Petitionen für und gegen das Pflichtlatinum im Lehramtstudium (NRW)

Sie können sich einmischen: In NRW laufen derzeit Petitionen und Gegenpetitionen um die Abschaffung des Latinum als Pflicht für das Lehramtstudium der Philologien sowie Geschichte, Philosophie, Katholische und Evangelische Religionslehre.

Die Initiative ging vom AStA der Uni Bochum aus; er forderte auf openpetition.de die „Abschaffung der Latinumspflicht für Lehramtstudierende in NRW“ beim Petitionsausschuss des Landtags. Die Zeichnung ist beendet und die Petition mit über 9000 Unterschriften an die Ministerin übergeben. Auf der Seite des AStA finden Sie weitere Informationen über das Folgegeschehen.

Hier ist die Reaktion unter der Federführung von Hanna Birken, Köln, an Ministerin Löhrmann und den Petitionsausschuss „Fachliche Qualität der LehrerInnenausbildung in NRW erhalten — Lateinanforderungen reformieren, nicht streichen „. Auf Facebook betreibt die Initiative die Seite „Latein lebt„. Andreas Jünger kommentierte bereits im vergangenen Jahr zur Bochumer Petition im Münsteraner Semesterspiegel, S. 40f. Link zum PDF

 

Veranstaltungshinweis: Doktorhut – alles gut?!, Uni Bonn, 3. April

Am 3. April von 9 bis 16 Uhr bietet das Career Center der Uni Bonn Geisteswissenschaftlern Informationen und Kontakte rund um die Karriereperspektiven nach der Promotion. Zur Zielgruppe gehören nicht nur Promovierende und Promovierte, sondern auch Studierende, die eine Doktorarbeit planen.
Doktorhut – alles gut?! (Website mit Link zum Programm)

Jobsuche im Internet

Studium (fast) geschafft, nun soll ein Anstellungsverhältnis her! Die Bewerbungstrainings, die die Uni anbot, haben Sie durchlaufen, Ihre Unterlagen zusammengestellt und korrigiert, Bewerbungsfotos nach der neuesten Mode für reichlich Geld schießen lassen, vielleicht mal gegoogelt, was ein Assessment Center ist, für den Fall der Fälle. Aber wie Sie passende Stellen finden, ist Ihnen vielleicht ein Rätsel. Ich jedenfalls habe nach Studienabschluss vor 12 Jahren in FAZ und ZEIT geschaut und gedacht: „Ich schaue in 12 Jahren nochmal, wenn ich über Promotion, Auslandserfahrung, Weiterqualifikation und Berufserfahrung verfügen werde.“

Auch heute sind FAZ und ZEIT nur bedingt geeignet, wenn Sie einen Job als Absolvent suchen; Doktorandenstellen und -stipendien sind dort ausgeschrieben, manchmal auch Volontariate, etwa im eigenen Haus. Das erste Suchkriterium sollte also nach der Art der Beschäftigung fragen, und die ist für Absolventen eben häufig eine Art Initiationszeit unter dem Namen Volontariat, Referendariat oder Trainee. Nur in wenigen Fällen und dann meist mit relativ geringer Bezahlung finden Sie Ausschreibungen für „richtige“ Arbeitsstellen für Absolventen unserer Disziplinen. Sehr schematisch dargestellt führen zwei Wege zu diesen Einstiegsjobs: der über Jobbörsen bzw. Ausschreibungen und der über Netzwerke und Beziehungen. Im Folgenden geht es um eine Auswertung der allgemeinen Jobbörsen; zum zweiten Weg komme ich im nächsten Blogbeitrag.

Ich habe mir das Vergnügen gegönnt, durch einige recht bekannte online-Jobbörsen zu surfen und nach Stellen für „Germanist“, „Historiker“ und „Philosoph“ zu suchen, in der naiven Assoziation, wenn Sie suchen, wissen Sie vielleicht nicht genau, wie Ihr Job heißen könnte. Schnell sah ich ein, dass dieses zweite, ausbildungs- und tätigkeitsorientierte Suchkriterium nur bedingt sinnvoll ist. Es gab kaum Treffer, und die wenigsten davon waren passend. Nach Ergebniszahl erfolgreicher war die Suche nach „Deutsch“, „Geschichte“ und „Philosophie“, aber vermutlich können Sie sich denken, was geschah? Die Maschinen nutzten Volltextsuche, und unter den Treffern waren „Deutschkenntnisse vorausgesetzt“, „Geschichte unseres Unternehmens“ und „unsere Produktphilosophie“.  Am besten gefiltert war das Suchergebnis der www.jobboerse.arbeitsagentur.de : 12 von 12 Treffern für Historiker, 24 von 24 Treffern für Germanisten waren passend, von studentischen Nebenjobs über Stipendien, wissenschaftliche Mitarbeiter und Sachbearbeiter bis hin zu Leitungspositionen. Auch das Suchergebnis für „Kultur“ war gut, umfassend und in den Stellen und Anforderungen sehr heterogen. Lediglich die Philosophen gingen leer aus. Die meisten Ausschreibungen gab es für den öffentlichen Dienst, und es gab keine „unerwarteten“ Stellen; alles im bekannten sozialen Rahmen von Bildung, Kultur, Medien, Verwaltung und in der Regel in kulturellen Ballungsräumen bzw. an Universitätsstandorten.
Enttäuschend hingegen fand ich das Suchergebnis von www.academics.de : 0 Treffer für „Historikerinnen“, 115 für „Geschichte“ (btw: Eine Suchmaschine, die sich auf Akademiker spezialisiert, sollte bei der Frage nach Historikern Hits für Geschichte anzeigen, zumal wenn Historiker gesucht werden). In diesen 115 kamen allerdings nur 12 Stellen tatsächlich für Historiker infrage, zusätzlich 19 Stipendien, Preise und wissenschaftliche Projekte mit teils interdisziplinärer Ausrichtung und 11 Praktika bzw. Volontariate. Bei sechs Stellen stand nicht die Disziplin, sondern eine besondere Fähigkeit im Vordergrund, z. B. Erfahrung im Einsatz von quantitativen Methoden – Wirtschafts- und Sozialhistorikerinnen werden dies vorweisen können, die Mehrheit jedoch nicht. Fünf Ausschreibungen waren sehr spezifisch, so dass hier womöglich ein Topf seinen Deckel findet, etwa ein Numismatiker. 58 Ausschreibungen richteten sich an Absolventen anderer Fächer: Anglisten, Medienwissenschaftlerinnen, Politologen.
Fazit: Die Anzahl der Treffer mit grundsätzlich der gesuchten Stoßrichtung war höher als in allen anderen Portalen, doch die Sortierarbeit nahm viel Zeit in Anspruch.

Bei www.monster.de fanden sich auch Ausschreibungen für Tätigkeiten, die einen größeren Abstand zur Akademie aufweisen. Für „Germanist“ erhielt ich 15 Treffer, darunter „technischer Redakteur“, „Texter“, Übersetzer Deutsch-Französisch,
Lektor, Referent Media Relations/ PR, Werber, Assistenz des Hochschulrektors, Archivar (explizit gesucht „Historiker, Archivar oder Germanist“) und einen Werkstudenten als Firmenjournalist. „Historiker“ wurden über 80 Mal gesucht, und für das „technische Lektorat/ technische Redaktion“ häufiger als Germanisten. Allerdings verflachte meine Freude gleich wieder, als in 50% dieser Ausschreibungen stand, dass eine Weiterbildung in diesem Bereich Voraussetzung sei. Recht viele Ausschreibungen gab es auch für die Bereiche „Dokumentation“ und „Lektorat“, und auch hier zeigt sich die Falle der hinterlegten Keywords: Für fast alle ausgeschriebenen Stellen wurde ein Studium in einem branchenspezifischen Fach – Pharmazie, Maschinenbau, Flugzeugtechnik… – vorausgesetzt.
Fazit: Lohnt sich, um über den öffentlichen Dienst und Kultursektor hinauszuschauen und Begriffe für Tätigkeiten in der Freien Wirtschaft zu sammeln.

Die übrigen Jobbörsen waren schnell ausgewertet. Bei experteer muss man sich registrieren. Jobscout24 und absolventa sind in den Treffern noch unspezifischer als die oben ausführlich geschilderten, wobei absolventa nur wenige Treffer bot. Auch jobware, eine Börse für Fach- und Führungskräfte, ist auf unsere Disziplinen nicht gut eingestellt. Für „Philosoph“ gab es 13 Treffer, davon nicht einen für Philosophen. Bei www.stepstone.de hingegen suchte ich nach Berufseinstieg/Trainee-Angeboten, was ein gutes, wenn auch geringes Ergebnis brachte, von dem erneut ca. 50% auszuschließen waren, weil für die Traineeprogramme schließlich doch BWLer (gegen die käme man vermutlich mit Individualität und Branchenkenntnis noch an ;-)) oder Ingenieure gesucht waren. Frauenspezifische Jobbörsen, denen ich mit Sympathie zugetan war, wie www.mutterschafft.de oder www.fjobs.de (den Titel finde ich irritierend), brachten gar keine Ergebnisse.

Wenn Sie also noch nicht wissen, wie Ihr Job genau heißt, kann ein Surfen durch die Jobbörsen Ihnen einen Überblick verschaffen, wie Personaldienstleister unsere Disziplinen kategorisieren – und vor allem, wie wenig sie und die ausschreibenden Unternehmen über uns wissen. Sie werden insbesondere bei den großen Anbietern Dubletten finden, also die gleiche Ausschreibung an mehreren Orten. Der Vorteil bei diesen offenen Ausschreibungen ist jedoch vermutlich, dass es sich um „echte“ Angebote handelt, also wirklich ein Mitarbeiter gesucht wird und nicht nur pro forma eine Ausschreibung abgegeben wird, obwohl der Wunschkandidat das Büro schon bezogen hat. Außerdem können Sie hier auch Stellen finden, die zu Ihrem Studium passen, aber nicht zur üblichen Nomenklatur der „einschlägigen Berufe“ zählen, die wir Dozenten vielleicht für Sie vorsehen. Die Jobbörsen helfen Ihnen, den Blick etwas abseits der üblichen Beschäftigungskontexte im öffentlichen Kultur- und Bildungssektor schweifen zu lassen.
Kurz erwähnt sei noch, dass ich stets deutschlandweit gesucht habe – wenn die Zahlen Sie ermutigen, Sie aber eigentlich gar nicht wegwollen aus z. B. Osnabrück, muss ich Sie enttäuschen: kein Treffer im Umfeld, außer vielleicht eine Direktorenstelle in Vreden.

Eine spezifische Suche, etwa über Fachportale, kann Ihnen weiterhelfen, wenn Sie schon eine ungefähre Richtung für Ihre Suche haben, z. B.

Liste mit fachspezifischen Stellenbörsen der FU Berlin

Jobbörse Museumsbund
Stellenangebote im öffentlichen Dienst
Stellenangebote in der Geschichtswissenschaft auf hsozkult
Stellenbörsen für Archiv und Bibliothek
mediajobs
Jobs im ÖR-Rundfunk
Jobs für Marketing, Werbung und Medien
Jobbörse des Börsenvereins für den deutschen Buchhandel (auch Verlagswesen)
Jobbörse für Journalisten auf newsroom.de
Jobbörse für Redakteure und Journalisten (Schwerpunkt Print)
Nachhaltige Jobs (auch NGOs)
NGO-Jobs in Österreich und in der Schweiz
Grüne Jobs
Jobs in Politik und Kommunikation / Public Affairs

Putzfrau

Aktuell läuft ein Beitrag auf WDR5 (siehe Link unten) zur philosophischen Auseinandersetzung mit dem Putzen, daher noch einmal der Beitrag:

Brotgelehrte

Ein Tagtraum: Mein Mann spült, ich leiste ihm gemütlich am Küchentisch Gesellschaft und referiere über die Philosophie und innere Haltung zum Putzen, die ich jüngst in der Lektüre von

Linda Thomas: Putzen!? Von der lästigen Notwendigkeit zu einer Liebeserklärung an die Gegenwart, Dornach/Esslingen 2011

entdeckte. „Wie schön, dass Du mit Deinem Wissen die brachliegenden Felder um Dich herum bedenkst“, lobt mich mein Mann. „Ach, weißt Du, ich habe ja nicht für mich allein studiert“, entgegne ich bescheiden und verziehe mich ins Arbeitszimmer, weiter denken.

Zum Beispiel, ob aus der Philosophie von Putzen und Reinigen folgt, dass Putzfrau eine logische berufliche Konsequenz unserer Studienfächer ist. Tatsächlich ist das Buch von Linda Thomas gefüllt mit geisteswissenschaftlichen (im Sinne des bildungsbürgerlichen Kanons) und geisteswissenschaftlichen (im Sinne der Anthroposophie Rudolf Steiners) Quellen, Bezügen, Schlussfolgerungen. Fazit: Wenn der Beruf der Putzfrau aus einer inneren Haltung entspringt, die Ordnungmachen und Sortieren, innere und äußere Reinigung, Schöpfung…

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Veranstaltungshinweis Fundraising-Kongress

Vom 2. bis zum 4. April findet in Berlin der Fundraising-Kongress „Neue Mittel – neue Wege“ statt. Zentrale Themen sind Online-Fundraising, Soft Skills und Psychologie des Spenders. Informationen finden Sie unter www.fundraising-kongress.de . Veranstalter ist der Deutsche Fundraising-Verband (der auf seiner Website übrigens eine Stellenbörse pflegt). Die Teilnahme ist kostenpflichtig; für StudentInnen gibt es vergünstigte Tarife.

Siehe auch Beitrag Fundraiser sind gesucht.

Job Ghostwriting

Ich dachte ja, ich falle vom Stuhl, als ich in einem Forum die Anfrage fand, ob jemand die BA-Arbeit für das Mitglied schreiben könne. Es hat sich keiner direkt angeboten – es wird vermutlich über eine PN geregelt – aber der Link zu UniGhost gepostet. Das Unternehmen bietet neben Qualifikationsarbeiten auch Business Pläne und anderes, an dem Geld und Prestige hängen. Ja, es kooperiert mit PlagScan. Und man kann sich als Autor bewerben, „eine zukunftssichere Jobperspektive.“ . 😉

Ein unmoralisches Angebot?

Nicht unbedingt. Es hat etwas von Schreibcoaching: „Es geht nicht darum, einem Kunden die Arbeit komplett abzunehmen. Ziel von »Unighost« ist die fachlich kompetente Unterstützung an all jenen Punkten, die der Auftraggeber übersehen könnte, wo er den Faden verliert oder unsicher in Formulierungen ist.“ (über uns, UniGhost)

Und damit Sie nicht denken, das Unternehmen hätte den Eintrag gesponsert (passiert vielleicht noch im Nachgang): Es ist bei weitem nicht allein. Es gibt Akademische Ghostwriter Dr. Franke Consulting (Entschuldigen Sie, dass ich so launig dabei bin. Die Startsequenz im Websitefilm zeigt zwei Arme unbekannter Besitzer, die gerade ein – in Leder natürlich – gebundenes unindividuelles Arbeitsergebnis austauschen). Weiterhin die Agentur für akademische Texte GmbH (420 Likes auf Facebook!). Oder akad write. Oder Ghostwriter.nu mit dem Slogan „Wir sind die Guten“. Ich musste erstmal .nu nachschlagen, irgendwas in Ozeanien. Ich bin mir nicht sicher, ob das auch Gerichtsstand ist. Immerhin: Auf der Seite finden Sie aktuelle Informationen zur Seriosität akademischen Ghostwritings in Deutschland. Fragen Sie eine Suchmaschine nach „akademischem Ghostwriting“, Sie bekommen reichlich Treffer.

Natürlich gibt es zu diesem Phänomen kritische Stimmen. Der Deutsche Hochschulverband forderte 2012, Ghostwriter, die wissenschaftliche Qualifikationsarbeiten verfassen, mit Gefängnis zu bestrafen. Pressemeldung. Ein süffisanter Kommentar dazu findet sich auf der Seite Forschungsmafia – er pointiert, dass es dem Verband nur um externe Ghostwriter und Qualifikationsarbeiten gehe, aber nicht um „Teamarbeit“ in der Hochschule, die dann unter dem Namen des Ranghöchsten erscheint, oder um Ghostwriting für akademische Bücher nach dem Qualifikationsprozess. Eine Reaktion auf den Vorstoß des Verbandes von Marcel Kopper, der eine Ghostwriting-Agentur betreibt, finden Sie auf ZEIT online.

Falls Sie selbst Ghostwriter werden möchten: Sie müssen natürlich gut in Ihrem Fach und in der Recherche sein. Mindestens ein Drittel der Freiberufler, die den Agenturen zuarbeiten, sind mindestens promoviert. Darüber hinaus brauchen Sie sehr gute rhetorische Fähigkeiten – wenn wir UniGhost ernst nehmen, geht es ja gerade um das Auffüllen der Lücke, die Schreibblockaden, mangelnde Organisation oder grundsätzlich fehlendes Schreibtalent bei den Forschern entstehen lässt. Und natürlich müssen Sie diskret sein.

Erneut: Ein unmoralisches Angebot?

Natürlich, wenn es das Erschleichen von Titeln ermöglicht. Eine Qualifikationsarbeit schreiben lassen und unter eigenem Namen einreichen ist Betrug. Es ist ebenso Betrug, Beiträge und Bücher, die die wissenschaftliche Reputation einer Person mehren – und damit Berufungs- und Aufstiegschancen -, schreiben zu lassen. Eine Begleitung und Unterstützung in der Ausformulierung der eigenen Ideen und Ergebnisse hingegen halte ich nach meiner Erfahrung mit der Lektüre von Fachtexten überwiegend für einen sinnvollen Service. Und es ist überhaupt nicht ehrenrührig, sich in einer ersten Fußnote oder im Vorwort bei der Person, meinetwegen auch dem Unternehmen, der/ das unterstützt hat, dafür zu bedanken. Doch es bleibt die Frage nach dem Unterschied zwischen einer Idee und ihrer sprachlichen Manifestation.
[update 17.6.2015: Ein Artikel eines Ghostwriters ist heute auf ZON: http://www.zeit.de/studium/2015-06/universitaet-wissenschaft-akademisches-ghostwriting)]

Gedenkstätten und Aufarbeitung von Diktaturen

Vermutlich können Sie, wenn Sie in deutscher Geschichte des 20. Jahrhunderts einigermaßen beschlagen sind, diese Zahlen unschwer zuordnen: 6 Millionen, 30 Millionen, 138/245. Vielleicht haben Sie dazu eine professionelle Distanz entwickelt oder eine Haltung, die Helmut Kohl einmal als „Gnade der späten Geburt“ fasste, und können diese Zahlen nennen, ohne einen Klos im Hals zu haben und ohne, dass es Ihnen noch den Schlaf raubte. Spätestens jedoch, wenn aus den Millionen Einzelschicksale werden, versehen vielleicht mit Namen, Bildern, Erinnerungen, endet meine professionelle Distanz und das Ausmaß an Leid wird für einen Moment ungeheuerlich und unbezwingbar. Darum eigne ich mich auch nicht zur „Aufarbeitung“ von Diktaturen, Vertreibung und Flucht oder zum Einsatz in Gedenkstätten.

Doch andere Menschen begegnen diesem Schock gerade mit dem Wunsch nach wissenschaftlichen Reflexion und einem affinen Beruf, um urteilen, helfen, erinnern, Wiederholungen verhindern zu können, vielleicht, um zu sühnen, vielleicht, um einen Beitrag zu „Gerechtigkeit“ leisten zu können. Vielleicht gibt es auch familiäre oder biographische Bezüge.

So bestehen neben einer Schwerpunktwahl im Studium diverse Möglichkeiten, sich in der Aufarbeitung diverser dunkler Flecke in der deutschen Geschichte zu engagieren, sowohl im Freiwilligendienst oder Ehrenamt, als Praktikantin, in studentischen oder fortgeschrittenen Forschungen und im Beruf. Die im Folgenden angeführten Hinweise und Links sind bei weitem nicht vollständig; Sie sind herzlich eingeladen, über die Kommentarfunktion weitere beizutragen.

Zur DDR:
Praktika z. B. bei einigen Außenstellen der Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (Entschuldigung, Umgangssprache). Sie müssen ein wenig rumklicken: Über den Menüpunkt „In der Region“ zu den einzelnen Außerstellen, dann auf „Bildung“, dann auf „für Studenten“. Nicht alle Außenstellen bieten derzeit Praktika an. Angebote gibt es auch bei der Havemann Gesellschaft („Forschungsstätte / Lernort / Kulturinstitution / Informationsdienstleister“), die das Archiv der DDR-Opposition pflegt. Ebenso aktuell bei der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Einen guten Überblick zu Institutionen und Arbeitsnetzen gibt die Linksammlung des Vereins DDR-Opfer-Hilfe; dort können Sie sich durchklicken und werden Möglichkeiten zu Ehrenamt und Praktika, vielleicht auch Jobausschreibungen finden. Auch die Gedenkstätten sind dort verlinkt.

Zur NS-Zeit:
Stellen und Organisationen, die Sie kennen sollten, auch wenn derzeit oder grundsätzlich keine Ausschreibungen vorliegen – manchmal ist der Weg zum Handeln aber auch einfach mittelbar, und das Engagement an der einen Stelle öffnet Ihnen eine Beschäftigung an einer anderen:

Zur privatwirtschaftlichen Erforschung der NS-Vergangenheit gibt es einen Sammelband, der auch online zur Verfügung steht:

Christian Mentel (Hg.), Auftragsforschung und NS-Aufarbeitung, in: Zeitgeschichte-online, Dezember 2012 (überab. Dezember 2013), URL: http://www.zeitgeschichte-online.de/thema/auftragsforschung-und-ns-aufarbeitung

Ein eigenes und kontrovers diskutiertes Thema sind Aufarbeitung und Erinnerungskultur von Flucht und Vertreibung nach 1945; immer wieder schwingt der Vorwurf oder die Sorge um Revisionismus mit. Daher seien Ihnen vorerst nur zwei Links an die Hand gegeben; ich muss mich diesem Aspekt in einem eigenen Artikel widmen:

  • Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung der Bundesregierung, getragen vom Deutschen Historischen Museum mit dem im Bau befindlichen Dokumentationszentrum „Berliner Deutschlandhaus“.
  • Möglichkeiten zur Projektförderung Deutscher Kultur im östlichen Europa: Link.

Sie sollten natürlich inhaltliche und methodische Kenntnisse mitbringen, wenn Sie professionell tätig werden wollen. Unabdingbar scheint mir jedoch auch eine eigene Haltung zum Forschungsobjekt oder Arbeitsbereich, die unbedingt auch Konzepte zur  individuellen Bewältigung der Arbeitsergebnisse einschließen sollte. Die tägliche Auseinandersetzung mit Diktatur, Krieg, Vernichtung kann sehr belastend sein; vielleicht stellt es lange kein Problem dar und plötzlich finden Sie ein Bild, das Ihnen die Fassung raubt. Insofern gehört auch ein individueller Schutz zu den „Anforderungen“; viele Institutionen oder Stellen bieten Fortbildungen oder Hilfestellungen genau zu diesem Aspekt an.