Vor langer Zeit hatte ich in dem Artikel zur Musikwirtschaft den Musiker Urs beiläufig gefragt, warum er eigentlich zusätzlich Geschichte studierte. Urs nahm die Mühe auf sich und antwortete ausführlich – herzlichen Dank!

„Ich studierte zunächst Musik in Hilversum (NL). 2003 wurde mir mein Diplom in Deutschland als erstes Staatsexamen für die Sekundarstufe I anerkannt. Anschließend arbeitete ich als Aushilfslehrer an zwei Gymnasien. Da die Zukunft für einen angestellten Musikschullehrer nicht sehr rosig aussah, war es günstiger, noch ein zweites Fach zu studieren, um in das Lehramt „reinzurutschen“. Sonst hätte ich weiterhin Schwangerschaftsvertretungen machen müssen… mit jährlichem Wechsel der Schule.

Mein Diplom wurde im Studierendensekretariat als „allgemeine Hochschulreife“ anerkannt – obwohl ich die Schule mit Fachhochschulreife verlassen hatte. Ich bekam einen Anmeldebogen und entschied mich innerhalb von zwei Minuten für das Fach Geschichte. Dann habe ich belegt, was es in Geschichte zu belegen galt. Ich habe kein weiteres Fach und keine Erziehungswissenschaften belegt – mit der Studienorganisation habe ich mich sehr schwer getan, schließlich kam ich von „Draußen“. 2006 wurden die Regelungen für Musiklehrer gelockert; ich erhielt die Zulassung nun auch für die Sekundarstufe II. Als ich aber meinen Abschluss in Geschichte machen wollte, wurde ich darüber aufgeklärt, dass ich für die Sekundarstufe 1 ein Drittfach hätte belegen sollen. So bin ich nun Hobbyhistoriker, auch wenn sich meine Betätigung in diesem Bereich derzeit nur auf Ausdruckstänze mit Erwähnen der Reichs -und Bundeskanzlernamen (die ich mal auswendig gelernt hatte) vor dem Reichstag während einer Exkursion beschränkt… Es bestätigte sich für mich, dass Musiker nicht oft ihr Fach wechseln.

Ich habe mich im deutschen Unibetrieb nicht wohlgefühlt. Die Behördengänge und die Administration in der Uni haben mich als Fachabiturient viel Mühe und Energie gekostet. Die Massen haben mich erschreckt, für meine Scheine musste ich in der letzten Studienphase sechs Stunden anstehen. Ich habe in dieser Zeit viel gelernt und nette junge Leute kennengelernt, aber die waren teilweise unglaublich planlos: Die wollten ständig mit mir auf Partys und die Studiengänge wechseln, das war mir fremd… vielleicht, weil ich die Party schon Ende der Neunziger in Hilversum gefeiert hatte. Trotz dieses Unwohlseins in den Studentenmassen habe ich nicht nur viel gelernt, sondern auch gute Professoren kennengelernt. Aber in den Niederlanden war ich einfach besser aufgehoben. Für Scheine etc. hat dort jeder Student ein eigenes Postfach. Kaum ein Student ist in den Niederlanden über seine Regelstudienzeit gekommen. Darum war ich vielleicht zielstrebiger als die „jungen Leute“; Zensuren waren mir unwichtig. Eine Schulstelle hätte ich ohnehin nicht wegen „Geschichte“ bekommen, sondern wegen „Musik“.

2006 ging ich ins Referendariat. Bei der Bezirksregierung, die 2002 mein Diplom als erstes Staatsexamen mit der Note 3,0 bewertet hatte, setzte nun dieselbe Sachbearbeiterin dasselbe Diplom für die Sekundarstufe II plötzlich auf 1,97. Absurd. Damit war ich quasi Referendar zweiter Klasse, da angestellt und nicht verbeamtet, aber nach acht Unterrichtsbesuchen und zwölf Monaten war das Thema erledigt und ich hatte das zweite Staatsexamen als Anpassungslehrgangsteilnehmer absolviert. Das hätte mit einem deutschen Abschluss länger gedauert!

Durch Zufall habe ich mir eine Schule in Schleswig-Holstein ausgesucht und bin dort mit 40 Jahren noch verbeamtet worden. Seit Februar 2011 arbeite ich an einer Schule in Troisdorf bei Bonn, an der ich 2003/04 schon als Vertretung war. Letztes Jahr hatte ich meine damaligen Fünftklässler, nun in der „13“!

Na, und dann war ich noch so verrückt und habe 2012 ein Fernstudium Katholische Religion in Hildesheim abgeschlossen. Es ist einfach schöner, ein zweites Fach zu haben. Ein Nachteil meiner Fächer ist allerdings das Bandbreitenmodell: Ich muss mehr Stunden geben, da ich wenige Klausurschreiber habe.“

Allgemeine Informationen zum Quereinstieg in den Lehrberuf an Schulen finden Sie auf dem Portal des Deutschen Bildungsservers zur Lehrerausbildung: http://lehrer-werden.fwu.de/lw.php?seite=bb_32

Im Begleit-PDF zu „Berufe für Historiker“, S. 85f finden Sie Links zu den Seiten der jeweiligen Landesregierungen