Es gibt eine ganze Reihe von Verlagen in Deutschland, die etwas mit Migrationshintergrund und Multikulturalität zu tun haben. Ihre Gründer, ihre Programme oder ihre soziale Eingebundenheit etwa. Hier das Ergebnis meiner Quersuche, das Ihnen
1. einen schemenhaften Eindruck von der Vielfalt der Verlagslandschaft geben soll und damit
2. falls Sie sich für einen Einstieg in das Verlagswesen interessieren, ein paar Anlaufstellen nennt, die verdeutlichen, dass nicht nur Campus, C.H. Beck, Suhrkamp usw. als potentielle Arbeit- oder Auftraggeber in Frage kommen. Zugleich seien Sie gewarnt: Sie werden auf mittelgroße Häuser treffen, in denen mehrere Angestellte tätig sind – Übersetzer, Lektoren, Grafiker etc., aber auch auf Familienunternehmen und Eine-Frau-Betriebe, bei denen ein Einstieg in eine Festanstellung unwahrscheinlich ist. Aber vielleicht finden Sie ja Praktika, freie Mitarbeit oder Dienstleistungen und kommen so Ihrem Ziel näher.

Der Anadolu Verlag ist der erste türkische Schulbuchverlag, der in Deutschland gegründet wurde (1977). Heute veröffentlicht er zudem zweisprachige Kinderbücher, neben deutsch-türkisch auch deutsch-englisch, -russisch, -arabisch, -italinisch, -spanisch, -französisch, -polnisch, -bosnisch, -kroatisch, -serbisch, -zazaisch (?) und -portugiesisch. Ebenfalls veröffentlicht der Önel Verlag in Köln u.a. Schulbücher, Lehrmaterialien und Kinderbücher auf Deutsch, Türkisch und zweisprachig. Der ambitionierte Literaturca Verlag in Frankfurt am Main veröffentlicht türkische Literatur in deutscher Übersetzung. Er wird von Beatrix und Mesut Caner geleitet; Beatrix Caner leistet viele der Übersetzungen, die im Verlag erscheinen. Der Verlag Der Islam in Frankfurt will „verständliche und profunde Informationen in deutscher Sprache zum Thema Islam und vergleichender Religion“ publizieren. Beim Unionsverlag in Berlin fand ich eine türkische Bibliothek und darüber hinaus viele Titel von AutorInnen aus aller Welt.
Was ich während der Recherchen lernte, also vorher gar nicht wusste: Es gibt eine eigene türkisch-deutsche Industrie- und Handelskammer. Sie werden die Information vielleicht in Ihrem Wissensnetz nützlich finden. Jedenfalls gibt es auf der Website eine Praktikantenvermittlung für alle Fachbereiche und eine Kooperationsbörse.

Der Lenos Verlag in Basel gibt die Reihe „Arabische Literatur im Lenos Verlag“ heraus, die inzwischen über einhundert Titel aus elf Ländern umfasst. Damit bietet er das umfangreichste Programm arabischer Belletristik in deutscher Sprache.

Der Waldemar Weber Verlag widmet sich mit seinen Sachbüchern den historischen und kulturellen Wechselbeziehungen zwischen Deutschland und Russland. Die Friedenauer Presse in Berlin wurde mehrfach für ihre Verdienste um die Vermittlung der russischen Literatur ausgezeichnet. Zur russischen Presse bzw. Zeitungs- und Zeitschriftenverlagen in Deutschland fand ich einen weiterführenden Artikel in der wikipedia.

Liegt beim Jüdischen Verlag Migrationshintergrund vor? Wohl nicht in der Weise, in der das Wort im politischen Alltag verwendet wird, aber sicherlich schon hinsichtlich der Geschichte des jüdischen Volks. Der Jüdische Verlag wurde 1901 gegründet, 1938 verboten und 1958 resituiert. Seit 1992 firmiert er als „Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag“ mit Sitz in Berlin. Er widmet sich nicht nur der Veröffentlichung von Büchern, sondern der Förderung der jüdischen Kultur in deutscher Sprache insgesamt.

Claudia Gehrke leitet in Tübingen den konkursbuch Verlag, der sich neben dem Japan-Schwerpunkt der Veröffentlichung von erotischen Werken heterosexueller, lesbischer und schwuler Orientierung widmet. Ein kleiner Verlag, dem ein Lesekreis angeschlossen ist (oder umgekehrt), ist und der sich dem deutsch-chinesischen bzw. -taiwanesischen Austausch widmet, ist Aquarmas. Der Schwerpunkt des yinyang Media Verlags liegt auf mystischer Weltliteratur. Falls Sie hier auf inneres OOMM schalten: Nachdem Indien Gastland der Frankfurter Buchmesse 2006 war, wurde der Verlag in der Presse einschließlich der FAZ sehr positiv besprochen.

Der Lamuv Verlag in Göttingen publiziert vor allem zur Friedensbewegung und zur Situation von Frauen. Wenn Sie die website besuchen, werden Sie schnell bemerken, dass dieser Verlag politisch Flagge zeigt und die Werke von Autorinnen und Autoren aus Afrika, Asien und Südamerika nicht nur veröffentlicht, sondern sich für eine Wahrnehmung und für die soziale Relevanz dieser Gruppen einsetzte. Zu den Verlagsgründern zählte René Böll, der Sohn Heinrich Bölls, was nicht nur den Programmpunkt Irland erklärt, sondern auch die Nähe zur Partei „Die Grünen“.

Die Blockbuster der US-Literatur erscheinen bei den großen deutschen Verlagen. Aber es gibt auch hier kleine und unabhängige Vertreter, etwa den Maro Verlag in Augsburg, der sich aus einem studentischen Nebenjob entwickelte. Zu den bekanntesten Autoren zählte Charles Bukowski.

Der Vervuert Verlag veröffentlicht spanische und südamerikanische Literatur und Sachbücher und ist in Frankfurt am Main und Madrid niedergelassen.

Informationen rund um die Publikation von „deutschsprachigen Auslandsmedien, fremdsprachigen Inlandsmedien und deutschsprachigen Studienangeboten weltweit“ finden Sie auf der Seite der internationalen Medienhilfe Deutschland – und übrigens auch Stellenangebote. Die IMH ist auch Herausgeberin des Titels „Fremdsprachige Publikationen in Deutschland“ (fremdsprachige Zeitungen, Zeitschriften, Mitteilungsblätter und Jahrbücher).

Auf den Internetpräsenzen mancher Verlage finden Sie den Hinweis auf „Schwesterverlage“ oder Kooperationen mit Verlagen in anderen Ländern. Dies mag eine Idee sein, Verlagswesen und Auslandsaufenthalt synergetisch zu verbinden. Selbstverständlich können Sie auch Verlagswesen studieren, auch im Ausland. Auf der Seite https://brotgelehrte.wordpress.com/beispiele-berufsverbande-info/verlag/ finden Sie Informationen dazu.

Ich schließe nun in bester Leselaune. Ich verstehe auch nicht, warum ich immer noch kein Türkisch gelernt habe.

[update 25.2.2014: Lektüreempfehlung Fachmagazin für „Migration in Germany“ http://www.migazin.de/]