Merkwürdig, auf welchem Auge ich manchmal blind bin. Während ich in den vergangenen Wochen manche Blogeinträge mit kurzen Updates versah und die Infoseite mit Inhalt füllte (stöbern Sie mal durch, und: bitte ergänzen Sie!), stellte ich fest, wie wenig ich bislang zum Berufsfeld Wissenschaft schrieb. Typischer Fall von Verdrängung; mein Abwehrmechanismus, mit dem ich „tabuierte und bedrohliche Inhalte und Vorstellungen von der bewussten Wahrnehmung“ ausschließe (nach Freud via Wikipedia . Da haben wir doch schon das Symptom ;-)).

Dass (Dauer-)Stellen in der Wissenschaft rar gesät sind und im Rahmen der Reformen ab 1998 zudem abgebaut wurden, ist kein Geheimnis. Ein interessantes Phänomen aber ist, dass an anderen Orten im sozialen System Wissenschaft Stellen eingerichtet wurden, an denen keine Wissenschaft mehr betrieben wird, sondern „gemanagt“, d.h. vor- und nachbereitet, geführt, geplant, verwaltet, beraten, geclustert, evaluiert, finanziert, virtualisiert, nivelliert, akkreditiert, publiziert, internationalisiert, modularisiert… (ich muss aufhören, ich bin ja nicht Smudo. Womit wir einen schönen Übergang nach Stuttgart haben).

Wenn ich im Job etwas für das Leben gelernt habe (und mal nicht umgekehrt), dann war es während meiner Zeit im Studiengangsmanagement. Geduld und Beharrlichkeit, Resilienz angesichts politischer Veränderungen, Zuverlässigkeit und Entscheidungsfreude, klare Benennung des Wesentlichen, der Transfer von abstrakt zu konkret – all das kommt mir zum Beispiel nun bei der Kindererziehung zu Gute. Eine gewisse Unempfindlichkeit gegenüber Sachverhalten, die auf den ersten Blick unsinnig erscheinen, aber auf tiefsitzende phylo- oder ontogenetische Prägungen der Agenten schließen lassen, ebenfalls.

Genug gescherzt; es war eine anspruchsvolle Tätigkeit. Ich musste tatsächlich die gesamte Bandbreite meines Fachwissens einsetzen und konnte mich nicht auf meine Epoche oder Spezialgebiete zurückziehen. Ich profitierte von meinen Erfahrungen in der akademischen Selbstverwaltung und meinen Kenntnissen der Organisationsstruktur von Universitäten ebenso wie von meinem (zugegeben: eher allgemein ausgerichteten und rezeptiven) Interesse an Wissenschaftspolitik. Und natürlich kam mir meine Lehr- und Prüfungserfahrung zugute, denn das Lehrdeputat erhöhte sich merklich und damit auch die Anzahl der Prüfungen und Beratungsstunden. In der Lehr- und Programmplanung konnte ich auf ein relativ weites theoretisches Spektrum von Möglichkeiten zurückgreifen, weil ich 300 Stunden Weiterbildung in der Hochschuldidaktik durchlaufen hatte. Und auch in Haushaltsfragen und Mitteleinwerbung hatte ich erste Erfahrungen vorzuweisen. Dennoch empfand ich den Job als sehr aufreibend, und eine Identitätsveränderung ging mit ihm einher: Obwohl meine Fachqualitäten gefordert waren, stand mir wenig Zeit zu, mich fachlich, in der Forschung, weiter zu entwickeln – gerade in der Qualifikationsphase und auf einer Stelle, die als Qualifikationsstelle in die magischen zwölf Jahre des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes zählte. Ein ohnmächtiger Zustand.

Wissenschaftsmanagement gehört zu den neueren Arbeitsfeldern von Absolventen und ist darum noch nicht eindeutig definiert hinsichtlich der Inhalte, des Werdegangs und der Qualifikation. Natürlich finden Sie einerseits fachspezifisches Management (Forschungsförderung innerhalb der Disziplin, Studiengangsentwicklung, Institutsverwaltung). Für diese ist ein einschlägiges Fachstudium Voraussetzung. Andererseits gibt es übergreifende Positionen (z. B. in den entsprechenden Stabsstellen der Universitäten), für die z. B. Erfahrungen oder Engagement in der (Hochschul)Politik, in der Hochschulverwaltung oder im Stiftungswesen Voraussetzung sein können. Zu beobachten ist, dass manches Wissenschaftsmanagement allerdings nicht wirklich neu ist, z. B. der gesamte Bereich der akademischen Selbstverwaltung, aber neue Themen bekam (z. B. „Akkreditierung“). Auch Ministerien, Medien und Unternehmen (etwa CHE als gGmbH oder Unternehmen mit hohem Forschungsanteil, vornehmlich mit technischer oder naturwissenschaftlicher Ausrichtung) sowie Vereine (etwa Akkreditierungsagenturen) beschäftigen WissenschaftsmanagerInnen.

Jobperspektiven im Wissenschaftsmanagement bieten sich vornehmlich dort, wo neue Stellen geschaffen werden. Es sind zwar keine Massen, aber auch nicht wenige; beobachtet man den Stellenmarkt, so stellt sich heraus, dass beispielsweise in der Zeit derzeit mehr „Verwaltungsstellen“ ausgeschrieben sind als wissenschaftliche Mitarbeiter gesucht werden. Dies resultiert sicherlich aus der gestiegenen Verwaltungslast. Jene wiederum geht einher mit einer Veränderung der Universitäts- und Forschungsstrukturen und deren Dokumentation insgesamt: dank steigender Studierendenzahlen, einer Tendenz zur Akademisierung, der Pflicht zur schriftlichen Dokumentation sämtlicher TOPs in Forschung, Lehre und Verwaltung oder auch den Mühen, die ein einheitlicher europäischer Hochschulraum und hohe Mobilität eben mit sich bringen. Der Beratungsbedarf der Studierenden scheint ebenfalls gestiegen. Folglich schreiben die Institute Stellen für Lehrkräfte mit besonderen Aufgaben aus oder stellen explizit StudiengangsmanagerInnen, Geschäftsführer etc. ein.

Auf weiteren Ebenen in einer strukturellen Nähe zum Wissenschaftsmanagement finden sich an den Hochschulen Service- und Kontrollstellen wie Career Services, Hochschuldidaktik/ Weiterbildung, Alumnibeauftragte, Qualitätsmanagement, etc., die Mitarbeiter suchen – häufig finden Sie in den entsprechenden Ausschreibungen unsere „Schlüsselqualifikationen“ wieder: Kommunikationsstärke, Flexibilität, Verhandlungs- und Präsentationsvermögen.  Auch einige Freiberufler, die vornehmlich Universitäten ihr Fachwissen anbieten, habe ich gefunden, etwa die Förderungsberatung Dr. Wilma Simoleit. Eine Schnellabfrage bei XING nach Wissenschaftsberatern (eine Variante, ein Nebeneffekt oder komplementär zum Wissenschaftsmanagement?) brachte 77 Treffer.

Es gibt noch keine eigene Ausbildung für WissenschaftsmanagerInnen, und die Bandbreite der Abteilungen und Tätigkeiten legt auch nahe, dass eine einheitliche Qualifikation für diese Positionen nicht viel Sinn hat. Voraussetzung ist in der Regel ein abgeschlossenes Hochschulstudium; viel mehr kann ich Ihnen gar nicht sagen, denn die Beispiele, die ich kenne, reichen tatsächlich vom Bachelor bis zum habilitierten Geisteswissenschaftler. Und nicht immer leitet sich daraus eine soziale oder finanzielle Hierarchie ab. Entscheidend scheinen mir zu sein:

  • Generalistentum in den Fächern, denen die Stellen zugeordnet sind,
  • Erfahrungen mit inter- und transdisziplinärem Arbeiten in Methoden und personeller Besetzung,
  • (durchsetzungs)starke, selbstbewusste Persönlichkeit,
  • Autorität dank Forschungs- und/oder Berufserfahrung,
  • Verwaltungserfahrung (Zuständigkeiten, Abläufe, Haushalt, persönliche Kontakte zum Erfahrungsaustausch und reibungslosen Informationsfluss).

Hier können Sie sich informieren:

http://www.netzwerk-wissenschaftsmanagement.de/ (Ziel: „best practices von Institutionen verbreiten und Ihre individuelle Karriere im Wissenschaftsmanagement unterstützen“).
mit Stellenbörse
und Weiterbildungsangeboten (Links zu den Programmen an der TU Berlin, Donau-Universität Krems, Uni Oldenburg, Hochschule Osnabrück, DHV Speyer, ZWM Speyer. Einige der Programme werden berufsbegleitend angeboten).

http://www.wissenschaftsmanagement.de/

http://www.wissenschaftsmanagement-online.de/converis/ als Angebot des Zentrums für Wissenschaftsmanagement e.V. (ZWM)

www.forschung-und-lehre.de

Sigrun Nickel, Frank Ziegele: Karriereförderung im Wissenschaftsmanagement – nationale und internationale Modelle. Eine empirische Vergleichsstudie im Auftrag des BMBF, Bd. 1, Gütersloh 2010, http://www.bmbf.de/pubRD/0_CHE-STUDIE_Endbericht_final.pdf

http://www.netzwerk-wissenschaftsmanagement.de/

kommende „These“ des Doktorandenvereins Thesis

Bernt Armbruster: Messerscharf am Streit vorbei (duz MAGAZIN 07/13 vom 28. Juni 2013), http://www.duz-wissenschaftskarriere.de/de/karriere/wissenschaftsmanagement/

[update 19.12.2013]: Mareike Menne: Berufsfeld Wissenschaftsmanagement und Berufserfahrung in eben jenem, in: These 90 (2013), S. 36-40