Sie werden es vielleicht geahnt haben: Ich war im Urlaub. So weit draußen, dass so gut wie keine Gefahr bestand, dass mich ein Kollege mit Trivialliteratur in der Hand beobachten und anschließend verachten würde. Nun, da sie in diesem serviceorientierten Blog erwähnt wird, ist die Lektüre ohnehin geadelt. Ich las also u. a. Kester Schlenz: Leg los, alter Sack. Da geht noch was, Männer (München 2011) und dachte – die Kalauerstimmung älterer Herren war ansteckend –: super Buch für Geisteswissenschaftler und so lebensnah! Ein älterer Herr rät anderen älteren Herren, zu schwimmen, zu joggen, Körperpflege zu betreiben und ihren Frauen mal einfach so Blumen mitzubringen. Da wollte ich glatt wissen, welchen Hintergrund der Autor aufweist, und siehe da: Sprachwissenschaftler (plus Studium der Psychologie, heute Kulturressortleiter des stern). Eigentlich nicht verwunderlich, bei dem Vornamen, dachte ich, doch wurde natürlich durch einfache Suchmaschinenbetätigung in meiner Platitude beschämt. Um die Bedeutung von „Kester“ zu kennen, muss man nicht Linguistik studieren.

Angespornt von diesem Zufallstreffer ging ich nun die aktuelle Spiegel-Top-10 (Hardcover) durch, und: Unsere Kommilitonen besetzen die Hälfte der Listenplätze. Die anderen fünf sind in der Werbung, im Journalismus und in der Rechtspflege sozialisiert. Ich gehe nun aus Pragmatik davon aus, dass die veröffentlichten Lebensläufe nicht zum belletristischen Werk zählen, aber wer weiß, vielleicht gibt es den ein oder anderen der Autoren ja gar nicht als natürliche Person. Bei Walter Moers, Arnon Grünberg und Paulo Coelho etwa bin ich mir nicht so sicher. [update 1.9.2013] Christoph Schröder stellte in der ZEIT online anlässlich seiner Besprechung von Joachim Zelters Literaturbetriebsatire „Einen Blick werfen“ fest, wir lebten in einer Zeit des Curricalismus. Link

  • Dan Brown (Englisch, Spanisch, Kunstgeschichte)
  • Timur Vermes (Geschichte, Politik)
  • Kerstin Gier (Germanistik, Musikwissenschaften und Anglistik, Abschluss in Betriebspädagogik und Kommunikationspychologie)
  • Alex Capus (Geschichte, Philosophie und Ethnologie)
  • Uwe Timm (Philosophie, Germanistik)

Als ich über die Momentaufnahme hinaus in die Biographien von Bestsellerautoren schaute (auf der Plattform lovelybooks), sprengte ich prompt mein Zeitbudget für den heutigen Blogeintrag:

  • Joanne K. Rowling (Französisch und Altphilologie)
  • Stephen King (Englisch)
  • Kai Meyer (Film, Theater, Philosophie)
  • Ken Follet (Philosophie)
  • John Irving (Englische Literatur)
  • Bettina Belitz (Geschichte, Literaturwissenschaft, Medienwissenschaft)
  • Nina Blazon (Germanistik, Slawistik)
  • Richelle Mead (Kunst, Religion, Englisch)
  • Jussi Adler-Olsen (Medizin, Soziologie, politische Geschichte, Filmwissenschaft)
  • Rebecca Gablé (germanistische und anglistische Literaturwissenschaft und Mediävistik)
  • Lauren Oliver (Philosophie, Literatur)
  • Nele Neuhaus (Jura, Geschichte, Germanistik)
  • Daniel Kehlmann (Germanistik, Philosophie)

… und natürlich unvergessen J.R.R. Tolkien (diverse Philologien).

Neben Geisteswissenschaftlern waren auch in dieser Aufstellung viele Journalisten, Werbeleute und einige Juristen und Pädagogen vertreten.  „Fachübergreifend“ fiel mir auf, dass die überwiegende Mehrheit ein Studium abgeschlossen hat oder einen Beruf ausübte, der textaffin war – sie alle hatten also Jahre in eine Ausbildung im Umgang mit Texten investiert. Weiterhin war auffällig – und dies ist nun wichtig, falls Sie nächstes Jahr im relaunch dieses Eintrags stehen möchten – dass fast alle entweder einen „Primärberuf“ ausübten, mit dem sie ihr Geld verdienten und neben dem sich das Schreiben erfolgreich entwickelte, oder dass sie sich mit eher ungeliebten und/oder kurzfristigen Tätigkeiten finanziell und sozial über Wasser hielten, etwa als Lehrer, als freie Journalisten, als Lehrbeauftragte an Universitäten oder in Aushilfsjobs. Gleichfalls ist zwischen den Zeilen der Kurzporträts zu lesen, dass viele der Bestsellerautoren von einem Einkommensmix leben, also neben den Honoraren und Tantiemen für ihre Bücher ihr Geld mit Drehbüchern, Werbetexten, journalistischen Arbeiten, Seminaren oder Workshops verdienen.

Es gibt unzählige Seminare, online-Tipps und Bücher, die Ihnen den Weg zum guten Schreiben, erfolgreichen Schreiben, der Karriereplanung zur Bestsellerautorin weisen wollen. Ich muss gestehen, dass ich unter den Titeln und Seiten, die ich gelesen habe, keine fand, die ich Ihnen wirklich empfehlen mag (vielleicht haben Sie selbst einen Tipp?). Aber die Begeisterung am Studium, die Befragung auf Ihre eigentliche Motivation für Ihre Fächer hin, die Entwicklung eines eigenen Stils anhand von Experimenten, Schreibtagebüchern, Feedback von Dozenten und Kommilitoninnen nicht nur zum Inhalt, sondern auch zur Sprache Ihrer Qualifikationsarbeiten, auch ein Ernstnehmen und Wertschätzen der Tatsache, dass die Geisteswissenschaften von Texten ausgehen, kann Sie in ihrem studentischen Alltag näher zum ersten (?) eigenen Buch führen.

Weiterlesen z. B. hier: https://brotgelehrte.wordpress.com/2012/12/12/buchmarkt/