Warum nicht? Auf der Jobmesse Paderborn kam ich mit Christian Klußmann von der Siemens Betriebskrankenkasse (SBK) ins Gespräch:

„Sie bieten ein Rhetorik-Seminar auf der Jobmesse an? Sind Sie nicht eine Krankenkasse?“

„Ja, das ist richtig. Unser Rhetorikseminar stößt auf viel Interesse.“

„Aber abgesehen davon – warum bieten Sie es an? Das gehört doch eher in unser Metier als Geisteswissenschaftler. Wir arbeiten mit Sprache. Sie mit Körpern.“

„Wir arbeiten auch viel mit Sprache, im Kundendialog, am Telefon, in der Beratung, in der Aus- und Fortbildung. Die Rhetorikseminare werden gern angenommen, und hier bieten wir nun eines, das z. B. Bewerber nutzen können, um zu sehen, wie sie wirken. Vielleicht bewerben sie sich dann nicht bei uns. Aber vielleicht haben sie uns in guter Erinnerung.“

„Wer führt denn solche Seminare durch? Jemand aus Ihrem Haus oder ein Externer, der für das Seminar eingekauft wird?“

„Mit dem Trainer, der auch dieses Seminar durchführen wird, haben wir einige Zeit auf Honorarbasis zusammengearbeitet. Das hat so gut funktioniert, dass er inzwischen festangestellt ist.“

„Sind also Geisteswissenschaftler für Sie als Bewerber interessant?“

„Warum denn nicht? Die haben ein Studium zu Ende gebracht, können analysieren, kommunizieren, Sachverhalte erklären. Sie müssen sich eben fragen, inwieweit eine Krankenkasse als Arbeitgeber für sie attraktiv ist, und sich über ihre Strukturen informieren. Nicht jeder ist für den Außendienst geschaffen, aber vielleicht für den Kundendialog. Doch wenn sie ein Studium abgeschlossen haben, werden sie es wohl schaffen, zu benennen, wo sie hinmöchten, und herauszufinden, wie das geht.“

Ich war überrascht, ein wenig auch von diesem Optimismus. Das Interesse an der Rhetorikveranstaltung war sogar so groß, dass aus der einen vorgesehenen vier gemacht werden müssen. Und GeisteswissenschaftlerInnen bei einer Krankenkasse – das hatte ich mir stets als resigniertes Ergebnis erfolgloser Suche nach affinen Tätigkeiten vorgestellt, als Ende eines Weges von finanziellem Druck, Umschulung und sozialer Neuorientierung.

Stimmt wohl nicht.

Krankenkassen bieten durchaus affine Tätigkeitsbereiche an: Presseabteilungen etwa, zu deren Portfolio auch die Journale oder Mitgliederzeitungen sowie deren online-Ausgaben gehören. Wie stets konkurrieren GeisteswissenschaftlerInnen hier mit den Vertretern der anderen Textaffinen Branchen, Journalismus, Publizistik, Kommunikation, Werbung etc.

Eine weitere Tätigkeit, die nahe an den Inhalten und Methoden des Studiums liegen kann, bietet sich in den Bildungszentren der Krankenkassen. Insbesondere die größten unterhalten eigene Häuser, in denen Festangestellte und Honorarkräfte die Aus-, Fort- und Weiterbildung des Personals planen und durchführen, so auch in der Rhetorik. Die Barmer GEK etwa ist in Stuttgart vertreten, die AOK unterhält, gemäß ihrer dezentralen Struktur, Bildungszentren in den Regionen.

Wie stets liegt der Haken allerdings in den Stellenausschreibungen. Auf der Stellenseite der Siemens Betriebskrankenkasse ist für so gut wie alle offenen Positionen eine abgeschlossene Ausbildung zum/ zur Sozialversicherungsfachangestellten Voraussetzung. Und auch für das Praktikum in Bremen werden sich Germanistikstudenten nicht sofort angesprochen fühlen, werden doch „medizinische Studiengänge“ gewünscht. Hier jedoch die Relativierung aus einem persönlichen Gespräch:

„Auch Germanisten und Philosophen sollten sich ruhig bewerben. Was nutzt uns ein hervorragender Gesundheitswissenschaftler, der aber überhaupt kein Einfühlungsvermögen hat oder die Zähne nicht auseinander bekommt? Da nehmen wir lieber jemanden, der fachlich weiter weg zu sein scheint, aber dafür ins Team passt und gut kommunizieren kann. Den fachlichen Anteil wird er dann schnell lernen.“

Es bleibt zudem der Weg über Initiativbewerbungen. Ich habe damit keine Erfahrung, doch wird aus der Anschauung sehr deutlich, dass Sie in diesem Fall nicht nur sich selbst, Ihre Stärken und Fähigkeiten sehr gut einschätzen können müssen, sondern auch den potentiellen Arbeitgeber, seine Strukturen, Tätigkeitsschwerpunkte und „Philosophie“ kennen sollten, um in der Bewerbung erklären zu können, wo sie für das Unternehmen „wertvoll“, gar „wertschöpfend“ sein könnten.

Doch auch nichtaffine Bereiche sind jenseits von verstetigten Hilfsjobs erreichbar. Viele Krankenkassen bieten Trainee-Programme für Hochschulabsolventen an, die meist ca. 18 Monate dauern und tätigkeitsspezifische Ausbildung mit Berufspraxis und sozialer Einbindung in den Betrieb verbinden. Sie bieten einen für Hochschulabsolventen „angemessenen“ Berufseinstieg, was sich vermutlich auf Position und Gehalt bezieht. Was Sie mitbringen müssen, finden Sie z. B. auf der Seite der Techniker Krankenkasse definiert: „Was wir erwarten: Engagement und vernetztes Denken. […] Sind Sie engagiert, teamfähig, kommunikativ und können sich schnell in komplexe Strukturen und Problemstellungen einarbeiten?“

Als Trainee wechseln Sie Ihre berufliche Identität und werden nicht mehr „als Geisteswissenschaftler“ eingestellt. Ob und in wie weit dies dann Teil Ihrer Persönlichkeit bleibt, ist Ihre private Entscheidung.

Mir fiel allerdings auf, dass Kernkompetenzen von GeisteswissenschaflerInnen, nämlich Text- und Sprachkompetenz, gern als „weiche Faktoren“ und „Schlüsselkompetenzen“ bezeichnet werden und damit ein wenig generalisiert sind. Es liegt an uns, deutlich zu machen, dass dies eben keine „irgendwie-auch-Kompetenzen“ sind, die man nicht lernen muss, sondern die quasi angeboren sind (oder eben nicht). Dies macht vielmehr unser Spezialistentum aus. Freilich müssen wir es auch entsprechend kultivieren und die Zeit des Studiums dazu nutzen, möglichst viele Methoden und Werkzeuge fundiert ausbilden.

Für die Trainee-Programme wird in der Regel neben dem Hochschulabschluss erste Berufserfahrung eingefordert, und – ehe Sie jetzt frustriert wegklicken – diese auch gleich definiert: Erste Berufserfahrung ist ein Praktikum oder eine Ausbildung vor dem Studium. Im persönlichen Gespräch wurden auch Aushilfsjobs über einen längeren Zeitraum, die einen Bezug zur späteren Tätigkeit aufweisen, als „erste Berufserfahrung“ verstanden, etwa im Fitnessstudio, durchaus auch im Call Center.

Über die Trainee-Programme können Sie sich auf den Internetseiten der Krankenkassen informieren, entweder über Menüpunkte wie „Jobs“ oder „Karriere“ oder über den Suchbegriff „Seiteneinstieg“, „Trainee“ o.ä.

 Über einen Seiteneinstieg – und, btw, auch über den Wert des philosophischen Doktortitels in dieser Branche – berichtet z. B. der unispiegel.

Einen kurzen Text zum Quereinstieg in die Versicherungsbranche finden Sie auf der Seite der R+V.