Belästigt die mich nun mit ihren Neujahrsvorsätzen?, mögen Sie sich fragen. Aber das fiele mir natürlich nie ein. Mein Sport – aktiv, passiv und individuelle Vermeidungsstrategien – ist meine Privatsache, und damit verhalte ich mich wie die Mehrheit meiner Kolleginnen und Kollegen. Umso interessanter ist der Blick auf die Minderheit: Wie integrieren GeisteswissenschaftlerInnen Sport in ihr Berufsleben?

Zum Aufwärmen
Natürlich als Lehrer: Geschichte/Deutsch/Englisch etc. – Sport.

Erste Schussversuche
Wenn ich nicht weiß, wo ich anfangen soll, gehe ich ins Feld, wenn sich gerade eines bietet. Zuletzt bot sich die perspektive in Bielefeld, und dort traf ich auf Sonja Watson. Sie hat Geschichte studiert und arbeitet nun im Marketing von Interakteam. Interakteam ist eine Outdoor-Anbieter, der in seinem Akademie-Bereich Workshops und Veranstaltungen z. B. in Kletterparks durchführt. Zu seinen Zielgruppen gehören zum einen Pädagogen oder Lehrende, die erlebnispädagogische Elemente in ihre Lehre einfließen lassen möchten und die erlebnispädagogische Angebote im Sinne des ganzheitlichen Lernens nutzen möchten. Die andere große Zielgruppe sind Personaler, die Outdoor-Trainings aber auch Klettern, Floßbau und Bogenschießen zur Team- und Führungsentwicklung sowie zur Motivation der Mitarbeiter einsetzen. Die Outdoor Akademie war auf der Jobmesse, weil sie Studierende als Betreuer, Trainer und Teamer für die Kletterparks und den Trainings- und Eventbereich suchte. Die Kosten für die Ausbildungen trägt das Unternehmen, wenn die Betreuer sich anschließend für eine Mindestanzahl von Veranstaltungen verpflichteten. Zur Erlebnispädagogik siehe z. B. Bundesverband Individual- und Erlebnispädagogik e.V.

Ein anderer Startpunkt sind ältere Artikel, z. B. zum Yoga. YogalehrerInnen werden derzeit gesucht, und, wie bereits beschrieben: Der Yoga hat auf seiner philosophischen Basis eine hohe Schnittmenge zu unseren Disziplinen.

Dann habe ich mich in meinem Umfeld umgesehen und mich an einen Studierenden erinnert, der seinen Traumjob fand: Vom Studium der Alten Geschichte über ein Volontariat bei einer Regionalzeitung zur Presseabteilung eines sehr großen deutschen Fachsportverbands. Sportjournalist zu werden gehört nach meinen Vorurteilen und inzwischen auch meiner Erfahrung durchaus zu den Träumen junger Männer. Dem kann man sich systematisch nähern, etwa bereits durch die Studienfachkombination aus Sport und Kommunikation, Germanistik, Publizistik o.ä. bzw. den Besuch einer Journalistenschule oder das Absolvieren eines Volontariats im Anschluss an das Fachstudium. Einen Überblick bietet die Seite online-redakteur. Oder man wählt einen Weg, der früh in die Praxis führt und noch recht unverbindlich erste Erfahrungen ermöglicht. Inzwischen gibt es eine Reihe von online-Foren, in denen Sie mit Sportberichterstattung beginnen können. Ich habe z. B. den Sportbuzzer der Hannoverschen Allgemeinen und den der Kieler Nachrichten gefunden. Ein Sportjournalist, der als Freiberufler Services in der Unternehmens-PR, im Texten und der Event-Moderation anbietet, ist z. B. Dirk Harmssen. Er studierte Sport- und Kommunikationswissenschaften.

Eingespielte Recherche
Natürlich gibt es auch sehr naheliegende berufliche Performances. Eine Erforschung der Sportgeschichte etwa, wie sie an einigen Universitäten praktiziert wird. Doch auch Freiberufler haben sich auf diese Dienstleistung spezialisiert, etwa Dr. Rudolf Oswald. Er studierte Geschichte und Englische Literaturwissenschaften und widmete sich bereits während seines Studiums sporthistorischen Fragen. ´Zu seinen Angeboten zählen (von seiner Homepage zitiert):

  • Verfassen historischer Beiträge und Chroniken für Festschriften und stadtgeschichtliche Reihen.
  • Festvorträge im Rahmen von Vereinsjubiläen (Bei Bedarf Organisation einer kompletten Veranstaltung).
  • Historische Vorträge unabhängig von runden Jubiläen (z.B. anlässlich einer Jahreshauptversammlung).
  • Recherchen zur Geschichte des Vereins in kommunalen und staatlichen Archiven sowie in sporthistorischen Instituten (Sportmuseen etc.).
  • Aufbau eines vereinseigenen Archivs.
  • Hilfe bei der Organisation und Gestaltung von Ausstellungen.
  • Sporthistorische Führungen.

Andere leisten Auftragsforschung für die Sport- und Tourismusentwicklung. Ganz klassisch in der peer group verbleiben auch die Mitarbeiter in Sportmuseen, etwa bei der Stiftung deutsches Sport- und Olympiamuseum Köln, Sportmuseum Leipzig, Sportmuseum Berlin, Sportmuseum Schweiz in Basel, diverse Fußballmuseen – Sie können nach so gut wie jeder Sportart schauen, fest immer finden Sie im deutschsprachigen Raum ein Museum dazu. Und natürlich gibt es affine Tätigkeiten bei Verbänden und Vereinen, etwa im Arbeitskreis Sport und Geschichte des Landessportbundes Hessen – doch hier sollten Sie sich gut informieren, viele Tätigkeiten und Vereine leben vom Ehrenamt.

Kleines Straucheln
Ich dachte, ich würde viel mehr zu Tourismus, Kultur und Sport finden. Ich bin mir auch sicher, es gibt noch etwas. Doch zunächst kann ich Sie auf die historischen Führungen in München verweisen, die als Fahrradtouren angeboten werden, so die Tour „Kunst – Geschichte – Sport“. Oder das Klassenfahrtangebot „Sport und Geschichte“ der Jugendherberge Burg Stargard.
Und jetzt wird es ganz neblig, denn ich weiß vom Hörensagen, dass sich eine Gruppe von Studierenden etwas Geld mit „historischen Sportevents“ dazuverdiente, bei Stadt- oder Schulfesten zum Beispiel. Dazu gehörte das Fußballspielen mit den schweren Bällen der 1920er Jahre, vielleicht auch Schach nach den Regeln von vor 1500, Hochsprung im Schersprung oder Straddle, Schwimmen in Korkanzügen…

Sicherer Abschluss
Natürlich gibt es auch prominente sportliche Absolventen unserer Fächer bzw. Sportler, die Geisteswissenschaften studiert haben. Katja Kraus war Torhüterin in der Fussballbundesliga und Nationalmannschaft. Sie studierte Germanistik und Politik. Nach ihrer aktiven Karriere arbeitete sie in den PR von adidas und Eintracht Frankfurt. Von 2003 bis 2011 besetzte sie als erste Frau einen Vorstandsposten beim Hamburger SV.

Wärmebecken
Nur zum Spaß durchsuchte ich eine Datenbank von Personal Trainern, um auf Kommilitoninnen zu stoßen. Sie bilden eine deutliche Minderheit, aber es gibt sie: Absolventen von Sport und Geographie, Pädagogik und – relativ häufig – Psychologie. Auch eine Diplom-Sozialpädagogin und systemische Coach fand ich. Die Nähe von Sport und Pädagogik bzw. Psychologie liegt vor allem in methodischer Hinsicht auf der Hand – sie erweitern die Möglichkeiten zur Motivation und zum systematischen Einsatz des Körpers im Sinne eines ganzheitlichen Lernens.

Es war erfrischend, diesen Artikel zu schreiben. Schade, jetzt hat das Schwimmbad zu.

Literatur

Deutschland Archiv 5/2012 „Sport“, bpb, Link

Behringer, Wolfgang: Kulturgeschichte des Sports, München 2012

http://www.fluter.de/de/113/thema/10705/

Skript: Sportwissenschaft als Kulturwissenschaft, DSHS Köln