Rezension: „Interventionen“ – Ein Sammelband zu Kunst und Politik

Gastbeitrag von der Kunstsoziologin Dr. Angelika Gausmann, Borchen

Die Zusammenhänge erkunden, die zwischen Kunst und Politik bestehen, ist etwas, was mich seit meiner Schulzeit interessiert. So war die zufällige Entdeckung des vorliegenden Sammelbandes ein geradezu freudiges Ereignis für mich und motiviert stürzte ich mich in die Lektüre.
Da wird also auf 279 Seiten interveniert: Die Kunst in der Gesellschaft, die Gesellschaft in der Kunst. Kurz: wir befinden uns in der flirrenden Grauzone zwischen Kunst, Soziologie, Politikwissenschaft und Ästhetik. „Interventionen“ ist als Titel des Sammelbandes, den Doreen Hartmann, Inga Lemke und Jessica Nitsche herausgegeben haben, klug gewählt, denn mit diesem ursprünglich kriegerischen Ausdruck wird deutlich, dass es um Grenzüberschreitungen geht und die verwirren und verletzen im Allgemeinen.

In fünf Blöcken wird das Thema unterschiedlich beleuchtet, zunächst in den „Interventionen und Grenzüberschreitungen im Kunstfeld – Geschichte und Gegenwart“. Hier gibt z. B. Martin Papenbrock einen umfassenden Überblick aus kunsthistorischer Sicht, wobei Joseph Beuys und sein erweiterter Kunstbegriff zu viel kurz kommen. Wo bleiben der unverwüstliche Johannes Stüttgen und seine Projekte zur Direkten Demokratie?
Im zweiten Block wird der Zustand der Kunstsoziologie von Oliver Marchart in „Die Soziologie der Kunst und die Kunst der Soziologie. Anmerkungen zu Institution und Intervention am Beispiel der ‘Biennalen des Widerstands‘“ als sehr düster beschrieben. Ja, da gibt es die Klassiker aus dem 20. Jahrhundert und einen Verweis auf eine neuere Publikation von Walter Müller-Jentsch und dann… nichts? Kein Hinweis auf Regula Burri und ihr „Bilder als visuelle Praxis: Grundlegungen einer Soziologie des Visuellen“ (zfs 37 (2008), 342-358), ein Aufsatz der Kult werden könnte. Einen ausführlichen eigenen Artikel wäre die documenta aus soziologischer Sicht wert gewesen.
Im dritten Teil „Interventionen im urbanen Raum. Politik der Performance“ bieten Friedrich von Borries, Friederike Wegner und Anna-Lena Wenzel mit „Ästhetische und politische Interventionen im urbanen Raum“ eine grundlegende Definition der Intervention, der ihrer Meinung nach zu oft zu ungenau verwendet wird. Katrin Klitzke, Eva Holling, Kati Röttger und Manu Luksch stellen praktische Beispiele wie die „Eichbaumoper“ oder „Function Creep“ und andere vor. Hier kann sich das Unterrichtsfach Darstellen und Gestalten Anregungen für Unterrichtsvorhaben holen.
Der vierte Block widmet sich den „Interventionen im ökonomischen und medialen Raum“. Sabine Fabo beleuchtet hier die Kommunikationsformen zwischen Kunst und Politik. Harald Hillgärtner greift Joseph Beuys´ 7000 Eichen auf, die von Franco und Eva Mattes ein Re-enactement erfahren, um daran den Begriff der synthetic performance zu klären.
Der abschließende fünfte Block lässt die Yes Men zu Wort kommen. Martin Doll, Maria Muhle, Ursula Biemann und Mark Sealy widmen sich unterschiedlichen „Strategien des Fakes und [des] Re-enactement[s]“. Dieser Block bietet gute Ansätze für den Kunst – wie auch Sozialwissenschaftsunterricht in der Gymnasialen Oberstufe.

Alles in allem bietet das Buch einen brauchbaren Überblick über aktuelle Strömungen in der Kunst, in dem ich den Praktikern und den Pädagogen mehr Raum gegeben hätte, aber da machen wir ein ganz großes Fass auf…

So bleibt: Über Kunst schreiben ist schön, Kunst machen noch schöner.

 Doreen Hartmann, Inga Lemke, Jessica Nitsche (Hg:): INTERVENTIONEN. Grenzüberschreitungen in Ästhetik, Politik und Ökonomie, Wilhelm Fink Verlag, München 2012, 278 S., 36,90€, ISBN 978-3-7705-5283-2
(zum Inhaltsverzeichnis als PDF)

Germanistik, Kunstgeschichte und irgendwas mit Mode

Ich muss gestehen, ich habe das Thema nicht ernst genommen. Hinsichtlich der Mode trage ich, nun ja, einen Kleidungsstil, den man mit etwas Wohlwollen als „zeitlos“ beschreiben kann. Mehr noch: Ich glaube, dass die Ablehnung von Mode(n) den Wissenschaftler ähnlich distinguiert wie die Unfähigkeit, ein Ikea-Regal zusammenzuschrauben. Oberflächlicher Tand!
Ha! Den Wissenschaftler! Wir sehen hier ein klassisches Beispiel für die Werteprägung einer Gruppe, in der die Geschlechtsverhältnisse sich während des Qualifikationsprozesses umkehren. In der Germanistik sind 80% der Studierenden weiblich, aber 80% der Professoren männlich. So finden wir viele Studentinnen, die sich mit Mode beschäftigen, viele Absolventinnen, die „irgendwas mit Mode“ zum Beruf haben, und auch eine Handvoll Professorinnen, die Mode zum Forschungsobjekt wählten (s.u.). Die männlich geprägte peer group mit Deutungshoheit widmet sich nur selten der Mode.
Warum ich mit den Germanistinnen einleite? Sie sind die Geisteswissenschaftlerinnen, die ich am häufigsten bei der Beschäftigung mit Mode fand. Die andere große Gruppe sind die Kunsthistorikerinnen. Und in beiden Fällen gibt es unmittelbare Bezüge zum Studium, die ich in meiner Anpassung an ein rational-männliches Bild als „Wissenschaftler“ übersah.

Die Nähe zum Theater
Das Theater braucht neben den Darstellern und Regisseurinnen auch Kostümbildnerinnen, Modisten, Gewandmeister, Maskenbildnerinnen, Schneiderinnen, Schumacher – viele klassische Handwerksberufe, die allesamt etwas mit Mode zu tun haben. Darüber hinaus jedoch setzen diese Tätigkeiten eine hohe Belesenheit voraus: Welche Hutformen gab es zu welcher Zeit, wer konnte/durfte sie tragen, wie wurden sie gefertigt, welche Materialen standen zur Verfügung und wurden wie verarbeitet? Wie wurden Kleidungsstücke bezeichnet? Eignet sich dieses Stoffmuster eher für einen Vorhang oder für ein Kleid?
Als freie Kostümbildnerin an verschiedenen Häusern ist z. B. Mareike Delaquis Porschka tätig. Sie studierte zunächst Anglistik, Germanistik und Psychologie, anschließend Kostümdesign (in Hannover). Katja Hagedorn unterrichtet im Studiengang Bühnen- und Kostümbild an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Sie studierte Komparatistik, Germanistik und Anglistik und arbeitete anschließend als Regie- und Dramaturgieassistentin. (Lassen Sie sich nicht von der website durcheinanderbringen).
Bühnen- und Kostümbild können Sie auch an der Akademie der Bildenden Künste München studieren: Link.
Einen Überblick über Studienangebote zum Kostümdesign finden Sie hier.
Ein Beitrag in der brand eins beschreibt Tätigkeit und Hintergrund von Dorothea Nicolai, Kostümdirektorin der Salzburger Festspiele in der brand eins: Link
Einen guten Überblick zum Einstieg gibt das kostenlose PDF „Berufe am Theater“.

Handwerk
Vielleicht kennen Sie den Wunsch, am Ende des Tages mal ein Ergebnis in der Hand zu halten. Ich habe zu diesem Zweck gestrickt, gehäkelt und aus Muranoglas Perlen gedreht – sehr befriedigend, und ich bin damit nicht allein. Und was ist Weben, Stricken etc. anderes als die Herstellung von Text – und umgekehrt? So finden sich unschwer Absolventinnen, die diese haptische Art, Texte anzufertigen, in ein klassisches Handwerk überführten, z. B. die Goldschmiedinnen und Germanistinnen Z. Alexiewa und Marita Pál oder Michaela Weihs, die Germanistik, Slawistik, Kunst und Kunstgeschichte studierte und nun als Schmuckdesignerin arbeitet und lehrt. Auch Susanne Detemple absolvierte ein Magisterstudium der Germanistik und Kunstgeschichte, ehe sie als Schmuckdesignerin Werkstatt und Blog Idee und Form gründete.
Und es gibt auch den umgekehrten Weg: Volker Erbes lernte zunächst sein Handwerk als Feintäschner, dann studierte er Philosophie, Psychologie, Musik und Germanistik. Er lebt als freier Schriftsteller in Frankfurt.
Erneut bieten die Studieninhalte Fachwissen hinsichtlich Formen, Ideen, Verarbeitungsweisen, Einsatzmöglichkeiten, sozialen und kulturellen Kontexten etc., aber wesentlich auch hinsichtlich der Fachsprache.

Wissenschaft
Natürlich gibt es eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Mode in ihrer Vielseitigkeit, und dies nicht nur in Germanistik und Kunstgeschichte, sondern z. B. auch in der Kunstwissenschaft, Soziologie, Medienwissenschaft oder an FH-Studiengängen rund um Design.
Gertrud Lehnert, Professorin für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Uni Potsdam, forscht u.a. zu Modegeschichte und -theorie. Rainer Wendrich unterrichtet Kunst-, Design- und Kostümgeschichte sowie Modetheorie an der Uni Augsburg und an der Bayerischen Museumsakademie. An der TU Darmstadt hat Alexandra Karentzos eine Stiftungsprofessur für Mode und Ästhetik inne (sie sucht übrigens studentische Hilfskräfte). Einen Überblick über die Verwissenschaftlichung der Mode werden Sie hier finden:

Gudrun M. König/ Gabriele Mentges/ Michael R. Müller (Hg.): Die Wissenschaften der Mode, Bielefeld 2014 (Ankündigung)

Die Autorinnen arbeiten zur Kulturanthropologie des Textilen an der TU Dortmund.
Olga Schulisch-Höhle, Professorin an der FH RheinMain für Kommunikationstheorien im Fachbereich Gestaltung arbeitete u.a. zu Kommunikation und Schönheit.
An Hochschulen oder in Museen

Journalismus
Dass „irgendwas mit Mode“ durchaus auch „irgendwas mit Medien“ einschließt, belegen unendlich viele Beispiele aus dem Modejournalismus. Sie finden eigentlich alle Varianten: Profis und Amateure, klassische Printredakteure und Blogger, Spezialisten und Allrounder. Als „Idealweg“ in den Modejournalismus gilt ein Studium gleichen Namens an der Akademie Mode und Design (Standorte in Hamburg, Düsseldorf, Berlin, München). Es ist eine Privatschule, also fallen Kosten an. Es gibt viele Bewerber und u.a. darum eine Eingangseignungsprüfung. Aber dieses Studium gilt auch als Sprungbrett zu großen Modezeitschriften.
Natürlich eignet sich auch jede andere journalistische Ausbildung; für die Mode sind allerdings – wie für jede andere Sparte auch – Fachkenntnisse gefragt. Ebenso sind Praktika, Volontariate, freie MitarbeitAusbildung, sondern auch zur Blickweitung, zum Netzwerken, zur Entwicklung von Trendgespür und persönlichem Stil. Eine sehr breite Ausbildung und einen großen Erfahrungsschatz hat z. B. der Modefotograf (und ehemaliger Germanistikstudent) Rainer Bald.
Jenseits dieses klassischen Wegs haben sich inzwischen Blogs etabliert – sowohl als Möglichkeit, Erfahrung zu sammeln, als auch als veritable Erweiterung des Printangebots. Dabei ist unerheblich, dass altehrwürdige Journalisten Modebloggerinnen eher als schreibende Affen bezeichnen würden und sie keine Pässe für die New York Fashion Week bekamen; Modeblogs sind inzwischen sehr einflussreich und einige Unternehmen unterhalten selbst eines, etwa OTTO. Die nachfolgenden Links stammen sämtlich aus einer Liste der Top-20-Modeblogs in Deutschland. Nina Böhm (Studium der Kulturwissenschaft und Journalismus) bloggt bei Fashion Insider – die Seite hat inzwischen über eine Million Aufrufe. Im Lady Blog, Schmuckladen und im Style Blog von Hallhuber sind Germanistinnen tätig. Carl Jakob Haupt ist Autor, Musiker und Modekritiker auf dandydiary- nach einem Studium der Politikwissenschaften. Auch Kathrynsky studierte Politikwissenschaften. Milena Heißerer, Mitbegründerin von amazed, ist Kunsthistorikerin. Julia Stelzner studierte Geschichte und Politik und bedient neben ihrem Blog auch große, überregionale Printmedien.

Autorschaft, Dozenten

Schon mehrfach surfte ich über das Angebot der Germanistin und Kosmetikerin Katja Sauerborn. Vielleicht meint das Schicksal/ ein Computer, ich bräuchte einen Termin bei ihr. Auf den ersten Blick sah ich keinen Zusammenhang zwischen Studium und aktueller Tätigkeit, doch im Kleingedruckten stand: Freie Autorin für Beauty- und Gesundheitsthemen.
Ähnlich rätselte ich über das Suchergebnis zu Marion Lompa (Heilpraktikerin, Naturkosmetikerin und Ayurveda Kosmetik- und Wellnesstherapeutin), die Germanistik, Semitistik und Indologie in Marburg studierte. Doch auch hier ist eine Fortführung von Studieninhalten bzw. -werkzeugen in anderem Kontext zu erkennen: Von der Indologie zum Ayurveda ist es ein Katzensprung, von der wissenschaftlichen Mitarbeiterin an einer Universität zur Dozentin an einer Fachakademie nur ein Kontext- und Zielgruppenwechsel.

Nebentätigkeiten und Praktika

Dass man als Studentin mit dem Modebloggen anfangen kann, zeigt und diskutiert Katharina in einem Beitrag auf Uniglobale. Studierende modeln, um das Studium zu finanzieren (oder einfach aus Freude, oder aus Ambition): Carolin, Kandidatin bei Germany’s Next Topmodel 2013, studiert u.a. Germanistik. Und ich durfte jüngst Charlotte Schroeter kennenlernen, ebenfalls Model und Studentin der Komparatistik. Ihre andere Nebentätigkeit besteht im Verfassen historischer Romane.

Falls Sie sich für einen Nebenjob als Model interessieren: Infos der Nebenjobzentrale. Velma ist der Verband lizensierter Modelagenturen, der zu seriöser und unseriöser Vermittlung informiert. Praktikumsplätze für Modelagenten bzw. -booker finden Sie aktuell hier.

Sie merken schon, ich kann gar nicht wieder aufhören. Ich liebe solche Eisbergspitzen. Um diese aufstörende Energie abzulenken, habe ich mich mit Hochglanzmodemagazinen eingedeckt und staune nun vor mich hin. Und für meine eigene wissenschaftliche Arbeit treibt mich seit Jahren die Frage um:

Was ist eigentlich Mode?

Lektüreempfehlungen

Zeitschrift Hochparterre (Architektur und Design, sehr breit ausgelegt)

Susanne Pavlovic: Irgendwas mit Mode (eBook), Coburg 2012

Anne-Celine Jaeger: Fashion Inside: Macher – Models – Marken, Hamburg 2009

Anne-Kathrin Bieber: Die Relevanz von Weblogs im Modejournalismus. Informationsbeschaffung im Zeitalter des Web 2.0. Eine empirische Untersuchung am Beispiel der Modebranche, München 2013

[update 24.2.2014]: Jobbörse Modejobs 110

Bundeswehr

Ich gebe Ihnen einen Gesprächseinstieg auf einer Jobmesse wieder, den ich nicht empfehle, falls Sie Karriereambitionen hegen:

Brotgelehrte: Oh, Bundeswehr. Na, Ihre Plakate hängen ja auch im Arbeitsamt. Aber als attraktiven Arbeitgeber habe ich Sie nie wahrgenommen, eher als Notlösung für Gestrandete. Warum sollte jemand wie ich mich bei Ihnen bewerben?
Offizier (fragen Sie mich nicht, was für einer, jedenfalls lief er rot an): Warum sollte die Bundeswehr denn bitte kein attraktiver Arbeitgeber sein? Wo finden Sie so vielseitige Tätigkeiten, Aufstiegschancen und Sozialleistungen?
Brotgelehrte: Finde ich denn auch welche, die zu mir passen?
Offizier: Das ist völlig gleichgültig. Bei uns durchlaufen alle den Grunddienst, und dann kann man sich individuell weiterentwickeln.

Als mein Mann dies hörte, empfahl er mir, denselben Einstieg mal beim Auswärtigen Amt zu versuchen. Konstatieren wir also den Zusammenprall zweier Kulturen, die sich gegenseitig unmöglich finden. Ich hätte es darauf beruhen lassen können, wenn nicht drei lose Informationen in mir waberten:
1. An den Universitäten der Bundeswehr in München und Hamburg gibt es doch geisteswissenschaftliche Angebote. Warum? Kann man Historikerin oder Soziologe bei der Bundeswehr werden?
2. Ich habe in anderen Zusammenhängen außerordentlich höfliche, kluge und kommunikationsfähige Mitarbeiter (auch zivile) der BW kennengelernt. Offenbar muss man sich nicht erst im Grunddienst zurechtschleifen lassen.
3. Die Bundeswehr unterhält Museen und Forschungseinrichtungen. Die benötigen Personal. Das Militärhistorische Museum Dresden bietet z. B. Praktika. Da siegt meine brotgelehrte Selbstverpflichtung, Sie zu informieren, über emotionale Vorbehalte.

Kann die Bundeswehr also Geisteswissenschaftlern eine Perspektive bieten?

Die HSU in Hamburg hat einen eigenen Studiengang Geschichte; in München ist Geschichte Teil des Studiums der „Staats- und Sozialwissenschaften„. Das Studium kombiniert Geschichte mit Politikwissenschaften, Ethik, Jura, Soziologie und VWL. Eine Schwerpunktsetzung erfolgt in den Abschlussarbeiten. Dort studieren Offiziere, die sich für zwölf Jahre verpflichtet haben. Die Absolventen werden u.a. zur Fortbildung anderer Soldaten eingesetzt, im Bereich PR/Öffentlichkeitsarbeit, im Personalbereich und für Hintergrundrecherchen. Auf der Infoseite zum Studiengang heißt es:
„Einerseits soll es Offizieren und Offizieranwärtern Kernkompetenzen für ihren häufig auch international geprägten Berufsalltag mit seinen interkulturellen Herausforderungen vermitteln. Entsprechende Fähigkeiten und Fertigkeiten sind heute nicht nur bei Auslandseinsätzen gefordert, sondern berühren angesichts der zunehmenden sicherheitspolitischen Zusammenarbeit und Vernetzung in Europa und darüber hinaus letztlich den beruflichen Alltag fast eines jeden Offiziers. Andererseits soll das Studium aber durch seinen betont interdisziplinären Ansatz, die dadurch vermittelte Methodenvielfalt sowie seinen Praxisbezug einen optimalen Berufseinstieg außerhalb der Bundeswehr ermöglichen.“

Jenseits der Laufbahn als Soldat bzw. Offizier gibt es auch zivile Tätigkeiten innerhalb der Bundeswehr. Letztere sind eher rar gesät; die Universitäten halten kaum Stellen bereit. Das Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam beschäftigt Historikerinnen, SoziologInnen und Dozenten – derzeit sind jedoch keine Ausschreibungen zu finden. Überhaupt habe ich nicht herausfinden können, wie der zivile Dienst sich rekrutiert; vermutlich über Ausschreibungen, so, wie der öffentliche Dienst insgesamt.

Tatsächlich unterhält die Bundeswehr in ihrem zivilen Bereich einen „sprach- und kulturwissenschaftlichen Dienst“, der sich bei näherem Hinschauen überwiegend als Übersetzungseinheit herausstellt und für die Sprachlehre zuständig ist. Es gibt darüber hinaus den „höheren Dienst sonstiger Fachrichtungen“, worunter explizit Historiker, Pädagogen und Politikwissenschaftler geführt werden. Die Bundeswehr unterhält neben Museen auch Bibliotheken und Archive – ebenfalls klassische Tätigkeitsfelder, die – wie in anderer öffentlicher Trägerschaft auch – die entsprechenden Ausbildungen zum Bibliothekar oder zur Archivarin (in den verschiedenen Dienstgraden) erwarten.

Und dann gibt es natürlich affine Einrichtungen, die sich mit Militär oder Militärgeschichte befassen, jedoch nicht Teil der Bundeswehr sind, wie das Wehrgeschichtliche Museum Rastatt, das Museum Stammheim – für weitere können Sie diese Wikipedialiste aufrufen.

Hier geht’s zur Beschreibung der Studiengänge Geschichte, Politikwissenschaft u.a. (BA, MA) an der HSU Hamburg: PDF

Broschüre: Bundesministerium der Verteidigung, Abteilung Personal-, Sozial- und Zentralangelegenheiten (Hg.): Attraktive zivile Karrieren in der Bundeswehrverwaltung. Laufbahnen der sonstigen Fachrichtungen, PDF

Rogg, Matthias: Kompass Militärgeschichte. Ein historischer Überblick für Einsteiger, Freiburg u.a. 2013

Ich danke Dr. Anke Fischer-Kattner, Historikerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität der Bundeswehr München, für den kollegialen Austausch.

BWL für Geisteswissenschaftler

Neue Wege in mehrfacher Hinsicht gehen die Universitäten Augsburg, Würzburg und Aachen: Sie bieten in Zusammenarbeit mit einem privaten Dienstleister – Bega Weiterbildung – BWL-Seminare auf Geistes- und KulturwissenschaftlerInnen zugeschnitten an. In den Seminaren werden „berufsrelevante Kenntnisse“ der BWL vermittelt. Für die Teilnahme fallen Gebühren für die Studierenden an; die Uni Augsburg ermöglicht allerdings die Anrechnung von LP für den Bachelorstudiengang, wenn die Abschlussklausur bestanden wurde.
Diese Seminare sind eTrainings, d.h., Sie müssen nicht an einer dieser Universitäten immatrikuliert sein, um teilzunehmen, und können sich im online-Selbststudium weiterbilden. Auf der Website des Anbieters können Sie zwischen Angeboten für Studierende und Berufstätige wählen (Kursangebot). Falls Sie jedoch an einer der genannten Hochschulen eingeschrieben sind, können Sie Rabatt in Anspruch nehmen. Auf das Angebot wies mich Nicole Strauss vom Career Center der TU Dresden hin – vielen Dank!

Gut, dass Unis bzw. Career Services erkannt haben, dass dieser Bedarf besteht; wenn auch noch nicht unbedingt intrinsisch bei den Studierenden, so doch im Laufe der postgraduierten Phase bei vielen Absolventen. Ich kam ebenfalls einmal auf die Idee, noch ein B.Sc.-Studium BWL anzuhängen, sah jedoch nach drei Semestern ein, dass es wegen Praxisferne für meine Bedürfnisse ungeeignet war. Ich sollte irgendwelche Hausfrauenentscheidungen als Graphen darstellen; da stieg ich aus. Ein komprimiertes und auf meine Vorkenntnisse zugeschnittenes Angebot wäre sicher erfolgreicher gewesen.

Es gibt allerdings auch jenseits des BEGA-Angebots Wege, etwaige Lücken in wirtschaftlichen Grundkenntnissen zu schließen, etwa spezielle Studiengänge an öffentlichen (und privaten) Hochschulen, die Absolventen nicht-wirtschaftlicher Studiengänge adressieren. Markus Jung hat eine gut gepflegte Übersicht für Fernstudiengänge erstellt: http://www.fernstudium-infos.de/fernstudium-allgemein/3206-fernstudium-bwl.html. Auch das Hagener Managementstudium ist nichtkonsekutiv. Stets müssen Sie dabei jedoch im Blick behalten, dass es sich um Studiengänge handelt; d.h. ein allgemeiner, unmittelbarer Praxisnutzen (abgesehen von der individuellen Karriere) steht nur in Ausnahmefällen in den Studienzielen. Letztlich könnten Sie also auch während Ihres Primärstudium gezielt Kurse aus dem BWL/VWL-Angebot Ihrer eigenen Hochschule besuchen. Ob und wie Prüfungsleistungen dann anerkannt werden, müssen Sie individuell besprechen; niemand hindert Sie jedoch, bei Bewerbungen Ihre BWL-Scheine gesondert beizulegen. Auch können Sie zunächst in der Bibliothek Einführungsliteratur konsultieren; warum nicht auch populärwissenschaftliche?

Mein Eindruck ist zudem, dass der vermeintliche Malus von Geisteswissenschaftlern für die Wirtschaft nicht zuerst in fehlenden BWL-Kenntnissen besteht, sondern in einem mangelnden Grundverständnis für wirtschaftliche Prozesse, Sprache und Entscheidungswege – vielleicht auch gepaart mit Desinteresse. Ich muss mich auch immer anstrengen, um mich für Wirtschaft zu interessieren, bin damit aber in guter Gesellschaft; in der Kritik zum aktuellen Film „The Wolf of Wall Street“ in der ZEIT heißt es:
„Auffällig ist, dass der Film sich kaum für die Finanztricks interessiert. DiCaprio als Belfort sagt im Wesentlichen nur: „War das alles legal? Nein, absolut nicht. Aber wir machten viel Geld.“ Und DiCaprio, der Schauspieler, meint, er verstehe auch nicht alle Details, aber egal: „Wenn du einen Film machst, der sich wirklich um die Abläufe an der Börse dreht, steigen dir die Leute aus.“ […] Bloß führt genau dieses Desinteresse im Detail dazu, dass es in der realen Welt zu absurd scheinenden Schmierenstücken kommt.“ – Wie z. B., dass der wirkliche und kriminelle Belfort heute u.a. die Deutsche Bank berät.
Also wäre es sinnvoll, zunächst die Lücken in der wirtschaftlichen Grundbildung zu schließen; hilfreich ist da z. B. das Lexikon der Wirtschaft, etwa in der Lizenzausgabe der BPB oder deren „Dossier Wirtschaft„. Mir hat sehr geholfen, Medien zu nutzen, die meinen Lesegewohnheiten und Interessen eher entsprechen als die Aushängeschilder der Anzugträger, Harvard Business Manager, FT, Wirtschaftswoche: Ich lese stattdessen brand eins oder Business Punk (jaja, das ist Lifestyle. Macht aber Spaß, und mit der Motivation kommt das Lernen). Außerdem fand ich es bereichernd, in einem Kleinstbetrieb zu hospitieren, wo die gesamte „Betriebswirtschaft“ von einer Person abgewickelt und auf diese Weise sehr unmittelbar wird. Inzwischen bin ich selbst zwei Kleinstbetriebe und muss alle Erfahrungen in Finanzierung, Marketing, Vertragsrecht, Steuern, Projektmanagement und Fördermöglichkeiten auch selbst machen. Ich habe viel gelernt, und dies an Gegenständen, die mich aus meinem Studium heraus interessieren: Wissen, Geschichten und Bücher. Im Gegensatz zum versuchten BWL-Studium habe ich mich hier nicht von mir entfremdet.