

[update 28.8.2013] Ah, ein Beleg für eine Schnittmenge von Yoga und Philosophiestudium: Eckard Wolz-Gottwald ist als Dozent an der philosophisch-theologischen Hochschule in Münster tätig. Er gründete die Yogaschule „Yoga-Akademie Münster-Osnabrück“ und verfasste einige Werke, die sich der Yogaphilosophie widmen, etwa den „Yoga-Philosophie-Atlas“ (Petersberg 2006) und „Yoga-Weisheit leben. Philosophische Übungen für die Praxis“ (Petersberg 2009). Bemerkenswert ist: Auf seiner Dozentenhomepage der PTH Münster steht eine Auswahl wissenschaftlicher Veröffentlichungen zu denen diese Titel nicht zählen. Erneut zeigt sich, dass die wissenschaftliche Identität nicht unbedingt aus dem ganzen Menschen und seinem Schaffen besteht.

[update 20.9.2013] Werner Berning, Theologe und Physiotherapeut (klar, ein Physiotherapeut ist kein Heilpraktiker, aber die PT haben noch keinen eigenen Eintrag), berichtet von seinem Berufsweg, den Trennungen und den Verbindungen zwischen den beiden Berufen:

Werner Berning: Physiotherapie – das Land der unentdeckten Möglichkeiten. Vom Theologen zum Physiotherapeuten, in: Possél, René (Hg.): Berufe für Theologen, Darmstadt 2004, S. 115-126.

[update 7.101.13]: Über Dr. Patrick Broome, Psychologe und Yogalehrer, Inhaber des Jivamukti Yoga Studios Schwabing, berichtet Claudia Ziehm: Selbstständig arbeiten als Geistes- und Sozialwissenschaftler, Bielefeld 2003, S. 148-151. Diese drei Seiten sind gerade wegen des zeitlichen Abstands sehr interessant: War das Unternehmen 2003 in der Gründungsphase und berichtete Broome von seinen Plänen und Wünschen mit dem Studio, können Sie heute unschwer auf den Websites der Studios in Schwabing und München den Erfolg der Idee bewundern – und, unter „Lehrer“ weitere Absolventen unserer Disziplinen finden.

[update 21.10.2013]: Eine gute Einführung in die Philosophie des Yoga bietet

Anna Trökes: Die kleine [365 Seiten!] Yoga Philosophie. Grundlagen und Übungspraxis verstehen, München 2013.

Einen Überblick über verschiedene Traditionen, Schulen und Richtungen finden Sie in

Berufsverband der Yogalehrenden in Deutschland e.V. (Hg.): Der Weg des Yoga. Handbuch für Übende und Lehrende, Petersberg [7]2013.

Kleinverlag

Im Dezember versprach ich, durch die Unterbranchen der Kulturwirtschaft zu gehen, nun also der Schritt hin zur Buchwirtschaft mit dem Schwerpunkt Kleinverlage. Lange überlegte ich daran herum, da es doch ein weites Feld ist und hinsichtlich der konkreten Arbeitsmöglichkeiten eigentlich schnell zusammenzufassen:

  1. Sie können selbst einen Verlag gründen.
  2. Sie können als Honorarkraft bzw. unabhängige Agentin mit einem Verlag zusammenarbeiten, etwa zum Lektorat, Korrektorat, Projektmanagement.
  3. Sie können sich von einem Kleinverleger anstellen lassen – doch sei gleich erwähnt, dass diese Möglichkeit eher theoretischer Natur ist, denn Kleinverlage zeichnen sich durch einen winzigen Mitarbeiterstamm aus, der meist aus der bzw. den Eigentümern besteht.

Nun wollte ich recherchieren, doch gerade noch rechtzeitig fiel mir ein: Ich bin ja selbst Kleinverlegerin! Was ist schon Recherche gegen Erfahrung?

In einem Moment, in dem es mit dem Habilitationsschreiben nicht so recht voranging und zudem eine Festschrift vorbereitet werden musste, überlegte ich, wie ich zukünftig manchen Frust vermeiden könnte, unterbreitete meinem Mann die Idee, einen Verlag zu gründen, 20 Minuten später hatten wir einen Namen, da ja einer hermusste, ich fuhr am Nachmittag zum Ordnungsamt, um das Gewerbe anzumelden, und machte abends eine Flasche Prosecco auf, um dies zu feiern. So einfach geht also die Gründung.

Der zu vermeidende Frust bezog sich im Wesentlichen auf meine Erfahrung als Autorin und Herausgeberin; ich musste nämlich jeweils eine druckfertige Datei beim Verlag abgeben (Lektorat, Korrektorat und Satz lagen also ohnehin in meiner Hand), eine Abbildung für den Titel bereitstellen, sämtliche Rechte an Abbildungen und Karten besorgen sowie die erforderlichen Druckkosten einwerben. Und dann musste ich mich ärgern, falls ich mehr als drei Exemplare benötigte, dass ich sie dem Verlag abkaufen musste. Ich dachte, den „Rest“, nämlich Coverdesign, Organisation der Herstellung, Marketing und Vertrieb, kann ich dann auch noch einfach selbst machen oder in Auftrag geben. Ich hatte keinen Businessplan, keine Software, keine Erfahrung im Vermarkten von Büchern, aber Spaß an der Sache und damit den Spin, wieder an die ungeliebten Hauptaufgaben zu gehen.

Der Kontakt zu unserer ersten Autorin, Ellen Dunne, entstand über gemeinsame Freunde. An ihrem Buch WIE DU MIR lernte ich unendlich viel:

  • Über die Kalkulation des Ladenpreises und die Verzweiflung, wenn diese zerschossen wird, weil zwischen Test- und Endsatz plötzlich 200 Seiten mehr auftauchen.
  • Über die eigentlich geringe Gebühr für ISBN, aber Mindestabnahmezahlen.
  • Über das Problem, Büchersendungen innerhalb Europas zu verschicken und die Bundeszentrale für Steuern, über deren Website die Bestätigungen über die Befreiung von der Umsatzsteuer bei innergemeinschaftlichem Güterverkehr zu erhalten sind.
  • Überhaupt: die Berechnung der Umsatzsteuer. Ich wäre verloren, gäbe es nicht den online-Umsatzsteuerrechner.
  • Über Talent (Ellen) und Scheu (ich) beim Einsatz von social media. Eine Journalistin sagte mir: „Auf Ihrer Website steht sinngemäß: Bitte entschuldigen Sie, dass ich Sie mit meinen Produkten belästige.“
  • Über den langen Atem, den es braucht: ein halbes Jahr, ehe der erste Großhändler einstieg (und damit das Buch deutschlandweit über Nacht lieferbar wurde), ein ganzes Jahr, bis auch amazon erschlossen war.
  • Über die Machtstrukturen im Buchhandel – Thalia ist eine uneinnehmbare Festung. Aushilfskräfte, die nicht im VLB, sondern nur in den Katalogen der Großhändler recherchieren und dann die Auskunft geben, das Buch gäbe es gar nicht, sind der Tod für jeden Kaufimpuls.
  • Über hinreichende Kapitalreserven: Die erste Auflage war vergriffen, aber noch nicht alle Kunden hatten bezahlt, so dass ich für den Nachdruck nicht liquide war.
  • Über die Herstellung von eBooks mittels freeware (z. B. calibre) und den Segen von amazon an dieser Stelle.
  • Über Urheberrechte – sie gelten auch für Schriftarten, auch für die MS-Word-Standardschriften.
  • Über Arbeitgeberpflichten – Ich hatte für ein paar Tage eine Honorarkraft auf ihren Wunsch hin sozialversicherungspflichtig angestellt und lernte viel über Steuern, An- und Abmeldung zur Sozialversicherung, Berechnung der Beiträge, Gewerkschaften und Arbeitsschutz. Es ging alles gut, aber ich habe inzwischen viel Verständnis für kleine Betriebe, die lieber Honorarkräfte statt Angestellte beschäftigen.

Inzwischen habe ich das dritte Buch verlegt, die Titel vier bis sechs sind in Vorbereitung. Ich arbeite mich in Satz- und Layoutprogramme ein, übe mich in der Organisation und Durchführung von Veranstaltungen, um dafür zu sorgen, dass die Bücher auch ein Publikum finden. Da ich den Verlag in Nebentätigkeit führe, muss ich mir Lösungen für meine Erreichbarkeit und mein Zeitmanagement überlegen: Gestern etwa gingen drei Stunden für den Versand des neuen Titels drauf, nächste Woche bin ich drei Tage lang verreist und will kein Lager mitnehmen. Ich vergesse auch bisweilen, die Mailadresse abzufragen, in der die FAXe eingehen – ohne FAX geht nichts im Buchhandel.

Auch über die Zugehörigkeit zu Interessensverbänden muss ich mir allmählich Gedanken machen. Und vielleicht doch einmal einen Businessplan schreiben: Unsere drei Titel sind zwar erfolgreicher, als ich erwartet hatte, doch der erste ist nun so eben kostendeckend – von Gewinn, gar ein Einkommen für mich kann noch keine Rede sein. Erst mit mehr Titeln, deutlicher zu bestimmenden Zielgruppen und entsprechendem Marketing, käme wohl mehr Umsatz. Doch dafür braucht es Ressourcen: Zeit, Autoren zu finden bzw. selbst zu schreiben, und Geld, um Herstellung und Begleitkosten zu gewährleisten.

Überhaupt ist der Umsatz durch Dienstleistungen (Lektorat, Korrektorat, Beratung, Coaching) für mich sehr viel höher und leichter zu erwirtschaften als durch den Verkauf von Büchern. In den Buchpreis fließen natürlich die Umsatzsteuer (7%) und das Autorenhonorar (10%), die Herstellungs- und Nebenkosten (ca. 30%, bei uns Druck, Werbe- und Coverdesign) sowie die Rabatte, die wir dem Buchhandel für den Wiederverkauf gewähren und die zwischen 35 und 50% liegen. Aus dem Rest, der also schlimmstenfalls nicht besteht und bestenfalls bei ca. 20% liegt, müssen die allgemeinen Kosten des Unternehmens gestemmt werden: Kommunikation, Verpackungsmaterial, Gebühren, Entwicklung des Logos, Fachliteratur und natürlich das fantastische Gehalt der Verlegerin.

Es ist also einfach und schnell gemacht, einen Verlag zu gründen. Ich habe dabei gelernt, dass es im Vergleich dazu, Bücher zu verkaufen, sogar leicht ist, Bücher zu schreiben. Einen Verlag dahin zu führen, dass er die Existenz ermöglicht, braucht

  • finanzielle Liquidität,
  • engagierte Autoren, die für ihr Werk selbst in die Öffentlichkeit treten,
  • Affinität zu social media und elektronischen Formen der Veröffentlichung und Verbreitung sowie einen entsprechenden Medienmix aus „alt“ und „neu“,
  • Kompetenz in Textverarbeitungs- und „Kreativsoftware“,
  • jemanden, der sichtbare, attraktive Umschläge gestalten kann – ohne guten Umschlag sind die Titel im Buchhandel verloren
  • Zähigkeit, Buchhändler davon zu überzeugen, die Titel in ihr Angebot aufzunehmen.
  • Eine Schwerpunktsetzung und daraus folgend eine Bestimmung der Kunden und ihrer spezifischen Bedürfnisse. Fachbücher brauchen fachkompetentes Lektorat und weniger Coverdesign, Kinderbücher brauchen ebenfalls fachkompetentes Lektorat – nämlich zielgruppengerecht – und ansprechende Illustrationen usw.
  • Zudem wäre zu überlegen, ob ein Kleinverlag neben den Büchern auch Dienstleistungen anbieten kann – Beispiele für solche Kombinationen gibt es gerade im geisteswissenschaftlichen Bereich (z. B. Vergangenheitsagentur – Vergangenheitsverlag).

Plinke, Manfred: Mini-Verlag. Selbstverlegen. Ein Ratgeber für Verlagsgründer, Berlin 1998

Pahlke, Heinz W.: Buchsatz für Autoren, Herzogenrath 2008

Internationale Buchmesse für Kleinverleger und Handpressen

Stiftung pro libri Luzern

Kunsthistorische Führungen in Berlin

Ich wünsche Ihnen ein frohes, gesundes, glanzvolles neues Jahr sowie die Möglichkeiten und Energie, Ihre Pläne in Taten umzusetzen. Wie Sie aus meinem Schweigen der letzten Wochen schließen konnten, nutzte ich die Feiertage zur Einkehr, jedoch tatsächlich auch zu geisteswissenschaftlicher Kernarbeit, nämlich zum Buchschreiben und zur Geselligkeit. Letzterer ist ein Hinweis zu verdanken, der diesem Blog ein weiteres Beispiel von Historikern (im weiten Sinne) im Tourismus hinzufügt: Der Kunsthistoriker Michael Jelkmann bietet mit einem Team Spezialführungen in Berlin an; zu den Themen zählen z. B. Historisches Berlin: Architekturgeschichte im Überblick oder  Dorfkirchen in Brandenburg: Bagow, Gortz, Radewege, Groß Behnitz, Klein Behnitz und Ketzür. Damit ist er nicht der einzige; bereits 2004 berichtete der tagesspiegel über Angebote dieser Art. Dass Spezialführungen Trends unterliegen, sich jenen jedoch auch schnell anpassen können, zeigt etwa das Angebot von art:berlin, das laut Angebot Geschichte mit Kunst, Lifestyle und Mode verbindet. 

Ja, in Berlin ist das ja kein Problem, aber JWD? Wie auch immer Sie JWD definieren: Beispiele finden sich bei der ersten Suchmaschinenanfrage schon für Ludwigshafen oder Aldersbach. Historische Spezialführungen, gern in Verbindung mit der aktuellen Lust auf Land, Natur- oder Selbsterfahrung, scheinen im Trend zu liegen.