„Jobmessen sind demotivierend. Fragt man, ob die Unternehmen auch Verwendung für Kulturwissenschaftler haben, erntet man Absagen bis Unverständnis.“ So lautete nach meinem gestrigen Vortrag ein Kommentar zu meiner Empfehlung, Jobmessen zu besuchen. Er fand viel Zustimmung und zwingt mich, zu erläutern, warum, nein: wie Sie Jobmessen besuchen sollten.

Gehen Sie nämlich nicht davon aus, dass Sie dort unmittelbar Zugang zu Praktikumsplätzen oder gar Arbeitsverträgen haben, insbesondere, wenn Sie an einer Universität ohne geisteswissenschaftliches Profil studieren. Die Jobmesse kann Ihnen vielmehr einen Überblick über die wirtschaftliche Struktur in der Region geben. Sie können dort beobachten, welche Unternehmen den Kontakt zu Akademikern suchen. Sie können sich informieren, welche Schwerpunkte und „Philosophien“ die Unternehmen haben und überlegen, inwieweit diese womöglich an Ihre Interessen und Fähigkeiten anschlussfähig sind. Sie erhalten dort Informationen über den Aufbau der Firmen und  können nachfragen ob es z. B. eine Abteilung für PR, Unternehmenskommunikation oder gar ein Unternehmensarchiv gibt und wer ggf. die Ansprechpartner sind. Fragen Sie, warum bestimmte Fachleute bzw. Absolventen gesucht werden, so erhalten Sie Hinweise auf Werte, Auswahlkriterien und Unternehmensplanung – und können reflektieren, ob sich eine Lücke für Sie öffnet.

Gehen Sie davon aus, dass Mitarbeiter in Unternehmen häufig nicht wissen, was sie mit GeisteswissenschaftlerInnen anfangen sollen, welche Kompetenzen sie mitbringen und wie diese dem Unternehmen nützen. Wenn Sie sich über das Unternehmen informiert haben, können Sie argumentieren oder Beispiele aufzeigen, wo Sie als GeisteswissenschaftlerIn wertschöpfend eingesetzt werden könnten. Gleichfalls ist es dann leichter, zu beschreiben, was genau Sie sich von einem Praktikum in diesem Unternehmen erhoffen. Was möchten Sie exakt dort lernen? Welche Rolle spielt diese Erfahrung in ihrer Laufbahnplanung?

Der eigentliche Besuch der Jobmesse bildet also nur einen Projektteil. Sie können sich im Vorfeld über die website der Messe (und von dort aus meist auch über die website der Unternehmen) vorbereiten, potentielle Gesprächspartner auswählen, gezielte Fragen stellen, sich vielleicht schon Beispiele ausdenken, über die Sie ins Gespräch kommen. Das Unternehmen hat eine lieblose Seite „über uns“? Als Geisteswissenschaftlerin könnten Sie anbieten, diese Seite mit (kleinen) Firmen- oder Produktgeschichte(n), einer Chronologie oder über einen attraktiveren Text aufzuwerten – und so Arbeit am Markenkern und der Firmenidentität leisten. Das Unternehmen engagiert sich sozial oder kulturell? Sie könnten ein Projekt als Praktikant begleiten und inhaltliche Inputs anbieten.

Gleichfalls gehört zur Vorbereitung die Erstellung eines eigenen Profils. Dieses sollte nicht nur aus den üblichen Daten des Lebenslaufs bestehen, sondern wesentlich Ihre fachliche Identität greifbar machen. Was können Sie besonders gut, gerade weil Sie Germanistin sind? Was unterscheidet Sie z. B. vom Philosophen, aber auch vom Betriebswirtschaftler – im positiven Sinne, also Interesse weckend, nicht entschuldigend. Üben Sie ein, diese Reflexionen zu einem Teil der beruflichen Identität zu machen. Leiten Sie daraus Einstiegsätze ab. Mal im Bravo-Stil:
Falsch: „Ich weiß, Sie suchen BWLer. Aber haben Sie vielleicht trotzdem auch was für Historiker?“
Besser: „Ich habe auf Ihrer website gesehen, dass Sie einen Schwerpunkt im Bereich human capital haben. Ich habe mich in den vergangenen Semestern mit Bildungs-/ Arbeitsgeschichte/ Arbeit in der Literatur/ Kompetenzidentifikation  befasst. Ich würde dieses Thema gern aus einer anderen Perspektive kennen lernen, daher interessiert mich der Bereich human capital management. Können Sie mir einen Ansprechpartner nennen?“
Oder kritisch: „Ich habe auf Ihrer website gesehen, dass Sie einen Schwerpunkt im Bereich human capital haben. Mir gefällt diese Kapitalisierung des Menschen nicht. Vermutlich gibt es viele Menschen, die auf diesen Kapitalbegriff nicht mit Sympathie reagieren. Ich würde gern bei Ihnen hospitieren, um zu sehen, ob Sie vielleicht verschiedene Auffassungen von Arbeit verwenden und welches Menschenbild dahinter steckt. Das wäre sicherlich auch für die Anwerbung von Fachkräften interessant.“

Werten Sie den Messebesuch für sich aus. Was haben Sie dort gelernt? Wenn Sie Absagen und Unverständnis geerntet haben – warum? Und nach der ersten Frustrunde (weil die eben keine Geisteswissenschaftler suchen) nochmal: Warum?
Weil sie nicht wissen, was sie mit Geisteswissenschaftlern anfangen sollen. Weil sie gar nicht wissen, was wir tun. Weil sie nicht wissen, inwieweit dies für sie gewinnbringend (auch finanziell!) ist. Das ist ihnen nicht vorzuwerfen, der Laden läuft ja auch ohne uns. Aber wenn Sie bei ihnen Erfahrung sammeln möchten, müssen Sie diese Fragen in Zukunft beantworten können – und zwar ohne, dass sie explizit gestellt wurden. Das wird von Gespräch zu Gespräch, von Messe zu Messe besser und einfacher. Selbst wenn Sie dann immer noch überwiegend Absagen sammeln, können Sie sich sicherer bewegen, haben viel über die Perspektiven „der Wirtschaft“ und vor allem über sich und die Wahrnehmung Ihres Studiums gelernt.

Die Firmenkontaktmesse LOOK IN! Paderborn 2013 bietet auf Ihrer website eine Checkliste zum Messebesuch. Wenn Sie das Messenmarketing darin ignorieren können, ist sie gewiss auch hilfreich.
Manche Checklisten empfehlen, alle Bewerbungsunterlagen vorbereitet zu haben und in „Bewerbungsoutfit“ zur Jobmesse zu erscheinen. Es ist sicherlich sinnvoll, einen guten Eindruck bei Gesprächspartnern zu hinterlassen. Ob und inwieweit Sie sich jedoch gängigen Vorgaben von „Bewerbungsoutfit“ anpassen möchten, sollten Sie ebenfalls mit Ihrem Selbstbild abgleichen. Statt unhinterfragt vermeintlich verbindliche Regeln zu befolgen, können Sie Jobmessen auch dazu nutzen, soziale Codes zunächst einmal zu studieren und zu entscheiden, wie Sie zu ihnen stehen.

Checkliste der Arbeitsagentur Saarbrücken

Absolventenmessenliste auf „Geisteswirtschaft

Liste von Jobmessen, Spiegel online