In den vergangenen Wochen habe ich ein anregendes, inspirierendes, Lücken aufdeckendes Buch gelesen und bin mit der inneren Bearbeitung noch lange nicht fertig:

Tim Clark/ Alexander Osterwalder/ Yves Pigneur: Business Model You, Frankfurt am Main 2012

Es geht um eine spielerische Methode, persönliche Geschäftsmodelle zu entwickeln. Im Zentrum steht ein Blatt, das in neun Segmente geteilt ist, die logisch miteinander verbunden sind und die Sie mit Ihren individuellen Inhalten füllen können: Schlüsselaktivitäten, Schlüsselressourcen, Schlüsselpartner, Wertangebot, Kanäle, Kunden, Kundenbeziehungen, Kosten und Umsatz.

Zunächst war es hilfreich, eine Idee auf ihre Geschäftstauglichkeit hin zu „zerlegen“. So konnte ich schnell meine Schlüsselaktivitäten und -ressourcen (also das, was ich kann und tun will) definieren, doch nur mit Schwierigkeiten mögliche Kunden identifizieren. Nun begann der Prozess, alle neun Elemente sinnvoll miteinander zu verknüpfen. Dies hat nicht nur eine neue Perspektive auf die Freiberuflichkeit ermöglicht; es erlaubte mir vor allem, Fragen, Unsicherheiten und Probleme klarer formulieren und damit gezielt auf Gesprächspartner zugehen zu können. So konnte ich in Gespräche auch außerhalb der Akademie einsteigen. Es hat außerdem Spaß gemacht: Benutzt man Post-Its, statt direkt auf das Blatt zu schreiben, lassen sich viele Ideen durchdenken, Luftschlösser bauen, Elemente verschieben, Projekte planen usw.

Nach einigen Spielen merkte ich, dass ich immer wieder zu einer Kernfrage zurückkam, die mich grundsätzlich umtreibt: Worin besteht unser Wertangebot überhaupt, nicht nur auf Brotgelehrtentum bezogen? Wiederholt wurde ich in Gesprächen gefragt: „Was machen Sie denn nun konkret?“ Und ebenfalls wiederholt lautete eine abwinkende Diagnose, Geisteswissenschaften (und deren Angebote) seien allenfalls ein nice-to-have, aber sicher nicht von betriebswirtschaftlichem Nutzen.

In diesem Diskurs hilft es nichts, die Unterlippe zu schürzen und darauf zu verweisen, das Angebot der Geisteswissenschaften wolle auch gar nicht von „betriebswirtschaftlichem Nutzen“ sein, das sei ja gerade das allgegenwärtige Verderben. Diese Haltung gehört in die Akademie, und auch da ist sie schädlich, denn sie wird schnell Dogma. Außerhalb müssen wir uns überlegen, wie wir in der Sprache der Kultur, mit der wir in Kontakt treten, verdeutlichen können, dass es außer nice-to-have und unmittelbar sichtbarem finanziellem Vorteil noch viele weitere sinnvolle Wege gibt, die zum wirtschaftilchen Handeln gehören – etwa Arbeit an der Identität, Strategieentwicklung, Reflexion von „Arbeit“, Übersetzung zwischen syn- und diachronen Kulturen.

Insofern ermöglicht das Hilfsmittel Business Model, zunächst rein spielerisch unterschiedliche Perspektiven auf unser Tun und unsere Identität einzunehmen. Als Beispiel ist im Buch die Geschichte des Mediävisten Adrian Haines erzählt, der ursprünglich stets von seinen Kenntnissen ausgehend seinen Job definierte, doch nun den Blick auf sein Wertangebot richtete und sich so neu orientieren konnte (S. 132f).

Das Modell ist nicht geeignet für Kommilitonen, die
– einen Wirtschaftstransfer geisteswissenschaftlicher Arbeit grundsätzlich ablehnen (denn Sie ärgerten sich nur über den Ausverkauf Ihrer Werte), oder
– noch gar keine Erfahrung in der Planung selbstständiger Tätigkeiten haben (Sie wären überfahren von einer fachfremden Sprache, von der Fülle an Informationen, Voraussetzungen und Erfolgsgeschichten), oder
– zunächst einen Berufseinstieg in einen Bereich mit klar vorgegebenen Verfahren planen (z. B. Lehramt oder Bibliotheksdienst. Die Anwendung für Angestellte oder Beamte bezieht sich stets auf eine Veränderung der gegenwärtigen Situation, also Abteilungs- oder Arbeitgeberwechsel, Neubeschreibung des Tätigkeitsfelds etc.).

Wenn Sie sich aber
– etwas ausprobieren möchten oder
– unverbindlich versuchen, sich dem Thema Selbstständigkeit zu nähern oder
– bereits über Berufserfahrung verfügen
und
– eine Veränderung wünschen sowie
– gewisse Nehmerqualitäten hinsichtlich des Happy-Economy-Sprachstils haben,
kann das Modell Sie bereichern.

Zum Hereinschnuppern sowie zur anschließenden Vernetzung bietet sich die Website Business Model You an – inkl. Blog, Forum und Buchvorschau. Dort sehen Sie u.a. auch die im Umschlagtext erwähnten „328 Menschen aus 43 Ländern“, die das Buch zu einem kollaborativen Werk gemacht haben.