Die meisten KommilitonInnen, mit denen ich sprach, strebten nach dem Abschluss in eine Festanstellung – ein Arbeitsplatz, Geld verdienen, „Sicherheit“ und eine hinreichende Anzahl an Vorbildern sind sicherlich Faktoren, die dies zum „natürlichen“ Weg werden lassen. Ein weiterer Grund ist wohl die Nähe zum Werdegang des Großteils der GeisteswissenschaftlerInnen, der ins Lehramt führt. Und ich habe ein Klima wahrgenommen, das Gründungen misstrauisch gegenübersteht, Mut nimmt, viele Beispiele für das Scheitern  der Selbstständigkeit mit „unwirtschaftlichen“ Produkten des Geistes kennt und verbreitet. Kurz: Absolventen, die in abhängigen Beschäftigungsverhältnissen landen, gelten als positive, Absolventen, die dies nicht „schaffen“, als abschreckende Vorbilder. Motivation, Lust gar, entsteht höchstens bei Menschen, die Widerstände lieben.

Andrea Rohrberg und Alexander Schug bereichern die Existenzgründungsliteratur um einen Praxis-Leitfaden aus geisteswissenschaftlicher Perspektive. Ich habe ihn nicht nur durchgeblättert und relevante Information markiert, ich habe ihn gelesen. Bereits dieser Zielgruppenzuschnitt hebt das Buch aus der unüberschaubaren und unspezifischen Zahl der Ratgeber heraus. Der Aufbau folgt einem idealtypischen Gründungsgeschehen von Kontext und Motivation über Ideenentwicklung, Businessplan, Finanzierung, Rechtsform, Marketing, Arbeitsorganisation, Führung und Kooperation zu Buchhaltung/ Controlling/ Vorsorge. Der Epilog nimmt die eingangs erwähnte Angst vom Scheitern auf – Scheitern birgt schließlich mehr soziale als (in unseren low-budget-Gründungen) finanzielle Risiken. Daher lesen Sie den Epilog ruhig zuerst, er relativiert und beruhigt und weist darauf hin, dass es häufig mehrere Anläufe braucht, bis ein tragfähiges Konzept entwickelt und umgesetzt ist.

Ich fühlte mich ein ums andere Mal von den Autoren bei Gedanken „erwischt“, die mich bei der Lektüre von anderen Gründungsratgebern beschlichen. Die Ausführungen z. B. zum Marketing konnte mein Verstand dort stets nachvollziehen, doch das Gefühl sträubte sich, und ich zog mich lieber zurück: „Marketing mache ich nicht, das ist peinlich. Mein Produkt ist großartig. Das muss ich niemandem erzählen. Qualität setzt sich durch“ (vgl. S. 128) oder „Es genügt, wenn ausreichend Geld da ist. Wozu Controlling oder Steuerberatung?“ (vgl. S. 211). Die Autoren holen die Leser in den Kapiteleinleitungen nicht auf einer Sachebene ab, sondern über Erfahrungen und Gefühle. Damit entgehen sie der vermeintlichen Selbstverständlichkeit und Zwangsläufigkeit der wirtschaftlichen Ausrichtung einer geistigen Tätigkeit. Sie begründen, warum Sie sich dem Marketing, der Rechtsform etc. widmen müssen, und zwar nicht mit der Androhung des Scheiterns oder dem Verweis auf die „Regeln des Marktes“, sondern um Ihres Erfolges Willen. Natürlich ist dies im Ergebnis das Gleiche. Doch der Weg dorthin ist verständnisvoll und ermutigend.

Ähnlich beruhigend-motivierend wirken die kurzen Interviews mit erfolgreichen Gründerinnen aus der Kultur- und Kreativwirtschaft. Ihr Berater/ Vertrauensdozent/ Mentor hat noch nie von einem „freien Kulturbüro“ gehört, und falls doch, kann er sich nicht vorstellen, dass man damit Geld verdient? Sie finden Beispiele im Buch, die Ihnen als Rechercheeinstieg dienen. Sie können Ihnen dabei helfen, die eigene Idee klarer zu formulieren und deutlich zu benennen, worin Ihr Angebot liegt. Weiterhin erleichtert die Auswahl der Informationen: Sie brauchen als geisteswissenschaftlicher Gründer in der Regel keine Informationen über Warenvertrieb, Lagerhaltung etc., weil Sie vermutlich hauptsächlich Dienstleistungen anbieten werden. So sind sie bei der Lektüre nicht ständig abgelenkt und gehen nicht vom Studium ins Blättern über.

An den literarischen Avatar „Johanna“, der jedes Kapitel abschließt und in seinem Handeln das eben theoretisch Ausgebreitete bewertet und umsetzt, musste ich mich erst gewöhnen. Der Sinn erschloss sich nicht gleich, da schließlich viele „reale“ Beispiele gedruckt sind. Doch nach einigen Tagen Distanz wirkt auch dieses Mittel schlüssig. Die Praxis verläuft nicht idealtypisch, insofern ist der Transfernutzen von Beispielen begrenzt. Zudem lassen sich die wenigsten Gründer hinsichtlich der eigenen Zweifel, Misserfolge oder Finanzen zu öffentlichen Aussagen hinreißen. Johanna erlaubt den indiskreten Blick in Gedanken, Gefühle und Alltag während einer Gründung.

Die Lektüre dieses Buches allein wird nicht ausreichen, um einen Businessplan erfolglich zu schreiben und umzusetzen, die Steuern zu machen und Marketing zu erlernen. Die Autoren verweisen auf weitere Literatur und Links, die die Themen der Kapitel vertiefen und Arbeitsmaterial an die Hand geben. Der Gewinn besteht darin, dass sich die Perspektive auf diese unternehmerischen Pflichten verändern kann und damit auch das Fremde, die neue Kultur, die sie aus der Akademie heraus betreten, nicht mehr so bedrohlich wirkt. Buchhaltung gehört eben dazu. Ist gar nicht schlimm und auch kein Problem. Steuerberater, Rentenvorsorge ist nicht dogmatisch. Finden Sie Ihren Weg, schaffen Sie Ihr Modell.

Wäre noch etwas zu wünschen? Avatar Johanna ist alleinerziehende Mutter. Zum Ende des Studiums stellt sich nicht nur die Frage nach der beruflichen Perspektive, sondern auch die nach der Familienplanung – die Wechselbeziehung zwischen beiden ist die Frage schlechthin in den ersten Berufsjahren. Auch das Thema Burn Out/ Depressionen betrifft inzwischen viele Menschen, die es vielleicht selbst nicht glauben können, weil sie ja noch nicht „richtig gearbeitet“ haben. Wie finde ich zurück zu Motivation und zum Glauben an mich selbst, wenn das bisherige Umfeld warnt, den Wechsel ins Lehramt empfiehlt, lacht, nur Beispiele des Scheiterns kennt oder Sie schon als Brotgelehrte sieht? Wenn ich mir also etwas wünschen darf, wäre es ein Kapitel zu „Gründung und Work-Life-Balance“.

Andrea Rohrberg/ Alexander Schug: Die Ideenmacher. Lustvolles Gründen in der Kultur- und Kreativwirtschaft, Bielefeld 2010