Ein Tagtraum: Mein Mann spült, ich leiste ihm gemütlich am Küchentisch Gesellschaft und referiere über die Philosophie und innere Haltung zum Putzen, die ich jüngst in der Lektüre von

Linda Thomas: Putzen!? Von der lästigen Notwendigkeit zu einer Liebeserklärung an die Gegenwart, Dornach/Esslingen 2011

entdeckte. „Wie schön, dass Du mit Deinem Wissen die brachliegenden Felder um Dich herum bedenkst“, lobt mich mein Mann. „Ach, weißt Du, ich habe ja nicht für mich allein studiert“, entgegne ich bescheiden und verziehe mich ins Arbeitszimmer, weiter denken.

Zum Beispiel, ob aus der Philosophie von Putzen und Reinigen folgt, dass Putzfrau eine logische berufliche Konsequenz unserer Studienfächer ist. Tatsächlich ist das Buch von Linda Thomas gefüllt mit geisteswissenschaftlichen (im Sinne des bildungsbürgerlichen Kanons) und geisteswissenschaftlichen (im Sinne der Anthroposophie Rudolf Steiners) Quellen, Bezügen, Schlussfolgerungen. Fazit: Wenn der Beruf der Putzfrau aus einer inneren Haltung entspringt, die Ordnungmachen und Sortieren, innere und äußere Reinigung, Schöpfung, ein Freilegen von Schichten, die Frage nach der Beschaffenheit und Grenze von Räumen etc. enthält, ist er angewandte Geisteswissenschaft.

Doch die Gegenwart ist selten so romantisch und lässt kaum Raum für eine innere Reflexion des Notwendigen – vielleicht haben wir es auch nur nicht genug geübt. Natürlich gibt es GeisteswissenschaftlerInnen, die putzen, um sich ihr Studium, ihre Promotion oder auch einfach ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Erstrebenswert findet dies wohl kaum jemand; bei den Studentinnen ist „Putzen“ das Äquivalent zum „Taxifahren“ der Männer (z. B. im Thread bei der Brigitte Young Miss online): zwischen Metapher für die soziale Sinnlosigkeit des Studiums und bedrohlicher Zukunft. So verwundert kaum, dass die soziale Abgrenzung zu den Putzfrauen in Universitäten besonders sichtbar wird (Bericht aus dem KarriereSpiegel vom 12.8.2013):
„[…] Uni-Dozenten, die sich bei der Vorarbeiterin darüber beschwerten, dass die afrikanischen Putzkräfte so unangenehm riechen würden. Oder unter dem Schreibtisch noch ein Staubknäuel hervorholten und den Schuldigen dafür zur Rede stellten. […] ‚Die sind so herablassend zu uns! Dabei kann in der heutigen Zeit jeder ans Putzen kommen.'“

Wie kommen GeisteswissenschaftlerInnen ans Putzen?

Über ihre persönliche Eignung und Erfahrung. Bei der Studentenvermittlung Jobruf werden „zuverlässige Studenten mit Strahlkraft“ vermittelt, die über „umfangreiche Erfahrungen in Haushalts- und Reinigungsarbeiten“ verfügen.

Andere „erben“ ein Putzunternehmen: Stephan Schwarz, studierter Historiker, übernahm gemeinsam mit seinem Bruder die Großberliner ReinigungsGesellschaft (heute GRG Services Group). Zum Artikel Familiensache: Schwarz heißt sauber, TOP Magazin Berlin.

Dank der Nichtvereinbarkeit von Beruf und Familie:
„Jede zweite Frau, die in der Reinigung arbeitet, hat eine abgeschlossene Berufsausbildung. Nur durch Kindererziehung oder andere Umstände ist sie in den eigentlichen Beruf nicht mehr reingekommen.“ (Artikel „Wir sind den Leuten unangenehm“ in der taz, 8.3.2013) Dies spricht ein sensibles Thema an, denn anders als auf den beiden ersten Wegen geht es hier nicht um das Strahlen des patenten Studenten, und auch nicht um den Unternehmersohn, der zwar fachfremd ist, aber in sozialer Kontinuität steht. So wissen wir natürlich nicht, wie viele – gut qualifizierte – Absolventinnen putzen, um ihr Brot zu verdienen, aber dass es viele gibt und welche Strukturen sie dazu zwingen, wissen wir eben schon. Ihnen zu raten: „Mach doch ne Philosophie draus wie Linda Thomas“, wäre zynisch. Natürlich geht es nicht darum, ob man erfüllt putzen kann, sondern ob man zum Putzen gezwungen wird, weil andere Wege sehr effektiv verbaut sind. Der Ausschluss aus der peer group ist perfekt, wenn dies als persönliches Scheitern vermittelt und empfunden wird.

Ähnliches gilt für eine andere Gruppe: gut ausgebildete Migrantinnen. Im Deutschlandradio Kultur fand ich den Beitrag „Putzfrau mit Doktortitel?!“. Eine der Interviewpartnerinnnen hatte in der Türkei Philosophie studiert und arbeitete nun in Deutschland als Putzfrau. Im Beitrag wurde zudem der BA-Studiengang „Interkulturelle Bildung und Beratung“ der Universität Oldenburg vorgestellt, der eine beruflich angemessene Laufbahn für Fachkräfte aus dem Ausland, deren Abschluss in Deutschland nicht anerkannt wird, ermöglichen will. Belletristisch wurde die Figur der polnischen Putzfrau z. B. von Holger Schlageter alias Justyna Polanska (Unter deutschen Betten. Eine polnische Putzfrau packt aus, München 2011) verarbeitet. Ihre Geschichten können als Stellvertreterinnen gelesen werden; Schlageter hatte sie aus Gesprächen kompiliert. Eine Kunstpädagogin aus Polen, die als Putzfrau arbeitete und nun in Köln Kunstgeschichte studiert, berichtet ebenfalls von den unterschiedlichen sozialen Wahrnehmungen und dem „Wandern zwischen den Welten“, die aus ihrer Tätigkeit einerseits und ihrem Bildungsstand andererseits entstehen: Einmal Putzfrau und zurück.

Ist Putzfrau also ein Beruf für GeisteswissenschaftlerInnen?

Möglich, aber selten. Es ist überwiegend ein Beruf von Geisteswissenschaftlerinnen, und an den Gründen tragen wir gemeinsam. Sie liegen in einer unzureichenden Verklammerung von Akademie und Praxis.  In gesellschaftlicher Unflexibilität sowohl hinsichtlich der Rollenbilder als auch hinsichtlich der Arbeitspraxis, sobald aus Absolventinnen Mütter werden – selbst wenn die kinderlose Akademikerin die Egoistin schlechthin sei. Und sie liegen in unserer Phantasielosigkeit bei der Inklusion „ausländischer“ Kompetenzen, die, solange in „Bolognamobilität“ und „Erasmus“ praktiziert, begrüßt werden, aber, sobald das wahre Leben zuschlägt, viele vor Komplexität erstarren lassen.

[update 18.3.2014]: Auf WDR5 läuft heute ein Beitrag zu „Putzen als Passion“ mit der Philosophieprofessorin Dr. Nicole Christine Karafyllis. Diese hat auch ein Buch verfasst: Putzen als Passion.  Ein philosophischer Universalreiniger für klare Verhältnisse, Berlin 2013.Jobruf