Gastbeitrag von der Kunstsoziologin Dr. Angelika Gausmann, Borchen

Die Zusammenhänge erkunden, die zwischen Kunst und Politik bestehen, ist etwas, was mich seit meiner Schulzeit interessiert. So war die zufällige Entdeckung des vorliegenden Sammelbandes ein geradezu freudiges Ereignis für mich und motiviert stürzte ich mich in die Lektüre.
Da wird also auf 279 Seiten interveniert: Die Kunst in der Gesellschaft, die Gesellschaft in der Kunst. Kurz: wir befinden uns in der flirrenden Grauzone zwischen Kunst, Soziologie, Politikwissenschaft und Ästhetik. „Interventionen“ ist als Titel des Sammelbandes, den Doreen Hartmann, Inga Lemke und Jessica Nitsche herausgegeben haben, klug gewählt, denn mit diesem ursprünglich kriegerischen Ausdruck wird deutlich, dass es um Grenzüberschreitungen geht und die verwirren und verletzen im Allgemeinen.

In fünf Blöcken wird das Thema unterschiedlich beleuchtet, zunächst in den „Interventionen und Grenzüberschreitungen im Kunstfeld – Geschichte und Gegenwart“. Hier gibt z. B. Martin Papenbrock einen umfassenden Überblick aus kunsthistorischer Sicht, wobei Joseph Beuys und sein erweiterter Kunstbegriff zu viel kurz kommen. Wo bleiben der unverwüstliche Johannes Stüttgen und seine Projekte zur Direkten Demokratie?
Im zweiten Block wird der Zustand der Kunstsoziologie von Oliver Marchart in „Die Soziologie der Kunst und die Kunst der Soziologie. Anmerkungen zu Institution und Intervention am Beispiel der ‘Biennalen des Widerstands‘“ als sehr düster beschrieben. Ja, da gibt es die Klassiker aus dem 20. Jahrhundert und einen Verweis auf eine neuere Publikation von Walter Müller-Jentsch und dann… nichts? Kein Hinweis auf Regula Burri und ihr „Bilder als visuelle Praxis: Grundlegungen einer Soziologie des Visuellen“ (zfs 37 (2008), 342-358), ein Aufsatz der Kult werden könnte. Einen ausführlichen eigenen Artikel wäre die documenta aus soziologischer Sicht wert gewesen.
Im dritten Teil „Interventionen im urbanen Raum. Politik der Performance“ bieten Friedrich von Borries, Friederike Wegner und Anna-Lena Wenzel mit „Ästhetische und politische Interventionen im urbanen Raum“ eine grundlegende Definition der Intervention, der ihrer Meinung nach zu oft zu ungenau verwendet wird. Katrin Klitzke, Eva Holling, Kati Röttger und Manu Luksch stellen praktische Beispiele wie die „Eichbaumoper“ oder „Function Creep“ und andere vor. Hier kann sich das Unterrichtsfach Darstellen und Gestalten Anregungen für Unterrichtsvorhaben holen.
Der vierte Block widmet sich den „Interventionen im ökonomischen und medialen Raum“. Sabine Fabo beleuchtet hier die Kommunikationsformen zwischen Kunst und Politik. Harald Hillgärtner greift Joseph Beuys´ 7000 Eichen auf, die von Franco und Eva Mattes ein Re-enactement erfahren, um daran den Begriff der synthetic performance zu klären.
Der abschließende fünfte Block lässt die Yes Men zu Wort kommen. Martin Doll, Maria Muhle, Ursula Biemann und Mark Sealy widmen sich unterschiedlichen „Strategien des Fakes und [des] Re-enactement[s]“. Dieser Block bietet gute Ansätze für den Kunst – wie auch Sozialwissenschaftsunterricht in der Gymnasialen Oberstufe.

Alles in allem bietet das Buch einen brauchbaren Überblick über aktuelle Strömungen in der Kunst, in dem ich den Praktikern und den Pädagogen mehr Raum gegeben hätte, aber da machen wir ein ganz großes Fass auf…

So bleibt: Über Kunst schreiben ist schön, Kunst machen noch schöner.

 Doreen Hartmann, Inga Lemke, Jessica Nitsche (Hg:): INTERVENTIONEN. Grenzüberschreitungen in Ästhetik, Politik und Ökonomie, Wilhelm Fink Verlag, München 2012, 278 S., 36,90€, ISBN 978-3-7705-5283-2
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