Aktuell schreibe ich nicht viel und arbeite trotzdem.
Ich lese. Ich prüfe und überarbeite Manuskripte inhaltlich und sprachlich und begleite sie bis zur Veröffentlichung (wenn das gewünscht ist) – und teils auch darüber hinaus. Also bin ich aktuell gemäß der Definition von BERUFENET vornehmlich „Lektorin„, und zwar im Verlagswesen sowie im Kulturbereich und in einer Agentur. Ich weiß, dass viele Kommilitoninnen und Kommilitonen auch gern Lektorin bzw. Lektor werden wollen. Ich weiß nicht genau, warum; vermutlich, weil sie gern lesen oder „Lektor“ sich nach einem richtigen Beruf anhört.

Dieses Lektorieren ist harte Arbeit. Ich kann nicht einmal sagen, ob mich die wissenschaftlichen oder die belletristischen Texte mehr anstrengen. Natürlich könnte ich meine Arbeit mit ins Freie nehmen und den lauen Mai genießen, doch in der Sonne, so schön warm und hell, blendet das Blatt und werden die Worte so zäh … Unentwegt kränke ich die Autoren – das ist auch nicht so schön – mit meiner Forderung nach Leserorientierung. Ich halte nicht so viel davon, die Verantwortung vollständig beim Autor zu lassen. Meine Aufgabe ist es, den Text auf ein Publikum hin zu verändern, ohne ihm seinen Charakter zu nehmen. Das Lektorat ist nicht bloß eine Korrektur; es verlangt Haltung, darum bindet es so viel Energie. Es gibt mehr als genug Bücher; man muss niemandem zumuten, sich durch Verschachtelungen und Geschwurbel zu ackern. Ob es wenigstens gut bezahlt wird? Ich bin zufrieden.

Dabei habe ich denkbar naiv begonnen. Als ich nach dem Studium nicht so genau wusste, was ich kann, dachte ich: Texte kann ich wenigstens. Heute denke ich, früher konnte ich wirklich noch keine Texte, vielmehr stand ich am Anfang eines langen Lernprozesses. Glücklicherweise (das Wort „Glück“ im Zusammenhang mit Personalentwicklung gehört ja eigentlich verpönt) erhielt ich Aufträge, so dass ich schnell Erfahrungen sammeln konnte. Ich hatte aber auch etwas dafür getan: ehrenamtlich und kostenlos Texte lektoriert, redigiert, korrigiert. Gelesen: Bastian Sick, Wolf Schneider etwa. Immigranten beim Deutschlernen geholfen. Überall rumerzählt, dass ich gern Korrekturlese. Nach und nach habe ich mich professionalisiert: mich um Versicherungen gekümmert (was, wenn meine Fehler eine ganze Auflage in den Schredder bringen?), über SocialMedia gelernt, mich in die Selfpublisherszene eingeschlichen, das Programm papyrus gekauft und gelernt, die Netzwerke rund um Lektoren und Verlage erkundet. Ich bin noch nicht am Ende.

Gerade ist eine gute Zeit, Lektorendienste anzubieten, denn der Buchmarkt verändert sich; der Anteil der Selfpublisher steigt. Und gerade die brauchen auch freie Lektoren. Allerdings haben auch gerade die oft nicht die Budgets, um Lektoren so zu bezahlen, dass jene davon leben können. Hinter vorgehaltener Hand sei darum gesagt: Ich kenne nur wenige Kollegen, die die Honorarsätze, die der Verband der freien Lektorinnen und Lektoren empfiehlt, tatsächlich halten. Die Frage ist eher, ob man einen Auftrag hat (oder nicht) und ob man dafür überhaupt Geld bekommt (oder vielleicht lieber ein Freiexemplar?).

Hilfreiche Links, die Ihnen zeigen, welche Spannbreite „Lektorat-Praxis“ hat:

http://www.lektorat-unker.de/tipps-korrekturlesen.php

http://www.literaturcafe.de/selfpublishing-wie-finde-ich-den-richtigen-lektor/

http://www.leselupe.de/lektorat.php

http://www.vfll.de/downloads/

Porträt der Lektorin Viktoria Kaiser

Hilfreiche analoge Texte:

Klaus Siblewski: Wie Romane entstehen, in: Hanns-Josef Ortheil/Klaus Siblewski: Wie Romane entstehen, München 2008, S. 251ff

Momo Evers: Lektoren und Korrektoren – Strategen und Buchhalter des Textgeschäfts, in: Sandra Uschtrin/Heribert Hinrichs (Hg.): Handbuch für Autorinnen und Autoren, 8. Auflage Inning 2015, S. 568-575