Wenn Sie für irgendeine Pflichtarbeit schon mal im Archiv saßen, fiel Ihr Blick vielleicht auch auf andere Archivnutzer. Ich sah fast nur alte Männer. Einige entpuppten sich als Wissenschaftler, andere als – pensionierte – Lehrer, und diese forschten zu irgendwelchen Steckenpferden, oft Hexen. Andere waren Hobbyforscher, die sich der eigenen Familie oder der Geschichte ihres Heimatortes widmeten. Die waren mitunter anstrengend. Sie baten die Aufsicht, beim Entziffern der Schrift zu helfen, und wo die Aufsicht das Unheil kommen sah und sich verzog, baten sie ihre Nachbarn, die nicht schnell genug die Blicke gesenkt hatten. Einmal traf es mich, und natürlich ging es eigentlich gar nicht darum, die Schrift zu entziffern – der Mann saß schon so lange an der Akte und seiner Geschichte, der wusste ohnehin alles besser, wirklich! – sondern um Publikum. So lernte ich uneingeschränkte Bewunderung für Friedrich „den Großen“ kennen und unverhohlene Verachtung für die Studenten von heute, die kein Geld mehr für ein dickes Eis hätten und von der Geschichte nichts wüssten. Ein wesentlicher Unterschied zwischen dem Familienforscher und mir lag in der Distanz, die wir je zu unseren Forschungsobjekten einnahmen. Er suchte nach Identität und Identifikation. Ein anderer lag darin, dass ich keine dienstfertige Ehefrau zum Diktat dabei hatte.

Wenn man allerdings keinen eigenen Pflichten verbunden ist und sich einlassen kann auf diese Suche nach Identität – und vielleicht auch nach einer ausfüllenden Beschäftigung nach der Pensionierung -, dann offenbart sich ein Mikrokosmos von transkontinentalen Hobbyforschernetzen, Datenbanken, Vereinen und Verbänden und: Dienstleistern! Da kommen die Brotgelehrten ins Spiel. Diese Dienstleister ergänzen den Forschungsenthusiasmus um Professionalität. Es gibt:

– Verbände wie den Verband deutschsprachiger Berufsgenealogen , dessen Mitglieder bei der Forschung helfen oder die Verschriftlichung und Publikation von Forschungsergebnissen unterstützen. Unter dem Menüpunkt „Mitglieder“ finden Sie Beispiele für freiberufliche Genealoginnen und Genealogen.

– GenealogInnen arbeiten jedoch nicht nur für Hobbyforscher, sondern haben mitunter ein breites Spektrum von Dienstleistungen. Manche kooperieren mit Nachlassgerichten zur Erbenermittlung. Siehe z. B. Ahnenforschung Iffland (mit Druck und Verlag). Andere bieten genealogischen Tourismus, also Reisen zur genealogischen Forschung mit Begleitung in die Archive und Bibliotheken, auf Friedhöfe oder zu Immobilien im Ausland. Siehe z. B. Genialogic. Zu deren Angebot zählt u.a. auch Genealogie-Journalismus.

– Zeitschriften wie „Familienforschung. Offizielles Magazin des Vereins für Computergenealogie e.V.“ mit Redaktion, Korrektorat, Anzeigenabteilung.

– Spezialisierte Verlage, etwa Cardamina von Susanne Breuel, Degener & Co. oder patrimonium transcriptum.

– Fachhändler für Genealogiebedarf wie geneashop (falls Sie sich fragen, was das sei: z. B. Ahnentafeln, Formulare, Sammelmappen, Digitalisate, Fachliteratur, Nachschlagewerke, Software)

– Spezialisten wie Transcript. Büro für Umschreibarbeiten von alten deutschen Handschriften, das Zentrum für Namensforschung Prof. Udolph, Softwaredienstleister wie Jan Escholt mit familienbuch.net ,  Stammbaummaler wie Rosenlechner, Heraldiker wie Josef Ramsperger, Übersetzer wie Dr. Andrea Esmyol.

– Im weitesten Sinne auch Museen wie das Deutsche Auswandererhaus, das u.a. einen eigenen Raum für die Familienforschung zur Verfügung stellt.

Als ich mich in dieses Arbeitsfeld einlas, stellte ich schnell fest, wie unfassbar groß es ist und eine welch wichtige Rolle elektronische Medien für Recherche und Darstellung spielen. Und auch, welche Fallstricke es bereithält. Man bewegt sich auf dem schmalen Grat zwischen objektivierbarer Forschung und individuellen Bedürfnissen. Wenn der wissenschaftliche Ethos nicht angekratzt werden soll, muss eine hohe Methoden- und Begriffssicherheit gegeben sein. Schwieriger noch ist die Haltung zur Geschichte bzw. zum Geschehenen. Ist die Identifikation mit starken Männern und großen Schlachten noch als Überrest einer modernen Geschichtsauffassung zu erklären und tolerieren, gerate ich spätestens in der Vertriebenengeschichte in die Pflicht, mich sprachlich und politisch zu positionieren. Es braucht viel Sensibilität, die verlorene Heimat und Traumata von Vertriebenen angemessen in die Arbeit einfließen zu lassen, ohne sich in Revanchismus verstricken zu lassen. Hier ist umfassendes Wissen zur Geschichte des ehemals deutschen Ostens elementar – einschließlich der Historiographiegeschichte.

Es gibt ungeahnte Herausforderungen: Familienforscher, die steif und fest behaupten, sie kämen nicht weiter, dabei liegt der Ahne vor ihnen in der Akte. Doch er ist unehelich, und das ist peinlich. Klagen über die fiesen polnischen Popen, die die Kirchenbücher nicht rausrückten, dabei ist die gesuchte Taufe protestantisch.

Ein Angebot genealogischer Dienstleistungen braucht immer gute Kenntnisse in den historischen Hilfswissenschaften, in der Archivnutzung und Provenienzbestimmung. Hinzu kommen sicheres Handhaben der on- und offline-Recherche, gute Darstellungsqualitäten, kreativer Umgang mit Fotos, Tagebüchern, materieller Kultur. Sie müssen schließlich Ihre Arbeit gut dokumentieren können, insbesondere eine ordentliche Datenpflege betreiben. Bei sieben Wilhelms in drei Generationen kommt man schnell durcheinander. Schließlich schadet sicherlich eine Beschäftigung mit Identitäts-, Erinnerungs- und Vergessenstheorien nicht. Sie erleichtern das Fragen, erweitern die Anfertigung von Familien- oder Lebensgeschichten um emotionale, menschliche Komponenten – und erhöhen damit die Chance, dass Nachfahren sich einbinden lassen.

Also ein Dienstleistungsfeld, das nicht unbestellt ist, aber Chancen birgt. Ich habe gelernt, die alten Herrschaften nicht zu unterschätzen, was ihr historisches Interesse anbelangt; sie mögen von halbentnazifizierten Lehrern unterrichtet worden sein, haben aber durchaus, vielleicht gerade darum Interesse an neuen Strömungen, solange man nicht mit der Theorie ins Haus fällt. Insofern: Falls Sie jung sind, mögen gerade Sie ein willkommener Dienstleister sein, denn mit Ihnen ist die Weitergabe der eigenen Geschichte an Nachgeborene gewährleistet. Ich finde zudem, dass Ahnenforschung, Genealogie und Biographiearbeit lohnenswerte Projekte zur Einbindung in die Altensozialarbeit sind.

Einführungsliteratur:

Zur Ahnenforschung
a. Was Sie gut lesen können:

Schug, Alexander/ Urmersbach, Viktoria: Achtung Ahnen, ich komme, Berlin 2011
Wieke, Thomas: Ahnenforschung. So erkunden Sie Ihre Familiengeschichte, Berlin 2013
Ziegler, Sascha: Ahnenforschung. Schritt für Schritt zur eigenen Familiengeschichte, 3. Auflage Hannover 2012

b. Was ältere Menschen möglicherweise gelesen haben:

Heydenreich, Eduard: Handbuch der praktischen Genealogie, 2 Bde., Worpswede 2013 (Original 1913)

Zu den Hilfswissenschaften (Ich wurde mal ermahnt: Es seien GRUNDwissenschaften):

Beck, Friedrich | Henning, Eckart (Hg.): Die archivalischen Quellen. Mit einer Einführung in die Historischen Hilfswissenschaften, 5. Auflage Köln u.a. 2012
Brandt, Ahasver von: Werkzeug des Historikers. Eine Einführung in die Historischen Hilfswissenschaften, mit Literaturnachträgen von Franz Fuchs, 18. Auflage Stuttgart 2012

Zur Geschichte der deutschen Vertriebenen:

Kossert, Andreas: Kalte Heimat. Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945, München 2009

Handbuch:

Reihe Handbuch der historischen Stätten, Bände, Stuttgart 1958ff.