Hanns-Josef Ortheil gibt im Dudenverlag eine Reihe „Kreatives Schreiben“ heraus. Ich wollte prüfen, ob sich diese Titel zum Studium – Selbststudium und Lehre – eignen, und arbeitete mich dafür bislang durch

Hanns-Josef Ortheil: Schreiben dicht am Leben. Notieren und Skizzieren, Berlin u.a. 2012 und

Hanns-Josef Ortheil: Schreiben über mich selbst. Spielformen des autobiographischen Schreibens, Berlin u.a. 2014.

Falls Sie denken, das autobiographische Schreiben sei studienfern, denke ich, Sie irren. Zwar ist ein unmittelbarer Nutzen für Hausarbeiten etc. möglicherweise nicht gegeben, aber zum einen sollten Sie als Philologin verschiedene Schreibformen kennenlernen, ausprobieren und nach etwas Übung beherrschen, und zum anderen können Sie gut von sich auf andere schließen, denn natürlich geht es im autobiographischen Schreiben auch um Ego-Dokumente anderer, um Oral History bzw. Interview, um Selbstreflexion und -darstellung. Vieles also, das Sie praktisch und methodisch weiterführt.

Die Bände sind auf den ersten Blick methodisch und in ihrer Komplexität fortschreitend gegliedert – vom hic et nunc zu übergreifenden, umspannenden, kunstvoll komponierten, experimentellen Texten. Mich hat positiv überrascht, dass mich keine wirklichkeitsfremden und artifiziellen Schreibaufgaben erwarteten, wie damals in Klasse 3: „Beschreibe, wie Du Deine Schuhe putzt“, sondern jede Lektion einen literarischen Paten hat. Dessen Werk dient zur Veranschaulichung und Erläuterung einer spezifischen Schreibart, und daraus entwickeln sich die Übungen je zum Kapitelende. Auch die weiterführende Literatur verweist nicht stumpf 120 andere gedruckte Schreibcoaches, sondern führt wissenschaftliche Literatur zum Aphorismus, Kommentar, Zeitungsausschnitt, Exzerpt (ha! Proseminar lässt grüßen!), zur Datensicherung und zum kulturellen Gedächtnis (Band Notieren) bzw. Geschichte und Theorie der Autobiographie, Selbsthermeneutik, Ästhetiken des Selbst bzw. der Existenz und Selbstentblößung (Band Autobiographie) an.

Die Aufgaben sind im Wesentlichen gut umzusetzen. Da ich zu den Schnelldenkern, aber Langsamschreibern gehöre, bin ich stets dankbar für Anweisungen wie „Kaufen Sie ein Din-A-5-Heft“. Dann kann ich das schon mal erledigen und habe das Gefühl, auf einem guten Weg zu sein. Und vielleicht geht es Ihnen so wie mir, und Sie können auf bestimmten Tastaturen einfach nicht flüssig schreiben, in manchen Heften nur auf der rechten Seite oder haben bei einer besonderen Papierstruktur schnell keine Lust mehr. Es gehört zu den Stärken des „Notate“-Buchs, dass beiläufig, mitunter auch im Zitat auf die Materialien der Autoren hingewiesen wird.
Warum ich hier keine gender-Schreibweise wähle? Ach, das alte Lied. 27 Titel in der zitierten Primärliteratur, 2 Autorinnen, 1 Herausgabe von Frauen (Notate). 38 Titel zitierte Primärliteratur im Autobiographie-Band, 3 Autorinnen.

Die Bände sind gut ausgestattet, gut lesbar, gut zu transportieren. Alles in allem praktisch und serviceorientiert. Falls Sie in Erwägung ziehen, sich auf eine der Trainingseinheiten einzulassen – was ich Ihnen gern empfehle – sollten Sie sich jedoch darüber im Klaren sein, dass Sie es nicht mit einem Crashkurs zu tun haben. Meine Lieblingsaufgabe in Fortführung von Lichtenbergs Sudelbüchern (Notate, S. 128f) lautet:
„Führen Sie ein Sudelbuch in der Manier Georg Christoph Lichtenbergs. Kaufen Sie sich zu diesem Zweck ein ausreichend großes Blankonotizheft oder -notizbuch mindestens im Format DIN A5. Schreiben Sie mit der Hand […]. […] Verwechseln Sie das Sudelbuch nicht mit einem Tagebuch. Notieren Sie also nicht Ihre Befindlichkeiten, sondern Details, Zusammenhänge und Geschichten, die Ihnen von außen zugetragen wurden oder auf die Sie während Ihrer Lektüren gestoßen sind. Führen Sie Ihre Aufzeichnungen bis zu Ihrem Tod. […]“