Just surfte ich über eine Stellenausschreibung „Referent m/w Produktionssystem“, in der ein geisteswissenschaftliches Studium explizit als Voraussetzung genannt ist.

Der Rausch der Entdeckung und der sich unerwartet eröffneten Möglichkeit endete unsanft. Sie können für diese Position statt Geisteswissenschaften auch etwas Technisches oder natürlich Wirtschaftswissenschaften studiert haben. Das kommt Ihnen beliebig vor?

Ihr Fach ist für die Tätigkeit weniger entscheidend als die Erfahrungen, die Sie gesammelt haben. Sie brauchen nämlich erste einschlägige Berufserfahrung, zu denen Methoden des Lean-Managements (mussichauchnochnachschauen) und des kontinuierlichen Verbesserungsprozesses sowie Gestaltung und Entwicklung im Bereich Change Management zählen. Weiterhin benötigen Sie u.a. Projektmanagementkenntnisse neben dem, was unter Allgemeinbildung für Hochschulabsolventen durchläuft, also PC-Anwendung und sehr gutes Englisch. Eine Weiterbildung zum Trainer oder Coach wäre auch noch schön.

Ich erinnere mich an mehr als ein Feedback von KommilitonInnen, die beklagten, dass der B.A. als „berufsqualifizierender Abschluss“ vermarktet werde, aber für eigentlich alle sozial oder fachlich angemessenen Berufe stets Promotion, Weiterbildung oder Berufserfahrung vorausgesetzt würden. Sie scheinen in beiden Punkten und in der frustrierenden Diskrepanz zwischen ihnen recht zu haben. Insbesondere dann, wenn Sie eine Tätigkeit ausüben wollen, die sich in ihrer kulturellen Einbettung von der akademischen Geisteswissenschaft löst, werden Ihre Erfahrungen und Praxisbezüge relevanter sein als ihre fachwissenschaftliche Sozialisation. Sie können (und müssen) sich während der Studienzeit darauf vorbereiten. Eine studienbegleitende Reflexion erstreckt sich auf drei Komponenten:

  1. Ihre Persönlichkeit, Wünsche, Verpflichtungen, die den beruflichen Werdegang wesentlich bestimmen,
  2. die Inhalte, Methoden und sozialen Rahmen, die Ihr Fach, vielleicht auch Ihre Universität kennzeichnen und
  3. die Anforderungen des spezifischen Teils des Arbeitsmarktes, auf den Sie sich begeben wollen.

In der Schnittmenge dieser drei Bereiche liegt Ihr „Berufsfeld“. Die Reflexion legt zudem Konflikte, Widersprüche und Synergien frei, woraus Sie nächste Schritte ableiten können: Wenn Sie z. B. eine Referentenstelle wie oben beschrieben haben möchten, rücken bereits während des Studiums die Sprache der Wirtschaft, deutlich mehr Praktika als für den Fachabschluss gefordert, vielleicht sogar eine Tätigkeit als Werkstudent bei einem affinen Unternehmen und Englischpraxis in der Prioritätenliste neben die Anforderung des Studiums. Sie würden dann vermutlich länger studieren, als die Regelstudienzeit vorsieht. Der Stellenausschreibung können Sie aber auch entnehmen, dass die Länge des Studiums kein Kriterium darstellt – es kommt darauf an, was Sie gemacht haben, welche Erfahrungen Sie sammelten und ob Sie sich in der (Arbeits)Welt, in die Sie streben, bewegen können.

Ich mag meine Fächer übrigens sehr. Die Vorstellung, sie seien lediglich ein studium generale und eine schöne freie Zeit gewesen, ehe das Eigentliche, Nützliche, nicht-mehr-Hinterfragte, Wertvolle beginnt, missfällt mir. Es fällt mir schwer, zu akzeptieren, dass dies nur eine mögliche Haltung zu meinen Disziplinen und ihren Aufgaben sei. Wenn Sie in die „freie Wirtschaft“ streben, ist es jedoch sinnvoll, das Studium etwas anders zu gestalten und seine Funktion im Lebenslauf möglicherweise auch anders zu verstehen als für Tätigkeiten im öffentlichen Dienst wie dem Lehramt oder dem klassischen Archivdienst.