Ich muss gestehen, dass mich das Ergebnis zu den Heilpraktikerinnen und Yogi etwas aufgeschreckt hat. Wenn eine messbare Zahl von AbsolventInnen Berufe ergreift, die konsequent Studieninhalte (oder -methoden) fortführen, wir sie jedoch überhaupt nicht kennen oder wahrnehmen (oder herunterspielen) – auf welcher Grundlage unterrichten wir Sie dann auf „Berufsfähigkeit“ hin? Wir denken in Archivaren – gut, die Avantgarde vielleicht in Wirtschaftsarchivaren oder Wissenschaftsjournalisten. Wir kennen alle die „Gescheiterten“ in der Selbstständigkeit und die „Exintellektuellen“ in abhängiger Beschäftigung und hoffen, sie stecken uns nicht an. Eine ganze Reihe von Ihnen mag aber selbstbestimmt z. B. im Bereich Kunstgewerbe eine Berufung finden. Das ist kein Witz: Hiermit ist für die nächsten Tage ein Eintrag zu GeisteswissenschaftlerInnen im Kunstmarkt angekündigt.

Tatsächlich wissen wir wenig über die Erfolgreichen, die ein anderes Berufsbild leben und verbreiten. Vielleicht ist es gar bedrohlich, stellt es doch die vermeintlichen Königswege – die wir in der Uni so lange wie möglich selbst zu gehen versuchen – infrage. Und damit unsere Identität. Das Scheitern der anderen schmerzt weniger als ihr diffuser Erfolg. Wie also soll ich etwas in die Lehre einfließen lassen, das mein Selbst- und damit zugleich Berufsverständnis angreift, von dem ich zudem Gestalt, Sprache und Wege nicht kenne?

Wirklich: nicht kenne? In einer Zeit von BigData? Das nagt erneut an meinem Selbstbild, diesmal an meiner Recherchekompetenz.

Ich habe stichprobenartig in die Absolventenstudien meiner Heim- bzw. Gastgeberuni geschaut. Uni Stuttgart, Absolventenstudie 2012 (Absolventen 2010), S. 40: „In welchem Wirtschaftszweig bzw. Bereich sind Sie gegenwärtig tätig?“ / Sprach- und Kulturwissenschaften:
Platz 1: Weiterführende Schulen (33,8%)
Platz 2: Sonstiges (27,5%).

Uni Paderborn, Absolventenstudie 2012 (Absolventen 2010), S. 36: „Wirtschaftsbereich bzw. Sektor der Institution, bei der Absolventen zum Befragungszeitpunkt (ca. 1,5 Jahre nach Studienabschluss) ausschließlich erwerbstätig waren (ohne Promotion, Prozent)“/ Fakultät für Kulturwissenschaften (ohne Lehramt):
Platz 1: (Privat-)Wirtschaftlicher Bereich (81%).
Wie hoch ist die berufliche Zufriedenheit der KW-Absolventen, ein Indikator des Erfolgs? 38% sind „sehr zufrieden“ oder „zufrieden“. (ebd., S. 37); damit sind sie mit Abstand die Unzufriedensten.

Mit allem Vorbehalt – es sind Stichproben, es handelt sich nicht um Langzeitstudien, ich habe noch nicht in die Katalogbände mit den freien Antworten geschaut:  Wir haben ein Kommunikationsproblem und eine Wissenslücke. Offenbar wird außerhalb der Universität ein anderes Berufsbild gelebt als innerhalb. Das wäre ja nicht verwerflich, gar natürlich, wüssten wir mehr voneinander. Nun höre ich den inneren Kollegen murren, dass Berufsausbildung nicht zu den Aufgaben eines universitären Studiums zählt. Aber wir können Ihnen nicht sagen, was aus Ihnen werden könnte und welchen Beitrag Ihr Studium dazu leistet. Wenn Sie nicht ins Lehramt gehen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Sie „Sonstiges“ machen und dabei unzufrieden sind.
Ist es zu rechtfertigen, dass uns das Wetter von vor 300 Jahren interessiert, der Praxistransfer unserer Kommilitonen hingegen nicht? Es kann kein Entweder-Oder geben; diese beiden Diskurse sind notwendig kohärent. Wir sollten mehr über unser Berufsbild wissen und es aktiv entwickeln. Unser Selbstkonzept kann uns so nicht tragen, wir können auch nicht gut lernen (und lehren), wenn wir unsere Eigenschaften, Fähigkeiten und Verhaltensweisen nur unvollständig reflektieren.