Auf der schönen Tagung zur Projektlehre im Geschichtsstudium vergangene Woche lernte ich u.a. Angela Siebold aus Heidelberg kennen. Sie stellte mir eine Frage, die immer noch in mir rumort und die ich hier paraphrasiere:

Sind Berufe von Historikern wirklich Berufe für Historiker?

In einer ersten Reaktion ist die Antwort einfach: Berufe, die Historiker ausüben bilden u.a. gemeinsam mit Berufen, die normative Funktionen wie Universität und Arbeitsagentur für sie vorsehen, den „Arbeitsmarkt“ für Historiker. Neben die Deutungshoheit und Definitionsmacht der Universitäten darüber, was Berufe für Historiker seien, tritt das praktische Handeln der Absolventen, die ihren Broterwerb zu Berufen für Historikern machen.

Insofern: Berufe von Historikern und Berufe für Historiker sind der Markt, mit dem wir uns auseinandersetzen müssen, erst gemeinsam schaffen sie Realität. Doch ist dies eine Beobachtungsperspektive aus der Praxis heraus, keine der akademischen Definitionshoheit. Bleibe ich in der Perspektive der kulturellen Praxis des Broterwerbs von Historikern, zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen dem „Von“ und dem „Für“. Berufe für Historiker sind, folgt man den meisten Präambeln von Studiengängen (und auch meiner eigenen Anlage im gleichnamigen Buch), konsequente Fortführungen wissenschaftlicher Methoden und Inhalte des Studiums, etwa als (wissenschaftliche) Archivare, Bibliothekare und Museumskuratoren, akademische Wissenschaftlerinnen, (Wissenschafts)Journalisten, Angestellte bei Stiftungen oder Verlagen. Berufe von Historikerinnen teilen mit dieser Vorstellung allerdings eine gar nicht so große Schnittmenge. Viele Absolventen sind freiberuflich tätig und arbeiten mit einer bunten Mischung unterschiedlicher Aufträge, von der Geschichtsagentur über das Consulting in den Tourismus bis zum Yogalehrer. Das Spektrum angestellter Geisteswissenschaftler ist nicht minder breit: Öffentlichkeitsarbeit, Erwachsenenbildung, in NGOs, in Altersheimen oder Kindergärten.

Nun ließe sich einwenden, dass Historikerinnen, die als Yogalehrerin oder im Altersheim arbeiten, Berufe ausüben, die eine grundsätzliche Neuorientierung im Lebenslauf zeigen oder aus der Not geboren wurden. Das ist natürlich möglich. Andererseits: Den Körperübungen des Yoga geht ein Schriftstudium voraus, die Tätigkeit im Altersheim mag Aspekte der Arbeit mit Zeitzeugen, mit Oral History und Erinnerungskultur einschließen. Und auch umgekehrt: Angestellte bei Stiftungen oder Lektoren sind häufig Projektmanager, die weder inhaltlich noch methodisch ihr Studium weiterführen, vom schier unendlichen Spektrum des Journalismus ganz zu schweigen.

Nun stehe ich noch ganz am Anfang einer Erfassung möglicher Berufe von Historikerinnen. Doch drei Startpunkte könnten sich aus Angela Siebolds Frage entwickeln:

1. Welches Bild unserer Disziplinen leitet uns, wenn wir unseren Arbeitsmarkt denken? Geistes- oder Kulturwissenschaftler sind möglicherweise nicht aufgrund ihrer Tätigkeiten etwas anderes als Gesellschaftswissenschaftler, wohl aber in ihrer Identität und in dem Verständnis ihrer sozialen Rolle.

2. Besteht ein Praxisdruck für die universitäre Ausbildung? Und falls ja: Wie können wir ihm begegnen? Wenn in Absoventenstudien eine hohe Quote der mit ihrem Studium hinsichtlich der Berufsvorbereitung Unzufriedenen sichtbar wird, welches wäre eine angemessene Reaktion?
„Die haben eben den Sinn des Universitätsstudiums nicht verstanden“ oder „Dann müssen wir uns dem Markt anpassen“ ?
Wie kann die Zone zwischen diesen beiden Polen gestaltet werden?
Zunächst wäre zu akzeptieren, dass eine – auch kommunikative – Lücke zwischen Akademie und der Mehrheit der beruflichen Praktiker klafft. Es gilt den Blick zu weiten für die Phänomenologie der Tätigkeiten, ihre Bedingungen, die Kontinuitäten und die Brüche zum Studium. Zumindest hinsichtlich der „Employabilityanteile“ des Studiums wäre es aberwitzig (und unwissenschaftlich), dies – bzw. bereits das Desiderat – zu ignorieren. Die folgenden Schritte gälten einer Reflexion unseres Selbstbildes, des Angebots und der Erarbeitung entsprechender inhaltlicher und didaktischer Materialen.

3. Sprechen wir über „Wissenschaft“ im Zusammenhang mit Employability, steht in der Regel die Tätigkeit im Vordergrund. Wissenschaft ist aber natürlich auch ein soziales System. Dies erklärt, warum Berufe, die nichts mehr mit den Studieninhalten zu tun haben müssen – im Verlag, in Stiftungen, in der Politik – als Berufe für Historiker gelten können, affine Tätigkeiten, vielleicht gar an der Schnittstelle aus Haupt- und Nebenfach, hingegen nicht. Dies hat Konsequenzen im Studium, etwa in der Anerkennung von Praktika. Viele Studierende gaben mir das Feedback, dass es frustrierend sei, für wie viele Tätigkeiten die Promotion erforderlich oder förderlich ist. Es ist tatsächlich die Mehrheit der Berufe für Historiker, jedoch nicht der Berufe von Historikern. Definieren wir von Seiten der Akademie den „Aufnahmemarkt“ unserer Absolventinnen, schwingt stets, vielleicht unbewusst, das Motiv einer sozialen Homogenität mit. Die Frage nach Employability mag hier einen unangenehmen selbstreferentiellen Prozess einläuten.

Hammerstein, Notker/ Muhlack, Ulrich/ Walther, Gerrit (Hg.): Res publica litteraria: ausgewählte Aufsätze zur frühneuzeitlichen Bildungs-, Wissenschafts- und Universitätsgeschichte, Berlin 2000

Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, Frankfurt a. M. 1990