„Es lohnt sich nicht, über Gründerinnen und Gründer aus den Geisteswissenschaften zu sprechen. Das sind sowieso alles prekäre Existenzen,“ so zitierte eine Freundin einen IHK-Vorsitzenden, der beim CareerService ihrer Universität vortrug. Das fordert natürlich mindestens zwei Fragen heraus:
1. Stimmt das? Sind solche Aussagen von Sachverstand getragen?, und
2. Welches Selbstverständnis hat der Mann? Es lohnt sich nicht, über Gründungen von Hochschulabsolventen zu sprechen, die aus bestimmen Fächern kommen? Warum werden die nicht besser beraten?

Punkt 1 stimmt natürlich nicht in dieser Pauschalität. Zu den erfolgreichsten Start-Ups der letzten Jahre zählen Gründungen, an denen GeisteswissenschaftlerInnen mindestens beteiligt waren. Und schon immer gab es FreiberuflerInnen, die durchaus von geisteswissenschaftlichen Dienstleistungen leben konnten – Lektoren, Übersetzerinnen, Genealogen, Schriftstellerinnen etc. Aber es gab auch immer diejenigen, die es nicht konnten. Nun können wir ungefähr schätzen, wer zu jener Gruppe gehört: Wenn die Mehrheit der Absolventen weiblich ist und zugleich die Mehrheit der Stelleninhaber in den klassischen Berufen des öffentlichen Dienstes, im Journalismus und im Verlagswesen männlich, wenn zudem der Kultursektor überwiegend von Selbstständigen getragen wird, dann sind mehr Frauen als Männer von der Notwendigkeit zur Gründung betroffen.

Aus meiner Erfahrung und Beobachtung (teils bestätigt durch eine FACE-Studie) möchte ich ergänzen: Viele Frauen gründen insbesondere in den Jahren Unternehmen, in denen sie zugleich Familien gründen, und ja: Es besteht ein kausaler Zusammenhang, der mit Schwierigkeiten am „Angestellten-Markt“ zu tun hat. Es geht nicht in erster Linie um „Kind und Karriere“. Es geht um die Möglichkeit, überhaupt Geld zu verdienen und arbeiten zu gehen, während die Kinder (oder auch andere Angehörige) versorgt werden müssen. Ich denke, man darf von HochschulabsolventInnen besondere Leistungen einfordern. Doch der Kontext, in dem diese erbracht werden müssen, braucht eine Gestaltung, die erfolgreiches Arbeiten ermöglicht. Zeitverträge, die während des Mutterschutzes auslaufen, Vorgesetzte, die einvernehmlich beschließen, eine Position könne nun nicht mehr zu Ihren Plänen passen, Elterngeldstellen, die Vätern von mehr als zwei Monaten abraten, da sie sonst „keinen Fuß mehr auf den Boden bekämen“ etwa erschweren das Arbeiten erheblich. Darum gründen Frauen aus unseren Fächern meist anders und aus anderen Gründen als Männer:

  • Sie wollen eigentlich nicht Unternehmerin sein, sondern vornehmlich irgendwie Geld verdienen, solange eine Anstellung nicht möglich oder unzumutbar ist.
  • Sie sind darum oft schlecht vorbereitet und wenig enthusiastisch.
  • Sie gründen häufiger als Nebenerwerb.
  • Sie scheuen Schulden und gründen auf dünnem finanziellem Fundament.
  • Sie übernehmen den Großteil der Kindererziehung und des Haushalts und verlassen ggf. ihr berufliches und persönliches Umfeld, damit der Hauptverdiener eine Stelle antreten kann.
  • Sie gründen häufiger in scheinbar wissenschaftsfernen Bereichen – z. B. DIY, Mode, E-Commerce – oder entwickeln Formate, die explizit mit Kindern zu tun haben – Work-Life-Balance-Beratung, Coaching für Mütter, Kindergeburtstagspartyservices.

Die ersten fünf Punkte tragen wesentlich dazu bei, dass Gründerinnen aus den Geisteswissenschaften „prekäre Existenzen“ werden. Das wenige Geld und die fehlende Absicherung bedeuten allerdings nicht notwendig, dass die Gründerinnen unzufrieden wären. Zumindest nicht für den Moment.

Der letzte Punkt trägt dazu bei, dass nicht nur in der klassischen Wertung von wirtschaftlichem Erfolg Gründungen aus unseren Fächern nicht ernst genommen werden, sondern auch aus unseren Fächern selbst. „Wofür haben die denn studiert, wenn sie dann Yogalehrerinen werden?“ (wahlweise auch „dawanda-Shops eröffnen?“), lautet nicht selten die Reaktion von KollegInnen oder Studierenden, wenn ich von solchen Beispielen berichte – und zwar unabhängig davon, ob beruflicher und persönlicher Erfolg mit diesen Tätigkeiten einhergehen.

Wenig Geld, wenig Status – als geisteswissenschaftliche Mutter zu gründen, geht mit sozialen Risiken einher. Nicht einmal mehr der Rückzug auf den kulturellen Wert der eigenen Tätigkeit, der sich in Geld nicht ausdrücken lässt, kann aus dem Studium herübergerettet werden.

Das bedeutet häufig, dass die Entscheidung für ein Leben, in dem Familie und Beruf vorkommen, einen Milieuwechsel erzwingt, zumal in ein Milieu, auf das wir im Studium nicht vorbereiten. Es ist wichtig, sich diese Veränderung bewusst zu machen,
nicht nur wegen der Kunden, die uns sonst als weltfremd wahrnehmen,
auch nicht nur wegen der Kollegen, die im klassischen Bereich bleiben und uns als „gescheitert“ abstempeln,
erst recht nicht wegen der Banken, die mit uns oft überhaupt nichts anfangen können,
sondern wesentlich um unserer eigenen Wertschätzung willen. Wir können nicht mit Leistungsmaßstäben der Wissenschaft die Performance von selbstständigen Eltern bewerten.

Mütter, die diesen Weg gehen, können glücklicherweise inzwischen auf Beratungen und Netzwerke außerhalb der Universitäten zurückgreifen. Wirtschaftsförderungsgesellschaften an Universitätsstandorten kennen die regionale Wirtschaft oft besser. Das Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie hat ein Gründerinnenportal eingerichtet. Das Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung widmet sich in dem Projekt „Female Acedemic Entrepreneurs“ explizit und handlungsorientiert dem Gründungsverhalten von Frauen, gerade auch aus den Geisteswissenschaften, und dem gender gab im Gründungsgeschehen.

Im Netz finden Sie natürlich viele Angebote zur Information und Unterstützung bei der Ausbildung einer neuen Peergroup. Motherbook ist ein Projekt von Müttern, „wissenschaftlich fundiert, akademisch angehaucht und dennoch nah am Leben“, das zum Ziel hat, Mütter in den spezifischen Lebensphasen zu verbinden, zu stärken und zu unterstützen. Inspirierend finde ich sowohl die Idee zur Matrisophie als auch den Blog BLOMM – Blogger meet mompreneurs. Die Mompreneurs – als Netzwerk und Wegweiser für selbstständige Mütter – haben eine eigene Website, die natürlich auch den Besuch lohnt.

Wenn Sie auf der Suche nach Rolemodels durch das Netz surfen, werden Sie schnell feststellen, dass erfolgreiche Mompreneurs, zumal aus unseren Fächern, meist in Berlin, Frankfurt, München anzutreffen sind. Es sei dahingestellt, ob der Eindruck aufgrund der Suchmaschinen entsteht. Meiner Erfahrung nach ist allerdings die gesellschaftliche und damit auch akademische Offenheit für ungewöhnliche Lebensläufe dort höher, wo ungewöhnliche Lebensläufe ohnehin anzutreffen sind: im Umfeld von Avantgarde, Exzellenz und Urbanität.

Fazit

Unsere Fächer brauchen grundsätzlich eine Gründerkultur. Jenseits der Akademie gibt es sie bereits – warum lassen wir sie nicht freudiger und mit mehr Neugierde hinein? Sie brauchen auch eine weniger zölibatär angelegte Kultur des Privatlebens, die eine Entscheidung für Kinder nicht zugleich sofort als Entscheidung gegen die Akademie auslegt. Wir zählen es zu unseren Schlüsselqualifikationen, Wirklichkeiten nicht als alternativlos zu denken, methodisch vielseitig vorgehen zu können, eine Sprache für das noch Unbekannte, Unerhörte zu finden. Unternehmertum mit Kindern fordert uns eben diese Fähigkeiten ab und prägt sie aus. Wenn wir in der Lage sind, dies sowohl zu reflektieren als auch zu monetarisieren, profitieren wir als Zunft.

Literatur z. B.
Susanne Bohm: KarriereKickKind, Nürnberg 2006
Christine Weiner: Ab durch die Decke. Erfolgsstrategien für Frauen, die nach oben wollen, München 2014
Martin Massow: Freiberufler Atlas, Berlin 2015
Sheryl Sandberg: Lean In. Freuen und der Wille zum Erfolg, Berlin 2013
Sabine Asgodom: Der süße Duft des Erfolgs. Souverän auf eigenen Wegen, München 2014
Petra Bock: Nimm das Geld und freu dich dran, München 2008