Es sei Ihnen verraten, dass dieser Beitrag unter Bedingungen entstand, die ein konventionelles Zeitmanagement als „Herausforderung“ (hier Euphemismus für „Problem“) bezeichnen würde. Eigentlich führe ich nämlich gerade ein paar Dinge gleichzeitig aus, spinne Ideen, hefte sie ab, schreibe hier und schreibe da, trinke Tee, lese ein bisschen herum und bin gespannt, was ich bis zum Ende des Tages erledigt haben werde. Dabei fühle ich mich leicht gestresst, aber nur, weil ich überlege, ob es unverantwortlich ist, dies offenzulegen statt mit dem Trend zu gehen und Ihnen (!) unbedingt einen Zeitmanagementkurs zu empfehlen. Ist ja eine Schlüsselqualifikation, und genau da wird es vermutlich an Ihrer Universität auch Kursangebote geben – studium generale, Career Service, Studienberatung etc. Sie können auch ein wenig zur Einführung lesen, einen guten Überblick bietet z. B.

Simone Falk: Zeitmanagement, in: Nünning, Vera (Hg.): Schlüsselkompetenzen. Qualifikationen für Studium und Beruf, Stuttgart 2008, 20-32
(überhaupt ist der Band sehr hilfreich und ergänzt sinnvoll die Fachpropädeutik)

Wie wichtig Zeitmanagement ist, geht schon aus der Platzierung des Artikels hervor, nämlich unmittelbar auf die Einleitung folgend. Zeitmanagement ist eine kapitalistische Technik schlechthin, denn es basiert auf der Grundannahme, dass Zeit eine ökonomische Größe ist.

Wir aber haben doch unseren Augustinus von Hippo gelesen, Confessiones, Buch 11! (Falls nicht: Kapitel im Projekt Gutenberg und Thomas Pforte spricht „Was also ist die Zeit“ auf youtube.) Wäre es nicht aberwitzig, Diskurse unserer eigenen Disziplinen unhinterfragt vermeintlich systemrelevanten Anforderungen nachzuordnen?

Die Auswertung historischer Beispiele auf zukünftiges Handeln hin gehört zu unseren Kerntätigkeiten, daher ist es durchaus sinnvoll, aktuelle Kulturtechniken zu kennen. Natürlich ist es auch arbeitsmarktrelevant. Und Sie wissen erst, ob eine Technik Sie bereichert, nachdem Sie sie ausprobiert haben. Wenn Sie ein Zeittagebuch führen, Störungen analysieren, Ziele formulieren, Prioritäten setzen müssen, Tages- und Projektpläne erstellen und evaluieren etc. lernen Sie außerdem viel über sich selbst.

ABER: Möglicherweise bereitet Ihnen dies eine Art von Stress, auf die Sie gar nicht vorbereitet waren. Vielleicht gehen Sie zum Zeitmanagementkurs, weil Sie hoffen, von Ihrem Chaos geheilt zu werden, dem Verzetteln in verschiedenen Anforderungen und Projekten, dem unaufgeräumten Schreibtisch, der Aufschieberei… Nun aber erfahren Sie, dass Sie nicht nur diese Aufgaben nicht „ordentlich“ erledigen, sondern auch noch im Zeitmanagement versagen, weil es Ihnen nunmal nicht liegt, stets vom Ergebnis her zu denken und alles einer Priorisierung zu unterwerfen. Außerdem bekommen Sie schlechte Laune, wenn Sie nur ein Projekt haben und fühlen sich von einer Technik fremdbestimmt.

Daher war es eine ungemeine Erleichterung,

Cordula Nussbaum: Organisieren Sie noch oder leben Sie schon? Zeitmanagement für kreative Chaoten, Frankfurt a.M. 2012

zu lesen. Bereits die Wertschätzung – statt Pathologisierung – „chaotischer“ Arbeitsweisen ist ein persönlicher Gewinn. Die Autorin betont wiederholt, dass das Ziel des Zeitmanagements hier nicht ein möglichst effizientes Arbeiten in Fremdbestimmung ist, sondern eine selbstbestimmte (Arbeits)Organisation, die zu mehr Energie, Erholungszeiten und weniger Stress führt – und auf diesem Wege Effizienz überhaupt ermöglicht. Ich war überrascht über die Information, dass die Mehrheit der Menschen (41%) rechts-hemisphärisch sei und damit „kreativ-chaotisch“, 25% links-hemisphärisch und „logische Ordner“ (S. 30). Das herkömmliche Zeitmanagement ist folglich auf die 25% ausgelegt, die übrigen passen sich dem mehr oder weniger glücklich und erfolgreich an. Sicherlich lässt sich historisch erklären, wie es dazu kam, es verbildlicht sich mir stets in Thomas J. Watson und der Verpflichtung „Think“ vor senkrechten Enzyklopädiebänden; bei Max Weber finden Sie etwas Theorie dazu.

Nussbaums Buch war Testsieger der Stiftung Warentest, Spezial Karriere 11/2009. Sie unterhält Blog und website, dort können Sie gut reinschnuppern. Und falls Sie nun schon genug haben von all der Rede über Zeitmanagement, empfehle ich Ihnen meinen eigenen Beitrag zur Muße.