Ham’se schon gesehen, die Wutrede des Christian Lindner? Hach! Ich wär bei denen ja fast dabei, wäre ich nicht so romantisch …

Dieser Tage ist viel vom Gründen die Rede. NRW will den Technologietransfer der Hochschulen fördern, also auch die Unternehmensgründungen aus der Uni heraus. Da es kaum Programme ohne „Technologie“ oder „Tec“ im Namen gibt, gilt für uns: Inklusion. Zwar beschränkt sich die Reaktion der meisten Berater auf ein höfliches „wie interessant“ und den schnellen Verweis auf den Businessplan – mit der Sicherheit, dass so mindestens die Hälfte der Gründungswilligen aus den Geisteswissenschaften vorerst nicht mehr auftaucht – , doch wirklich vorbereitet sind weder Gründer noch Berater. Wir gehören sicher nicht zur Primärzielgruppe des universitären Technologietransfers.

Das birgt Risiken. Der Deutsche Kulturrat stellte schon vor ca. 10 Jahren fest, dass mindestens die Hälfte der Tätigen im Kultursektor selbstständig bzw. freiberuflich arbeiten. Neue Zahlen für die Zeit nach 2008 – und damit massiver Kürzungen in der öffentlich organisierten Kultur – liegen noch nicht vor. Nein, uns sortiert man nicht unter die Stars der Start-up-Szene, wir sind nicht die Impulsgeber, die höhere Förderung des Technologietransfers nötig machen. Der größte Teil der Selbstständigen aus unseren Fächern firmiert gemeinsam mit den befristet Angestellten in der Wissenschaft unter dem Schlagwort „Prekariat“. Das ist nicht so schön. Aber glücklicherweise auch in dieser Pauschalität falsch.

Vergangene Woche hat die Landesregierung in NRW 70 Millionen Euro unter der Überschrift „HochschulStart-up.NRW“ für eine bessere Kooperation zwischen Unis und Wirtschaft zur Verfügung gestellt. So sollen Forschungsergebnisse zum Wohle der Menschen schneller umgesetzt werden. Möglicherweise lässt die Lektüre der Pressemeldung Sie jedoch ratlos zurück. Startup? Mittelstand? Technologieintensiv? Wo kommen wir ins Spiel?

Wieder einmal müssen wir uns selbst hineinbringen. Eine Möglichkeit besteht in der gemeinsamen Gründung mit Absolventen aus technologischen oder wirtschaftswissenschaftlichen Studiengängen. Eine andere in der Konzentration auf den dritten Förderpunkt: „Wissen nutzen“ – also Unternehmen zu entwerfen, die Nutzung, Entwicklung, Transformationen, Kontextdesign, vielleicht auch Bewertung oder Kritik von „Wissen“ anbieten.

Was kennzeichnet ein Startup im Unterschied zur klassischen Gründung? Ich dilettiere: innovativ, oft webbasiert (z. B. Shops, Plattformen, Suchmaschinen, CMS oder LMS), ausgerichtet auf schnelles Wachstum (darum oft hoher Kapitaleinsatz) und hohe unternehmerische Flexibilität (darum oft Verkauf des Unternehmens, Neustarts, Kooperationen). Startups dürfen Scheitern.

So durchforstete ich das Netz nach Startup-Beispielen aus unseren Fächern. Ich fing oben an – mit den Top 100 der deutschen Startups. In den Vorzeigeunternehmen durchsuchte ich möglichst effizient das Team von unten nach oben, von weiblich zu männlich. Das Ergebnis bestätigte meine voreingenommene Strategie: Oben viele männliche BWLer, Business Administrators etc., unten viele weibliche Business Administrators, Kommunikationswissenschaftlerinnen, Germanistinnen, Soziologinnen etc. Die gute Nachricht: In Startups können Sie mit guter Performance und hoher Motivation als QuereinsteigerIn Posten besetzen, die in konventionellen Unternehmen Betriebswirtschaftlern oder Kaufleuten vorbehalten sind.

Doch es lohnt sich, nicht nur nach GeisteswissenschaftlerInnen in Unternehmen zu suchen, sondern nach Gründungen, die eine logische Weiterführung unserer Fächer in der Privatwirtschaft sind. Ich möchte hier clustern:

  1. Wissenschafts- und wissenschaftliche Dienstleistungen
    Das „Medizinethnologische Team“ in Heidelberg wurde von drei Ethnologinnen gegründet und bietet Vorträge, Workshops, Seminare und Forschung zu medizinethnologischen Themen. Sie vermitteln z.B. Fachwissen zu kulturgebundenen Konzepten von Körper und Krankheit an Praktiker im Gesundheitswesen. Die Humboldt Innovation GmbH bietet Forschungsservice, Spin-Off Management, Wissenschaftsmarketing, Training und Weiterbildung. Sie beschäftigt u.a. Absolventen der Europäischen Ethnologie, Politikwissenschaften, Europäischen Kulturgeschichte. International sind Sie vielleicht schon einmal auf die Plattform researchgate.net gestoßen – ebenfalls ein erfolgreiches Unternehmen an der Schnittstelle Wissenschaft/Öffentlichkeit. Nimirum hat sich auf wissensbasierte Kommunikation spezialisiert und bietet Recherchen zu gesellschaftlichen Themen. Das Unternehmen baut ein Expertennetzwerk in den Geistes- und Sozialwissenschaften auf.
  2. Dienstleistungen für Studium und Lernen
    Weit oben rangieren die internetbasierten Sprachlernangebote wie babbel.de oder das von Carsten Maschmeier finanzierte papagei.tv. Auch Lernangebote für Studierende laufen erfolgreich, so etwa „Sofatutor GmbH“ in Berlin (wo auch GeisteswissenschaftlerInnen beschäftigt sind, hier die Leiterin der Redaktionsabteilung). Die Pharetis GmbH betreibt gleich eine Reihe von Internetportalen rund um das Thema Studium und Hochschulmarketing. Die Damen im Team stammen aus unseren Fächern.
  3. Unsere Inhalte und peers in neuen Kleidern Aus Ausstellungswesen, Journalismus und Kunstgeschichte stammen die Frauen, die Artflash betreiben – eine Flash-Sale-Website, die Kunst-Originale an ihre Mitglieder vermittelt. Clevoo.com ist ein Beispiel dafür, wie uns lange vertraute Tätigkeiten in eine veränderte Infrastruktur eingebettet werden: Das Unternehmen übernimmt die Suche nach passenden Übersetzern, Lektoren und Korrekturlesen sowie die Abwicklung des Auftrags. Überwiegend finden wir hier nicht das klassische Startup, sondern das klassische Einzelunternehmen, in dem die Inhaberin als Freiberuflerin agiert und Coaching, Lektorat, Übersetzung, Texterstellung etc. anbietet. Nichtsdestotrotz führen einige Wirtschaftsförderungen oder regionale Förderprogramme auch diese GründerInnen unter Startup, z. B. Kaminska Coaching, Nautas oder Der Mann für den Text in Leipzig. Einen eigenen Post sind eBook-Verlage wert.
  4. Kommunikation und Innovation
    Mit der PR-Agentur Pioneer Communications fand ich ein Beispiel, das von einem Magister gegründet wurde (nämlich Benedict Rehbein, M.A.). Auch in der Kommunikationsagentur Aliando arbeiten Kommilitonen, und hier verdichtete sich der Eindruck, dass die Fächerkombination eine größere Rolle spielt als bei unseren klassischen Berufen, in denen man stets „Historiker“ oder „Germanistin“ ist. Anregend war auch das Surfen über die Seiten von projektUP! – Zentrum eines Netzes für soziale Nachhaltigkeit, Kooperation und Kreativität, das professionelle Beratung und Unterstützung bei der Entwicklung und Gestaltung von Projektideen bietet.

Sie werden unschwer erkannt haben, dass mein Cluster noch nicht ausgereift ist. Aber vielleicht finden Sie hier einen Startpunkt, mit dem Sie in die Technologietransfergründungsberatung gehen können. Nicht mit einem bittstellerischen „Ich weiß, dass ich die falschen Fächer gewählt habe, bitte entschuldigen Sie, dass ich Sie jetzt noch zum Thema Gründungen belästige“. Sondern mit Experimentierfreude, Pioniergeist und der Gewissheit, dass Sie nicht automatisch zu den „prekären Existenzen“ gezählt werden dürfen.

Literatur und Referenzen

Ich suche noch. Grundsätzlich können Sie natürlich auch aus Erfolgen wie „Das Handbuch für Startups“ Steve Blank und Bob Dorf etwas lernen, auch wenn die typisch deutschen Beispiele darin etwas mit Autos zu tun haben.

Für den Moment finde ich den „Freiberufleratlas“ von Martin Massow (2. Auflage Berlin 2015) hilfreicher, auch und gerade, weil es um Einzelunternehmen geht (insbesondere S. 391 ff). Wenn Sie gern Zeitschriften lesen: Dienliche Hinweise fand ich in „starting up“ und in „Business Punk“. Der Weg nach Heidelberg führte über https://startupgeistsoz.wordpress.com/. Inspiration bietet auch die (leider ausgebuchte) Start-up-Tour in Berlin: http://www.deutsche-fachpresse.de/startup/.