„Mama, was machen die Männer da draußen?“
„Die pinkeln in die Kuhweide.“
„Warum?“
„Weil sie um 9 Uhr angefangen haben, sehr viel Bier zu trinken. Dann muss man oft.“
„Aber die holen doch die Tannenbäume für das Osterfeuer. Warum trinken sie dann Bier?“
„Weil sie … Jungschützen sind … das gehört sich da so.“
„Was machen sie denn jetzt?“
„Sie tanzen mit der Whiskyflasche, die Papa zum Tannenbaum gestellt hat.“
„Hat die nicht das Christkind gebracht? Und machen die Männer das immer so?“
„Naja, eben als die Beerdigung war, haben sie eine halbe Stunde Pause gemacht. Aber ja: Sie machen das eigentlich immer so. Und wenn sie zu alt werden, um Jungschützen zu sein, kommen neue Jungschützen, denen sie alles beibringen.“
„Wie man die Tannenbäume richtig abholt?“
„Exakt.“

Puh, dachte ich, derart ins Schwimmen geraten, hätte ich doch Volkskunde oder Europäische Ethnologie studiert! Dann müsste mein Kind nicht diesen latent missbilligenden Unterton aufnehmen und bekäme eine terminologisch korrekte und angemessen distanzierte Erklärung der Szenen, die sich vor unserer Tür abspielen. Auch „Tannenbaum“, „Osterfeuer“, „Christkind“, „Mama“ und „Beerdigung“ wären nicht länger selbstverständlich hingenommene Performanz, nein, das Kind bekäme sämtliche Deutungsebenen frei Haus dazu. Überhaupt – unsere gesamte Alltagskultur erschiene in einem anderen Licht!

Nun dienen diese Studiengänge freilich nicht allein dem Privatvergnügen der Kindererziehung von ambitionierten Akademikerinnen. Obwohl sich dieser Eindruck aufdrängen mag, sucht man nach freien Stellen für Volkskundler, Kulturanthropologen, europäische Ethnologen. Es gibt wie stets nicht so viele, zumindest nicht explizit.

Aber es gibt wie stets Berufsverbände, nämlich z. B. die Deutsche Gesellschaft für Volkskunde (dgv), der eine erste Orientierung bietet. Auf dem „Schwarzen Brett“ sind Stellenangebote, und die stammen überwiegend aus unserem klassischen Kontext, nämlich aus Museum, Wissenschaft, öffentlichem (Kultur)Dienst.

Doch Kulturanthropologen kommen auch in der Privatwirtschaft unter. BerufeNet listet z. B. die interkulturelle Beratung und das Training in Unternehmen, Markt- und Meinungsforschung, Tourismus und Verlagswesen. Auch für die Arbeit mit „Menschen mit Migrationshintergrund“ werden sie gesucht und in NGOs finden sie Anstellungen. Wenn man über die Seiten der Studiengänge Europäische Ethnologie, Kultur- oder Sozialanthropologie schaut, findet sich unter „Perspektiven“ in der Regel auch eine Auflistung dieser Berufsfelder. Ich frage mich stets, ob ihre Nennung einer allgemeinen Assoziation bzw. der Vorstellungskraft der universitären Welt entspricht oder ob sie auf Erfahrungen fußt. Ein großer Anteil der AbsolventInnen landet, wie in den meisten anderen sozial- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen auch, in uns unbekannten Bereichen der „freien Wirtschaft“ oder arbeitet freiberuflich im Kultursektor. (Eben dazu fand ich auf der Seite des Bundesverbands der freiberuflichen Ethnolog_innen unter Berufung auf eine Studie des Deutschen Kulturrates eine bemerkenswerte Zahl: Ca. 60% der Tätigen in Kulturberufen seien demnach Freiberufler/Selbstständige.)

 Auf der Website des Fachs Volkskunde der Uni Münster stellen fünf Absolventen ihre Werdegänge vor. Auch hier überwiegen die „Klassiker“ Wissenschaft, Museum und Verlag. In einem älteren Artikel der ZEIT wurde eine Studie zum Verbleib von Völkerkundlern vorgestellt, und Bemerkenswert ist hier, dass diejenigen, die auch außerhalb dieser klassischen Bereiche erfolgreich wurden, in der Regel eine Doppelqualifikation vorwiesen, also etwa eine Fortbildung nach dem Studium oder eine Berufsausbildung. Deren Kombination, mitunter jedoch auch das „zweite Standbein“ erlaubten einen angemessenen beruflichen Einstieg.

Der bfe hat zu aktuelleren Verbleibsstudien verlinkt. Ich schaute mir die Studie der Sozialanthropologie Bayreuth für den BA „Kultur und Gesellschaft Afrikas“ von 2011 an (ohne die, die im Master weiterstudierten).

Dort wurden sechs Kategorien der Erwerbstätigkeit ausgemacht (S. 48f):

  • Entwicklungszusammenarbeit (31%)
  • Privatwirtschaft (15%)
  • Wissenschaftliche Forschung und Lehre (15%)
  • Medien und Journalismus (12%)
  • Pädagogisch-soziale Dienstleistung (11%)
  • Sonstiges (13%)

Da fehlen 3%. Vermutlich Rundungsfehler.

Ein angemessener Berufseinstieg für Ethnologen und Volkskundler erfordert, wie in all unseren Fächern, folglich erheblich Eigeninitiative und ein klares Ziel. Neben Anstellungsverhältnissen in der Wissenschaft und im Museum arbeiten viele freiberuflich für ebendiese Institutionen. Ein Bereich, der für die Employability im Studium eine größere Rolle spielen könnte, sind aktuelle Debatten, in denen ethologische/volkskundliche Expertise gefordert ist – und die ExpertInnen aufgerufen sind, diese Expertise zu ihren Gunsten „ins Feld“ zu führen. Eine Liste auf der Seite des bfe bot einen Überblick zu Themen, zu denen sich EthnologInnen jüngst öffentlich äußerten: Impfvorbehalte und Ebola, Pegida, Heldenträume und Dschihad. Siehe auch http://www.bundesverband-ethnologie.de/ethnologie-im-web

Weitere Links/ Beispiele

http://www.umetje.de/ – Evaluation und wissenschaftliche Beratung PD Dr. Ute Marie Metje
http://www.thorolf-lipp.de/ – Cultural Anthropologist und Filmemacher http://www.blickwechsel.net/ – Beratung, Kulturanalyse, Training
Mögliche Berufsfelder für Ethnolog(inn)en, Stand 14.06.2012, Team Praktikum und Berufseinstieg, Uni Göttingen, www.sowi.uni-goettingen.de/praktikum-und-berufseinstieg
Informationsbroschüre Ethnologie & Beruf, Uni Leipzig