Ich dachte ja, ich falle vom Stuhl, als ich in einem Forum die Anfrage fand, ob jemand die BA-Arbeit für das Mitglied schreiben könne. Es hat sich keiner direkt angeboten – es wird vermutlich über eine PN geregelt – aber der Link zu UniGhost gepostet. Das Unternehmen bietet neben Qualifikationsarbeiten auch Business Pläne und anderes, an dem Geld und Prestige hängen. Ja, es kooperiert mit PlagScan. Und man kann sich als Autor bewerben, „eine zukunftssichere Jobperspektive.“ . 😉

Ein unmoralisches Angebot?

Nicht unbedingt. Es hat etwas von Schreibcoaching: „Es geht nicht darum, einem Kunden die Arbeit komplett abzunehmen. Ziel von »Unighost« ist die fachlich kompetente Unterstützung an all jenen Punkten, die der Auftraggeber übersehen könnte, wo er den Faden verliert oder unsicher in Formulierungen ist.“ (über uns, UniGhost)

Und damit Sie nicht denken, das Unternehmen hätte den Eintrag gesponsert (passiert vielleicht noch im Nachgang): Es ist bei weitem nicht allein. Es gibt Akademische Ghostwriter Dr. Franke Consulting (Entschuldigen Sie, dass ich so launig dabei bin. Die Startsequenz im Websitefilm zeigt zwei Arme unbekannter Besitzer, die gerade ein – in Leder natürlich – gebundenes unindividuelles Arbeitsergebnis austauschen). Weiterhin die Agentur für akademische Texte GmbH (420 Likes auf Facebook!). Oder akad write. Oder Ghostwriter.nu mit dem Slogan „Wir sind die Guten“. Ich musste erstmal .nu nachschlagen, irgendwas in Ozeanien. Ich bin mir nicht sicher, ob das auch Gerichtsstand ist. Immerhin: Auf der Seite finden Sie aktuelle Informationen zur Seriosität akademischen Ghostwritings in Deutschland. Fragen Sie eine Suchmaschine nach „akademischem Ghostwriting“, Sie bekommen reichlich Treffer.

Natürlich gibt es zu diesem Phänomen kritische Stimmen. Der Deutsche Hochschulverband forderte 2012, Ghostwriter, die wissenschaftliche Qualifikationsarbeiten verfassen, mit Gefängnis zu bestrafen. Pressemeldung. Ein süffisanter Kommentar dazu findet sich auf der Seite Forschungsmafia – er pointiert, dass es dem Verband nur um externe Ghostwriter und Qualifikationsarbeiten gehe, aber nicht um „Teamarbeit“ in der Hochschule, die dann unter dem Namen des Ranghöchsten erscheint, oder um Ghostwriting für akademische Bücher nach dem Qualifikationsprozess. Eine Reaktion auf den Vorstoß des Verbandes von Marcel Kopper, der eine Ghostwriting-Agentur betreibt, finden Sie auf ZEIT online.

Falls Sie selbst Ghostwriter werden möchten: Sie müssen natürlich gut in Ihrem Fach und in der Recherche sein. Mindestens ein Drittel der Freiberufler, die den Agenturen zuarbeiten, sind mindestens promoviert. Darüber hinaus brauchen Sie sehr gute rhetorische Fähigkeiten – wenn wir UniGhost ernst nehmen, geht es ja gerade um das Auffüllen der Lücke, die Schreibblockaden, mangelnde Organisation oder grundsätzlich fehlendes Schreibtalent bei den Forschern entstehen lässt. Und natürlich müssen Sie diskret sein.

Erneut: Ein unmoralisches Angebot?

Natürlich, wenn es das Erschleichen von Titeln ermöglicht. Eine Qualifikationsarbeit schreiben lassen und unter eigenem Namen einreichen ist Betrug. Es ist ebenso Betrug, Beiträge und Bücher, die die wissenschaftliche Reputation einer Person mehren – und damit Berufungs- und Aufstiegschancen -, schreiben zu lassen. Eine Begleitung und Unterstützung in der Ausformulierung der eigenen Ideen und Ergebnisse hingegen halte ich nach meiner Erfahrung mit der Lektüre von Fachtexten überwiegend für einen sinnvollen Service. Und es ist überhaupt nicht ehrenrührig, sich in einer ersten Fußnote oder im Vorwort bei der Person, meinetwegen auch dem Unternehmen, der/ das unterstützt hat, dafür zu bedanken. Doch es bleibt die Frage nach dem Unterschied zwischen einer Idee und ihrer sprachlichen Manifestation.
[update 17.6.2015: Ein Artikel eines Ghostwriters ist heute auf ZON: http://www.zeit.de/studium/2015-06/universitaet-wissenschaft-akademisches-ghostwriting)]