Darf ich das so schreiben? Gebe ich mein Statusobjekt, meine sozial geprägte Sprache, damit preis? Oder biedere ich mich gar an, o Schreck? Kann alles sein, macht aber nichts.
Im Kino läuft  ein Film, der die Sprache zum Thema hat – zumindest wenn man bereit ist, ihn nicht auf der unmittelbaren Ebene zu schauen -, nämlich Fack ju Göhte. Gott sei Dank machte ihn Moritz von Uslar wahrnehmbar, als er den Film in der ZEIT besprach, sonst hätte ich gar nichts davon bemerkt, geisterkrank wie ich bin. In dieser Umnachtung treibe ich mich bisweilen auf facebook herum und like Beiträge meiner Freunde, z. B. Benjamin Völkels Empfehlung von Jens Rehländer: „Not amused“. Wider den Englisch-Wahn an deutschen Universitäten“ (Focus). Ich fand das wirklich gut. Nicht den Artikel, aber den Post. Das war allerdings unvorsichtig, denn Herr Völkel, ganz gewiefter Jungpolitiker, packte mich bei meiner Profession und damit Ehre und lud mich zu einem ausführlichen Statement ein. Da stand ich nun zwischen vielen Einerseits und Andererseits. Ich denke im Folgenden schriftlich:

Einerseits ist es skurril, wenn auf Germanistik-Tagungen im Inland die deutschen Literaturklassiker aus englischen Übersetzungen zitiert werden. Andererseits ist es höflich, sich auf eine lingua franca zu einigen, wenn nicht alle Teilnehmer Deutsch verstehen und sprechen können. Rehländer zitiert den Politikwissenschaftler Claus Leggewie, mit dem Ausweichen auf eine Fremdsprache, die der kleinste gemeinsame Nenner einer interkulturellen Kommunikation sei, entfalle alles, was eine Sprache reich mache: Sarkasmus, Selbstironie und kleine politische Unkorrektheiten. – Ach! Hätten doch Fachtagungen überhaupt Sarkasmus, Selbstironie und kleine politische Unkorrektheiten! Das ist doch weniger eine Frage der Sprachwahl als der wissenschaftlichen Performanz.

Erneut Rehländer: „Die Befürworter der englischen Einheitssprache – und sie stellen längst die Mehrheit im Hochschulbetrieb – halten den Untergang des Deutschen als Wissenschaftssprache für besiegelt und ein Festhalten daran für weltfremd.“
Es sei dahingestellt, ob es diese Mehrheit tatsächlich gibt. Falls ja, wäre zu fragen, ob die englische Einheitssprache für sämtliche Kontexte gefordert wird – die Universitäten sind weit davon entfernt, homogene Corpora zu sein.
Schematisiert die englische Einheitssprache das Denken? Kommt wohl darauf an, ob man unreflektiert einer Mehrheit nachbetet, von der man gar nicht weiß, ob sie existiert und welche Motive sie treiben, oder ob man Englisch, und sei es noch so badly, als weiteres Spiel- und Werkzeug seines Geistes nutzt. Klar, in unseren Lebensläufen steht „Englisch fließend in Wort [ich habe zuerst versehentlich „word“ geschrieben, ach, Freud!] und Schrift“. Doch wenn wir müssen, ist es mühsam. Ob es das Denken schematisiert? Das liegt doch eher an unserer Haltung zum Denken als an der Sprache, in der wir es tun.
Wie viele Fachtexte lesen wir tatsächlich im Original? Leben und Arbeit funktionierten bislang wunderbar ohne z. B. „The Pursuit of Glory“ von Tim Blanning („History writing at its glorious best“, NYT). Es wird zwar lt. amazon-Rang ein wenig gekauft, aber eine Kundenbewertung liegt noch nicht vor.

Wir bringen uns um wichtige Impulse und schließen uns von internationalen Diskursen aus, die im Übrigen nicht nur im Englischen ihren Ausdruck finden. Ich verstehe an mir selbst nicht, wie ich Kulturwissenschaftlerin sein kann, mit viel Interesse an aktuellen Sub- und Gegenbewegungen und kulturellen Hybriden, und zugleich kein Türkisch, Polnisch, Russisch kann! Ich bringe mich um Möglichkeiten, mein Denken die Richtung wechseln zu lassen.

Es lohnt zudem ein Blick auf die Machtfrage, stolpern wir mit unserem artifiziellen und stets defizitären Englisch durch Fachtagungen. Es kommt zu Dysbalancen, wenn einer Sprache unabhängig von ihrer Bedeutung für einen fachlichen Diskurs Hegemonie zugebilligt wird: Alle, die eine andere Muttersprache haben, dilettieren gezwungenermaßen. Sie machen sprachliche Fehler, die die Brillanz ihrer Gedanken und den Fleiß ihrer Forschungen untergräbt. In der Regel trifft dies auf Verständnis bei den native speakers, doch bisweilen auch auf Ungeduld. Ob sie mir zuhören oder nicht, ob sie mich lesen oder nicht, hängt von ihrer Gunst ab, und mir fehlen die sprachlichen Feinheiten, jene zu beeinflussen. Bleiben nur Unterhaltung, Charme und didaktische Reduktion, damit überhaupt etwas rüberkommt. Es ist kein schöner Gedanke, in Fachkreisen Karikaturpotential zu bieten oder sich wie eine Revuenummer zu fühlen. Dann nähere ich mich ja dem Inder, der in der deutschen Comedy sprachlich naiv dargestellt wird. Schönster Postkolonialismus.
Ilja Trojanow schrieb kürzlich, Sprachen seien Waffen; Sprache sei die einzige Art für Flüchtlinge, zu einer Würde und Daseinsbehauptung zu kommen. Die Autorin Barbara Coudenhove-Kalergi hielt dies für zu scharf, konstatierte jedoch, dass es eine Hierarchie der Sprachen gebe, mit der wir leben müssten. Darauf Trojanow: „Wir müssen sie überwinden. Wir brauchen ein Europa der Nachbarschaftssprachen.“ (Buchkultur 150 / Okt/Nov 2013, S. 21).

Wir sollten also Hegemonieansprüchen, seien sie selbst formuliert oder in vorauseilendem Gehorsam oktroyiert, genau den Sarkasmus, die Selbstironie, die politische Unkorrektheit entgegen halten, die wir bedroht sehen – meinetwegen auch auf Englisch, ja, sogar in vollkommen neuen, hybriden, gemischten sprachlichen Formen, eben fack ju göhte. Sprache ist lebendig, und wir sind es, die sie mit Leben füllen.

Natürlich geraten wir immer wieder an unsere Grenzen. Wie begann meine allererste Seminarsitzung in Stuttgart? Mit einem Studenten, der vor mir stand, und sagte: „mr häb d’däschd net gfunda.“

Aus Politik und Zeitgeschichte 8/2010: Sprache
Barbara Coudenhove-Kalergi: Zuhause ist überall. Erinnerungen, Zsolnay 2013
Ilja Trojanow: Eistau, München 2011
Winfried Thielmann: Deutsche und englische Wissenschaftssprache im Vergleich. Hinführen – Verknüpfen – Benennen, Heidelberg 2009; Rezension von Wilfried Witte auf HSozKult