Bibliotherapeutin

Stellen Sie sich vor, Sie finden für einen Menschen, dem es nicht gut geht – z. B. wegen Depressionen, Trennung, Angstzuständen etc. – einfach nur das richtige Buch, lesen daraus vor und es geht ihm besser. Und dieser Fund erfolgte nicht zufällig, sondern systematisch und reflektiert: Sie haben einen Einstieg in das Berufsbild der Biblio- und Poesietherapeutin. Ich wähle die weibliche Form, denn in der Deutschen Gesellschaft für Poesie- und Bibliotherapie e.V. bilden Männer eine deutliche Minderheit. Dieser Verein ist kein klassischer Berufsverband, eher ein Netzwerk, das sich der Forschung und dem Austausch über Methoden, Kenntnisse und Praxis widmet.

Wo arbeiten Bibliotherapeutinnen?
In Kliniken und Praxen (Psychotherapie, Reha, Onkologie), in Selbsthilfegruppen, in der Seelsorge, in Schreib- und Literaturwerkstätten, in öffentlichen Einrichtungen, in der Erwachsenenbildung und pädagogischen Einrichtungen. Die Profile, die ich mir genauer ansah, lassen darauf schließen, dass die meisten „auch“ Bibliotherapeutinnen sind, vorwiegend jedoch Lektorin, Professorin, Ärztin, Unternehmensberaterin, Buchhändlerin, Coach oder Psychotherapeutin. Dies bedeutet auch, dass Sie bei Interesse nicht nach Stellenausschreibungen „Bibliotherapeut gesucht“ Ausschau halten sollten, sondern sich in das Netzwerk einarbeiten, qualifizieren und vor allem ein erstes Standbein entwickeln sollten. In der DGPB sind aktuell ca. 160 TherapeutInnen organisiert.

Was machen Bibliotherapeutinnen?
Sie nutzen Texte und die Heilkraft der Sprache – lesend, schreibend -, um seelische, persönliche und auch gruppenspezifische Prozesse in Gang zu setzen und zu unterstützen. Sie helfen bei der Bewältigung von Lebenskrisen, begleiten vertiefte Selbsterfahrung, regen Veränderungsprozesse an, indem sie vorlesen, zum Lesen anregen, Lesen begleiten, selbst Texte verfassen, Schreibprozesse begleiten. Bisweilen geht die Arbeit auch in eine grundsätze Befähigung zur kulturellen Teilhabe über, vermittelt Kanonkenntnisse und leistet Alphabetisierung – je nach Ausrichtung des Primärjobs. Klienten sind z. B. psychisch Kranke, Sterbende, alte Menschen, Migranten, Menschen, die in einer Lebenskrise oder Konflikten stecken oder einfach Neugierige, die herausfinden wollen, wohin die Literatur sie führen kann. In der Regel arbeiten Bibliotherapeutinnen, wenn ihre Arbeit über Lebensberatung hinausgeht, therapiebegleitend und mit anderen Fachleuten, etwa Ärzten oder Psychologen, zusammen.

Wie wird man Bibliotherapeutin?
Nach einem Studium (üblicherweise eine Geisteswissenschaft, aber auch Sozialwissenschaft, Medizin, Psychologie) oder einer Berufsausbildung und anschließender Zertifzierung. Die Europäische Akademie für psychosoziale Gesundheit bietet zertifizierte Weiterbildungen (staatlich anerkannt, mit Gütesiegel) in vier Modulstufen an. Die Module werden in Blöcken angeboten, so dass die Qualifizierung berufsbegleitend stattfindet. Die Gesamtkosten liegen im üblichen Rahmen von ca. 5000 bis 6000 Euro. Diese Qualifizierung allein berechtigt nicht zur Ausübung der Heilkunde (Heilpraktikergesetz).
Seminarangebote der Mitglieder der DGPB finden Sie über diese Liste.

Weiterlesen:
Auf diese Tätigkeit bin ich über einen Artikel in natur&heilen gestoßen:
Anne Devillard: Lesen als Medizin/Interview mit Andrea Gerk, in: natur&heilen 6 (2015), S. 12-21.
Andrea Gerk: Lesen als Medizin. Die wundersame Wirkung der Literatur, Berlin 2015; Rezension und Leseprobe hier: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/10/11/lesen-als-medizin/
Erich Kästner: Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke, München 1988
Susan Elderkin/Ella Berthoud: Die Romantherapie. 253 Bücher für ein besseres Leben, Frankfurt am Main 2013
Rainer Moritz: Die Überlebensbibliothek. Bücher für alle Lebenslagen, München 2012
Claudia J. Schulze: Arbeitsbuch Bibliotherapie, Norderstedt 2012
Links

Irgendwas mit Geld – Wealth Management

Also ich bin kein Kunde von Wealth Managern, ich wusste bis zum Beginn der Arbeit an diesem Beitrag nicht einmal, dass es sie gibt. Shame. Wealth Manager oder Private Banker kümmern sich um reiche private Bankkunden, also sehr reiche private Bankkunden. Vereinfacht beschrieben: Sie beraten und betreuen, entwickeln Anlagestrategien, investieren für ihre Klienten, organisieren die mitunter langfriste, generationenübergreifende Unterbringung des Reichtums.

Ich dachte, damit haben Geisteswissenschaftler nichts zu tun. Aber Reichtum meint ja nicht nur Geld und innere Werte, sondern umfasst meist ein komplexes Vermögen, zum Beispiel auch Kunst. Also wagte ich vorsichtig und in der Hoffnung, meine „Höhere-Töchter-Vorurteile“ gegenüber Kunsthistorikerinnen nicht bestätigt zu sehen, bei Xing nach der Kombination aus „Kunstgeschichte“ und „Wealth Management“ zu stöbern, und siehe da: Es gibt Kunsthistorikerinnen (auch ein paar Männer), die den Reichtum anderer Leute managen. Sie suchen in deren Auftrag nach lohnenden Investitionen, erstellen Gutachten und Zertifikate zu Kunstwerken und kümmern sich um die Unterbringung, z. B. in Depots in Freihäfen. Doch auch Absolventinnen der Germanistik fand ich (z. B. im Team von Willendorff Technologies) Sie werden sich vorstellen können, dass fachliche Expertise allein hier unzureichend ist; Geisteswissenschaftler, die als Private Banker für sehr reiche Menschen arbeiten, brauchen fundierte Kenntnisse im Finanzwesen und Interesse am Geld, zudem Diskretion und sichere Umgangsformen mit diesem speziellen Klientel – und diese erwachsen wesentlich soziokulturellen Codes.  Zu den erweiterten Anforderungen gehören außerdem Fremdsprachenkenntnisse und Internationalität. Als Beispiel könnten Sie sich das Profil von Lucas Elmenhorst anschauen.

Wo sind diese Jobs? – Bei Privatbanken, in freien Beratungshäusern.  Die Deutsche Bank Gruppe hat eine Abteilung für Kunstberatung in Deutsche Asset & Wealth Management und auch Geisteswissenschaftler im Experten-Team. Lachen Sie nicht: Viele Treffer führten in die Schweiz.

Einstieg: Z. B. als Junior Wealth Manager, der mit dem Senior Wealth Manager zusammenarbeitet und Erfahrungen sammelt.

Mitunter ballt sich ja das Material merkwürdig um ein Thema, sobald man sich ihm zuwendet: Plötzlich fand ich zu meiner Unterhaltung auf meinem Nachttisch den Kunst-Mord-Krimi

Bielefeld&Hartlieb: Im großen Stil, Zürich 2015.

Wenn es weder mit dem Wealth Management noch mit dem Vermögen klappt, versuchen wir es doch mit Recherchen zu Romanzwecken in jenem Milieu.

[update 27.6.2015] Schief laufen kann es natürlich auch. Heute beginnt die Auktion des inhaftierten Kunstberaters Helge Achenbach in Düsseldorf. Interview mit dem Auktionator.

Schriften von Achenbach:
Der Kunstanstifter. Vom Sammeln und Jagen. Autobiografie, Ostfildern 2013

Vom Saulus zum Paulus. Kunst- und Architekturberatung, Regensburg 1995

Quellen:

https://www.staufenbiel.de/banking-finance/banking/berufsfelder/private-wealth-management.html

Crashkurs Private Banking von ZEIT online: http://www.zeit.de/2010/36/GS-Private-Banking-Crashkurs

Weiterlesen:
Suzanne Ziegler, Anita Sigg, Robert Fehr, Jérôme Zaugg, Hans Brunner, Roland Hoffmann: Die Neupositionierung des
Wealth Management in der Schweiz. Entwicklungen und ihre Auswirkungen auf die Soll-Kompetenzen in der Kundenberatung, Winterthur 2014, PDF

Sonderbeilage Wealth Management &Private Banking, Börsenzeitung, 2012

http://www.karriere.de/karriere/mit-kunst-geld-verdienen-8557/3/

Oh Schreck, die Geist kommt

Der Untergang der Männerkultur in den Geisteswissenschaften droht, schreibt Literaturwissenschaftler Manfred Schneider in einem „Kommentar zur Gleichstellung“ in der NZZ. Und: Diese Kultur wird nicht von der UNESCO gerettet werden, wie unbehaglich.

Was diese Männerkultur ausmacht? Sie denken jetzt vielleicht an gläserne Decken, das Prinzip der Ähnlichkeit bei der Stellenbesetzung oder das perfide „Die männliche Personenbezeichnung meint stets auch Frauen“ und eventuell auch das schöne Modell von Professor und weiblichem Fanclub. Doch Schneider meint: das Agonale. Neinnein, nicht die Hahnenkämpfe und das Duell, sondern „den Sinn dafür, dass auch in diesen Wissenschaften etwas auf dem Spiele steht“. Und das liegt irgendwie daran, „dass (die) Mehrzahl der Studierenden weiblich ist, die Mehrzahl der Lehrer und bald auch die der Professoren.“

Schneider schreibt, dass jede Wortmeldung zu diesem Thema unter Verdacht stehe – stimmt. Verdacht der Pfründensicherung zum Beispiel. Denn natürlich ist in einigen unserer Fächer die Mehrzahl der Studierenden weiblich, in der Germanistik etwa (76,6%), in der Anglistik (71,8%), doch in anderen Fächern ist es deutlich ausgewogener, z. B. in der Geschichtswissenschaft (56,1% männlich, 43,9% weiblich; Zahlen für das WS 12/13 nach Statistisches Bundesamt/bpb). Im Jahr 2013 hielten die Frauen unter den hauptberuflich wissenschaftlich Tätigen an Universitäten (Professorinnen, Assistentinnen, Dozentinnen, wiss. Mitarbeiterinnen, Lehrkräfte für besondere Aufgaben) in den Sprach- und Kulturwissenschaften 34,8% (Statistisches Bundesamt 2014, S. 93, 185). Es wird also noch etwas dauern, bis die Mehrzahl der Professuren von Frauen besetzt sein wird, geschweige denn, dass sie ihrem Studierendenanteil entsprechend auch auf Leitungsebene vertreten sein werden.

Aber geschenkt – die eigentliche Frage ist ja, inwieweit die Geisteswissenschaften alte Qualitäten aufgrund der vielen Studentinnen (die meist nicht Professorinnen werden) verlieren, also Entwicklung, Dynamik, agonale Leidenschaften, Beiträge zum Heil der Welt. Zugleich bilden sie neue Schwächen aus: Sie orientieren sich an Drittmittelprogrammen, folgen scharmützeligen Agenden mit Pop und Gender und so, pflegen Neuro-Speech und biedern sich bei der Hirnforschung an. Wegen der Frauen, also wegen der vielen Studentinnen, denn Männer, die derzeit noch mehrheitlich die Lehrstühle besetzen und die Wissenschaftspolitik der vergangenen Jahrzehnte gestalteten, können daran unmöglich beteiligt sein. Positiv gewendet schreibt Manfred Schneider somit den Studentinnen fast unglaublichen Einfluss zu, eine Einladung, nun wirklich gestalterisch tätig zu werden.

Doch bleiben Sie wach. Bourdieu schrieb, dass sich männliche Herrschaft u.a. insofern zeigt, als dass sie meint, keiner Rechtfertigung mehr zu bedürfen. Jetzt wird sie zudem streckenweise selbstmitleidig. Wehren Sie sich gegen die jüngst beobachtete Tendenz, Frauenförderprogramme für unsere Fächer als „karriereschädlich“ und nun auch noch „wissenschaftsfeindlich“ zu verunglimpfen. Denn diese Karriere soll vielleicht gar nicht stattfinden, zum Wohle der Disziplinen.

Aber vielleicht nehmen wir den ein oder anderen Ball auch auf, nachdem der erste Ärger über den Artikel verraucht ist – tatsächlich tragen unsere Debatten aktuell wenig zu den dringenden Themen der Welt bei. Tatsächlich wählen viele von uns nicht mehr frei ein Qualifikationsthema, sondern eines, das fördergelderoptimiert ist. Unabhängig vom Geschlecht.

Statistisches Bundesamt 2014: Bildung und Kultur. Personal an Hochschulen, vorläufige Ergebnisse vom 1. Dezember 2013, Wiesbaden 2014, PDF

Pierre Bourdieu: Die männliche Herrschaft, Frankfurt am Main 2005

Andrea Roedig: Strickliesel besiegt Gockelhahn, in: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/strickliesel-besiegt-gockelhahn-neues-aus-der-uni-debatte

History Faking statt History Marketing?

Der „Freitag“ bringt heute einen Beitrag von Martin Eich zum History Marketing, worst practice, der Kritik daran und der AG Angewandte Geschichte im Verband der Historiker und Historikerinnen (sic!) Deutschlands; lesenswert! Das Radiergummi als Arbeitsgrundlage von Geschichtsagenturen – dies allein den Kleinunternehmern zuzueignen ist allerdings auch eine dankbare Sache und entspricht der üblichen Warnung aus der Akademie: „Werden Sie keine Brotgelehrten!“ Viel schwerer tun wir uns z. B. große Automobilhersteller, Modeunternehmer oder Chemiekonzerne und deren Selbstüberlieferung nach ihren Auslassungen zu fragen. Oder auch die Historikerzunft selbst.

https://www.freitag.de/autoren/martin-eich/history-faking

Weiterlesen:

Wolfgang Hardtwig / Alexander Schug (Hg.): History Sells! Angewandte Geschichte als Wissenschaft und Markt, Stuttgart 2009

Brotgelehrte: Geschichtsagenturen, Historische Unternehmenskommunikation

AG Angewandte Geschichte im VHD

Marcel Bohnensteffen: Geschäft mit Hitler. 10 Deutsche Unternehmen und ihre Nazivergangenheit, in: The Huffington Post 8.6.2014

Winfried Schulze/Gerd Helm/Thomas Ott: Deutsche Historiker im Nationalsozialismus. Beobachtungen und Überlegungen zu einer Debatte, http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/beitrag/intervie/fischer/hins.htm (Print in: Winfried Schulze / Otto Gerhard Oexle (Hg.): Deutsche Historiker im Nationalsozialismus. Unter Mitarbeit von Gerd Helm und Thomas Ott, Frankfurt am Main 1999, S. 11-48)

Martin Sabrow: Das Diktat des Konsenses. Geschichtswissenschaft in der DDR 1949-1969, München 2001 (Besprechung in der ZEIT [vom ! :-)])