Ich schreibe heute über Perspektiven von GeisteswissenschaftlerInnen im Game-Design. Es gibt dabei gewisse Parallelen zum Papst, der vom Kinderkriegen schreibt. Ich weiß: Es gibt viele „Betroffene“. Ich spielte: Tetris (auf einem 486er!), Moorhuhn und Sven Bomwollen (dazu könnte ich Ihnen eine weitere Anekdote aus dem klerikalen Umfeld erzählen), das letzte Mal ca. 2002. Ich lebe sozusagen im Games-Zölibat und vermisse nichts. Wenn Sie sich in der Games-Branche auskennen, birgt der Artikel für Sie vermutlich nicht viel Neues. Falls Sie jedoch auch im Games-Zölibat leben, vielleicht ganz und gar unfreiwillig, weil Ihre Role-Models Sie nicht mit Nahrung versorgen, erhalten Sie einen kleinen Einblick in eine Branche die

  1. GeisteswissenschaftlerInnen aufnimmt, ja, teils sogar sucht (wenn auch, wie stets, nicht explizit),
  2. in Deutschland eine Branche ist, die einen der Spitzenplätze im Umsatzwachstum aufweist, beständig auf der Suche nach Fachkräften ist und weltweit zu den Spitzenbranchen der Kreativwirtschaft zählt (größerer Umsatz als Musik- und Filmwirtschaft zusammen),
  3. Quereinsteiger mit Erfahrung einstellt (oder als Freiberufler beschäftigt), auch, da Universitäten, Fachhochschulen und Privatschulen nicht genügend Absolventen hervorbringen, die also
  4. noch nicht überall ein klares Tätigkeits- und Qualifikationsprofil aufweist,
  5. Verbindungen zu anderen Branchen herstellt: Game-Designer werden gesucht und beschäftigt z.B. für 3D-Präsentationen in der Immobilienbranche und im Gesundheitswesen, für die Verbindung von Spiel und Werbung oder Spiel und Lernen (serious games) (Nachweis).

Die Fachmesse gamescom richtete ein Forum jobs und karriere ein und verkündete:

„Gesucht wird im Prinzip jeder, der sich für Computer- und Videospiele begeistert und sein Hobby zum Beruf machen möchte – egal ob Game Designer, Programmierer, Texter, Community Manager, Übersetzer, Betriebswirtschaftler oder Jurist, egal ob Nachwuchstalent oder erfahrener Profi.“ (Nachweis)

Wenn ich es richtig verstanden habe, gab es auf dieser Messe im Jahr 2013 über 400 freie Stellen zu vermitteln. Sie können aus der Auflistung der Tätigkeiten schnell erkennen, wo Affinitäten zu unseren Disziplinen bestehen (Design, Text, Community Manager, Übersetzer). Ein Blick durch die Stellenbörsen macht es dem gewöhnlichen Absolventen jedoch nicht leicht. „Design“ kann in der einen Ausschreibung Programmierung oder Webdesign bedeuten, in der anderen jedoch die theoretische Spielkonzeption meinen, also die Entwicklung der Spielwelt mit ihren Regeln und Charakteren, die Erfindung der Handlung, die Einbindung von erzählenden und interaktiven Elementen und die multimediale Vernetzung. Hier wird die Nähe zu unseren Studiengängen deutlich. Der Bundesverband GAME formuliert es aus:

„Wie kein anderes Medium verbinden Computerspiele die Elemente Literatur, Musik und Film – und ergänzen sie um die spannenden Möglichkeiten der Interaktion.“

Da eine Reihe von Spielen mit historischen Settings erfolgreich ist, wäre die Geschichte als weiteres Element anschlussfähig. Wenn ich richtig informiert bin, rangiert unter diesen Sujets WK II weit oben, doch auch Mittelalter und Entdeckungszeitalter/ Frühe Neuzeit sind vertreten.

Jan Wagner, Geschäftsführer von Cliffhanger Productions studierte selbst Anglistik, Geschichte und Politik. In einem Podiumsgespräch auf der Frankfurter Buchmesse prognostizierte er GeisteswissenschaftlerInnen gute Perspektiven in der Computerspielebranche. Je ein Drittel seiner Mitarbeiter seien Programmierer, Grafiker und Gamedesigner; uns verortet er im Gamedesign, das man bislang nur sehr begrenzt studieren könne. „Ich glaube, dass Geisteswissenschaftler überall da gefragt sind, wo es noch kein klares Berufsprofil gibt.“ (zum Artikel auf ZEIT online) [update 10.4.2014] Ich denke, dass Geisteswissenschaftler eher dort gefragt sind, wo andere Geisteswissenschaftler in der Nähe sind. Meine Erfahrung mit IT-lern ist, dass sie überwiegend gern unter sich bleiben und unser Denken bzw. die Methoden unseres Denkens fremd bis störend finden. Sie mögen uns heiraten, doch solange wir mit WordPress arbeiten, stehen sie beruflichen Kooperationen skeptisch gegenüber. 🙂

Tatsächlich steigt mit dem Alter der Computerspielbranche und mit der Akademisierung des Zugangs auch die Professionalisierungsanforderung. Sie können Game-Design und Ähnliches studieren, teils als Bachelor-Studiengang, teils als Aufbaustudiengang, teils als Ausbildung, etwa hier:

Sie werden sich denken können, dass Sie mit einer Kombination aus Qualifikation und Erfahrung auf einem Arbeitsmarkt, der ohnehin nach Fachkräften sucht, Ihre Chancen und Auswahlmöglichkeiten verbessern. Hinzu kommt, dass sie mit einem solchen Studium nicht nur die Inhalte abdecken, die oben für Game-Design beschrieben wurden, sondern auch Fähigkeiten für den Entwicklungsprozess (Programmierung, Grafik) erwerben.

Wie kommen Sie an Jobs?
Über Messekontakte wie auf der gamescom, über online-Stellenbörsen (Suchwort Games-Design) und über persönliche Kontakte bzw. Recherche. [update 10.4.2014] Die deutsche Szene sitzt überwiegend in Berlin. Ich wurde allerdings darauf hingewiesen, dass die anspruchsvollen Spiele und Blockbuster zwar einen hohen Verkaufs-, jedoch einen geringen Arbeitsmarktanteil haben. Überwiegend würden derzeit „Daddel-Spiele“ für Handys etc. entwickelt.

Was benötige ich über das Studium hinaus?
Freude und Begeisterung am Gegenstand. Eigene Mediennutzung und Computerspielerfahrung. Technisches Grundverständnis, um z. B. nicht an Hardwarevoraussetzungen vorbei zu entwickeln. Für Führungsaufgaben benötigen Sie natürlich Berufserfahrung. Diese muss nicht notwendig im Bereich Spielentwicklung liegen. Stephan Reichart etwa ist Mitglied des Vorstands von GAME, studierte Germanistik, Psychologie und Politik und ist von Beruf „Kommunikationstrainer“. Als solcher hat er Schulungen und Weiterbildungen für die Games-Branche entwickelt und angeboten (http://www.game-bundesverband.de/index.php/de/g-a-m-e/vorstand). Auch die Spieleentwicklung benötigt PR-Kräfte und Projektmanager, kooperiert mit Journalisten und Lehrern, versorgt sogar die Wissenschaft mit Untersuchungsgegenständen. Die Kombination eines geisteswissenschaftlichen Fachs mit Informatik ist ebenfalls nicht schädlich. Der Spieleentwickler Sid Meier (Globalstrategiespiele, Bürgerkriegs-Echtzeit-Strategiespiele) etwa studierte Geschichte und Informatik.

Ist das auch was für Frauen?
Frauenförderprogramme habe ich nicht gefunden, wohl aber Hinweise auf die Chancengleichheit und auch versteckte Hinweise darauf, dass Frauen erwünscht sind. In einem persönlichen Gespräch erörterte ich mit einer Künstlerin, dass weibliche Protagonisten als Identifikationsfiguren für Mädchen und Frauen fehlen. Auch unter den Designern sind fast alle Stars männlich.

Weiterlesen:

http://www.spielbar.de/neu/2012/06/computerspiele-als-ein-neuer-zugang-zu-geschichtsthemen/ mit Lit.

Wikipedia: Game-Design

Michael Bhatty: Interaktives Story Telling – Zur historischen Entwicklung und konzeptionellen Strukturierung interaktiver Geschichten, Aachen 1999

Rainer Pöppinghege: Ballern für den Führer. Der Zweite Weltkrieg im Computerspiel, in: Steinberg, Swen/ Meißner, Stefan/ Trepsdorf, Daniel (Hg.): Vergessenes Erinnern. Medien von Erinnerungskultur und kollektivem Gedächtnis (Impulse, 1), Berlin 2009, S. 105–120

Angela Schwarz (Hg.): „Wollten Sie auch immer schon einmal pestverseuchte Kühe auf ihre Gegner werfen?“. Eine fachwissenschaftliche Annäherung an Geschichte im Computerspiel, Münster 2010

http://www.heise.de/tp/artikel/20/20980/1.html

http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/game-designer-computerspiel-experten-haben-sonnige-berufsaussichten-a-840205.html

Jesse Schell: Die Kunst des Game Designs: Bessere Games konzipieren und entwickeln, Heidelberg u.a. 2012 (für Fortgeschrittene)