Weil auch in mir ein Lemming steckt, lese ich manchmal nach der Bestsellerliste. Quasi auf natürlichem Wege kam ich so zu „Bruno, Chef de police“ von Martin Walker – und fand vor allem die Dialoge, in die historisches Wissen verpackt wurde, so unnatürlich, dass ich die Lektüre aufgab. Sehr viel spannender sind Lebenslauf und Tätigkeiten des Autors; ein Beispiel für einen reiferen Geisteswissenschaftler, der genügend Zeit hatte, all die Erfahrungen zu sammeln, die ihn nun zum Schriftsteller, Journalisten und „Global Business Council“-Thinktank-Berater qualifizieren.

Kurzbiographie beim diogenes-Verlag

So kann er Ihnen kaum als Hilfestellung dienen, um den Einstieg in den Arbeitsmarkt zu finden, sondern eher als Vision, in welche Richtungen Sie sich mit einem geisteswissenschaftlichen Studium, hier Geschichte, erweitert um Wirtschaft und Internationale Beziehungen, bewegen könnten. Man könnte jede einzelne seiner Karrieren erstrebenswert finden: 25 Jahre als politischer Journalist bei „The Guardian“, Büroleiter in Moskau und Washington sowie für verschiedene andere große Zeitungen. Autor von Romanen und Sachbüchern, die in elf Sprachen übersetzt werden. Berater in einer internationalen NGO/Unternehmensberatung, die, wenn ich es richtig verstanden habe (Business ist manchmal so „blurry“), u.a. Nachhaltigkeit, soziale Verantwortung, Bankentransparenz, Klimawandel und Cloudcomputing denkt. Im Global Business Policy Council treffen sich Unternehmer, Regierungsvertreter und Wissenschaftler, denken und diskutieren um die geopolitischen, wirtschaftlichen, sozialen und technologischen Veränderungen (weiter) zu entwickeln.

Manchmal werden Gesprächspartner übellaunig, wenn Sie von solchen Ausnahmeerscheinungen hören; nein, diogenes bietet just keinen Vertrag an, The Guardian hat gerade keine Stelle frei und die NGOs wollen Erfahrung, die sie uns aber nicht selbst sammeln lassen… Warum lohnt der Blick auf Walker dennoch? Weil er – mindestens und hier ja nur an der Oberfläche – fünf Indikatoren für diesen Lebenslauf erkennen lässt:

  • Erweiterung des historischen Wissens um politische und wirtschaftliche Inhalte, Sprachen und Methoden,
  • hohe Mobilität,
  • Texte: Walker hat viel geschrieben, gesprochen, veröffentlicht, inter- und crossmedial, in unterschiedlichen Schreibstilen,
  • Bewegung innerhalb der Schnittmengen „elitärer“ und weltumspannender sozialer Netze: Wissenschaft, Politik, Journalismus, Literatur,
  • eine Affinität zum alteuropäischen „guten Leben“ – schöne Landschaft, gutes Essen, Kultur.

Darüber hinaus verweist dieser Lebenslauf auf eine grundsätzliche Frage: Wie stehen „Geisteswissenschaften“ und ihre Absolventen eigentlich international da? Hat die Definition über den abstrakten „Geist“ (im deutschsprachigen Raum) bzw. über den konkreten Menschen (humanities im englischsprachigen Raum) Auswirkungen auf Tätigkeiten und Berufsfelder?
Sicherlich ist es einfacher, den Menschen mit seinen konkreten Artefakten oder Verhaltensweisen zu vermitteln, zu vermarkten und zu popularisieren als den „Geist„; es stehen auch mehr Medien zur Verfügung. Zudem ist es einen Gedanken wert, die deutsche Norm der Geisteswissenschaftlerinnen im öffentlichen Dienst mit den entsprechenden Ausbildungsverordnungen, Tätigkeitsbeschreibungen und der Abhängigkeit vom sowie Versorgung durch „den Staat“ mit einer freieren Positionierung der „humanists“ im öffentlichen Leben – und damit auch der Notwendigkeit der „Selbstvermarktung“ – zu vergleichen.

Siehe z. B. Katrin Rössler auf spiegel online: „Geisteswissenschaftler in der Wirtschaft: Oh Gott, mein Chef ist Theologe

Knapper Verena Schorcht: „Verlorenes Potential. Der deutschen Wirtschaft fehlt es an Geisteswissenschaftlern

Kritisch zur Entwicklung in Großbritannien Anna Gielas: „Britische Universitäten – Es sollte auch dem Tourismus nützen

Falls Sie Studienerfahrung in den humanities sammeln wollen: http://www.studieren-in-england.de/

Für ein Praktikum finden Sie hilfreiche Links hier: http://www.ukgermanconnection.org/?location_id=3167