Der Untergang der Männerkultur in den Geisteswissenschaften droht, schreibt Literaturwissenschaftler Manfred Schneider in einem „Kommentar zur Gleichstellung“ in der NZZ. Und: Diese Kultur wird nicht von der UNESCO gerettet werden, wie unbehaglich.

Was diese Männerkultur ausmacht? Sie denken jetzt vielleicht an gläserne Decken, das Prinzip der Ähnlichkeit bei der Stellenbesetzung oder das perfide „Die männliche Personenbezeichnung meint stets auch Frauen“ und eventuell auch das schöne Modell von Professor und weiblichem Fanclub. Doch Schneider meint: das Agonale. Neinnein, nicht die Hahnenkämpfe und das Duell, sondern „den Sinn dafür, dass auch in diesen Wissenschaften etwas auf dem Spiele steht“. Und das liegt irgendwie daran, „dass (die) Mehrzahl der Studierenden weiblich ist, die Mehrzahl der Lehrer und bald auch die der Professoren.“

Schneider schreibt, dass jede Wortmeldung zu diesem Thema unter Verdacht stehe – stimmt. Verdacht der Pfründensicherung zum Beispiel. Denn natürlich ist in einigen unserer Fächer die Mehrzahl der Studierenden weiblich, in der Germanistik etwa (76,6%), in der Anglistik (71,8%), doch in anderen Fächern ist es deutlich ausgewogener, z. B. in der Geschichtswissenschaft (56,1% männlich, 43,9% weiblich; Zahlen für das WS 12/13 nach Statistisches Bundesamt/bpb). Im Jahr 2013 hielten die Frauen unter den hauptberuflich wissenschaftlich Tätigen an Universitäten (Professorinnen, Assistentinnen, Dozentinnen, wiss. Mitarbeiterinnen, Lehrkräfte für besondere Aufgaben) in den Sprach- und Kulturwissenschaften 34,8% (Statistisches Bundesamt 2014, S. 93, 185). Es wird also noch etwas dauern, bis die Mehrzahl der Professuren von Frauen besetzt sein wird, geschweige denn, dass sie ihrem Studierendenanteil entsprechend auch auf Leitungsebene vertreten sein werden.

Aber geschenkt – die eigentliche Frage ist ja, inwieweit die Geisteswissenschaften alte Qualitäten aufgrund der vielen Studentinnen (die meist nicht Professorinnen werden) verlieren, also Entwicklung, Dynamik, agonale Leidenschaften, Beiträge zum Heil der Welt. Zugleich bilden sie neue Schwächen aus: Sie orientieren sich an Drittmittelprogrammen, folgen scharmützeligen Agenden mit Pop und Gender und so, pflegen Neuro-Speech und biedern sich bei der Hirnforschung an. Wegen der Frauen, also wegen der vielen Studentinnen, denn Männer, die derzeit noch mehrheitlich die Lehrstühle besetzen und die Wissenschaftspolitik der vergangenen Jahrzehnte gestalteten, können daran unmöglich beteiligt sein. Positiv gewendet schreibt Manfred Schneider somit den Studentinnen fast unglaublichen Einfluss zu, eine Einladung, nun wirklich gestalterisch tätig zu werden.

Doch bleiben Sie wach. Bourdieu schrieb, dass sich männliche Herrschaft u.a. insofern zeigt, als dass sie meint, keiner Rechtfertigung mehr zu bedürfen. Jetzt wird sie zudem streckenweise selbstmitleidig. Wehren Sie sich gegen die jüngst beobachtete Tendenz, Frauenförderprogramme für unsere Fächer als „karriereschädlich“ und nun auch noch „wissenschaftsfeindlich“ zu verunglimpfen. Denn diese Karriere soll vielleicht gar nicht stattfinden, zum Wohle der Disziplinen.

Aber vielleicht nehmen wir den ein oder anderen Ball auch auf, nachdem der erste Ärger über den Artikel verraucht ist – tatsächlich tragen unsere Debatten aktuell wenig zu den dringenden Themen der Welt bei. Tatsächlich wählen viele von uns nicht mehr frei ein Qualifikationsthema, sondern eines, das fördergelderoptimiert ist. Unabhängig vom Geschlecht.

Statistisches Bundesamt 2014: Bildung und Kultur. Personal an Hochschulen, vorläufige Ergebnisse vom 1. Dezember 2013, Wiesbaden 2014, PDF

Pierre Bourdieu: Die männliche Herrschaft, Frankfurt am Main 2005

Andrea Roedig: Strickliesel besiegt Gockelhahn, in: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/strickliesel-besiegt-gockelhahn-neues-aus-der-uni-debatte