Vermutlich können Sie, wenn Sie in deutscher Geschichte des 20. Jahrhunderts einigermaßen beschlagen sind, diese Zahlen unschwer zuordnen: 6 Millionen, 30 Millionen, 138/245. Vielleicht haben Sie dazu eine professionelle Distanz entwickelt oder eine Haltung, die Helmut Kohl einmal als „Gnade der späten Geburt“ fasste, und können diese Zahlen nennen, ohne einen Klos im Hals zu haben und ohne, dass es Ihnen noch den Schlaf raubte. Spätestens jedoch, wenn aus den Millionen Einzelschicksale werden, versehen vielleicht mit Namen, Bildern, Erinnerungen, endet meine professionelle Distanz und das Ausmaß an Leid wird für einen Moment ungeheuerlich und unbezwingbar. Darum eigne ich mich auch nicht zur „Aufarbeitung“ von Diktaturen, Vertreibung und Flucht oder zum Einsatz in Gedenkstätten.

Doch andere Menschen begegnen diesem Schock gerade mit dem Wunsch nach wissenschaftlichen Reflexion und einem affinen Beruf, um urteilen, helfen, erinnern, Wiederholungen verhindern zu können, vielleicht, um zu sühnen, vielleicht, um einen Beitrag zu „Gerechtigkeit“ leisten zu können. Vielleicht gibt es auch familiäre oder biographische Bezüge.

So bestehen neben einer Schwerpunktwahl im Studium diverse Möglichkeiten, sich in der Aufarbeitung diverser dunkler Flecke in der deutschen Geschichte zu engagieren, sowohl im Freiwilligendienst oder Ehrenamt, als Praktikantin, in studentischen oder fortgeschrittenen Forschungen und im Beruf. Die im Folgenden angeführten Hinweise und Links sind bei weitem nicht vollständig; Sie sind herzlich eingeladen, über die Kommentarfunktion weitere beizutragen.

Zur DDR:
Praktika z. B. bei einigen Außenstellen der Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (Entschuldigung, Umgangssprache). Sie müssen ein wenig rumklicken: Über den Menüpunkt „In der Region“ zu den einzelnen Außerstellen, dann auf „Bildung“, dann auf „für Studenten“. Nicht alle Außenstellen bieten derzeit Praktika an. Angebote gibt es auch bei der Havemann Gesellschaft („Forschungsstätte / Lernort / Kulturinstitution / Informationsdienstleister“), die das Archiv der DDR-Opposition pflegt. Ebenso aktuell bei der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Einen guten Überblick zu Institutionen und Arbeitsnetzen gibt die Linksammlung des Vereins DDR-Opfer-Hilfe; dort können Sie sich durchklicken und werden Möglichkeiten zu Ehrenamt und Praktika, vielleicht auch Jobausschreibungen finden. Auch die Gedenkstätten sind dort verlinkt.

Zur NS-Zeit:
Stellen und Organisationen, die Sie kennen sollten, auch wenn derzeit oder grundsätzlich keine Ausschreibungen vorliegen – manchmal ist der Weg zum Handeln aber auch einfach mittelbar, und das Engagement an der einen Stelle öffnet Ihnen eine Beschäftigung an einer anderen:

Zur privatwirtschaftlichen Erforschung der NS-Vergangenheit gibt es einen Sammelband, der auch online zur Verfügung steht:

Christian Mentel (Hg.), Auftragsforschung und NS-Aufarbeitung, in: Zeitgeschichte-online, Dezember 2012 (überab. Dezember 2013), URL: http://www.zeitgeschichte-online.de/thema/auftragsforschung-und-ns-aufarbeitung

Ein eigenes und kontrovers diskutiertes Thema sind Aufarbeitung und Erinnerungskultur von Flucht und Vertreibung nach 1945; immer wieder schwingt der Vorwurf oder die Sorge um Revisionismus mit. Daher seien Ihnen vorerst nur zwei Links an die Hand gegeben; ich muss mich diesem Aspekt in einem eigenen Artikel widmen:

  • Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung der Bundesregierung, getragen vom Deutschen Historischen Museum mit dem im Bau befindlichen Dokumentationszentrum „Berliner Deutschlandhaus“.
  • Möglichkeiten zur Projektförderung Deutscher Kultur im östlichen Europa: Link.

Sie sollten natürlich inhaltliche und methodische Kenntnisse mitbringen, wenn Sie professionell tätig werden wollen. Unabdingbar scheint mir jedoch auch eine eigene Haltung zum Forschungsobjekt oder Arbeitsbereich, die unbedingt auch Konzepte zur  individuellen Bewältigung der Arbeitsergebnisse einschließen sollte. Die tägliche Auseinandersetzung mit Diktatur, Krieg, Vernichtung kann sehr belastend sein; vielleicht stellt es lange kein Problem dar und plötzlich finden Sie ein Bild, das Ihnen die Fassung raubt. Insofern gehört auch ein individueller Schutz zu den „Anforderungen“; viele Institutionen oder Stellen bieten Fortbildungen oder Hilfestellungen genau zu diesem Aspekt an.