Schnell liegt der Ruch von Lobbyarbeit – Political Affairs –  in der Luft. Wollen Sie etwa nach Ihrem von der Allgemeinheit bezahlten Studium der Energie-, Pharma- und Rüstungswirtschaft das Wort reden? Brotgelehrte!
Aber auch „die Guten“ (füllen Sie dies am besten mit Ihrer eigenen Vorstellung) betreiben Lobbyarbeit – auch NGOs, LobbyControl, Anti-Lobbyisten, Berufsverbände. Im Zentrum steht die Netzwerkarbeit der Unternehmen und Organisationen mit dem politischen Feld bzw. mit der Legislative. Trotzdem: Das Image dieses Berufes ist schlecht.

Doch Politikberatung ist nicht gleichzusetzen mit Lobbyarbeit. Als Hochschulabsolventin liegt der Weg zur wissenschaftlichen oder zur kommunikativen Politikberatung näher. Wissenschaftliche Politikberatung meint im engeren Sinn den Transfer von wissenschaftlichen Erkenntnissen in die politische Praxis, etwa zur die Unterstützung und Fundierung von Anträgen, Programmen, Projekten oder Gesetzesentwürfen. Politikberater erstellen z. B. Auftragsstudien, die Anträge mit überprüfbaren und validen Informationen ausstatten, die als Argumente in Debatten Gewicht haben. Sie kann aber auch auf kommunaler Ebene stattfinden, etwa in der Beratung und im Projektmanagement zur kommunalen Wasserwirtschaft oder den praktischen Notwendigkeiten angesichts der demographischen Entwicklung. Oder Politikberater arbeiten in der Vermittlung zwischen Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft, z. B. als Experten, die politische Entscheidungen und Prozesse in Kontexte einordnen und erläutern. Hier verläuft die Grenze zur kommunikativen Politikberatung fließend; zu deren Aufgaben zählen Öffentlichkeitsarbeit, Kampagnenberatung und auch Coaching.

Qualifikation

Ein Studium der Politik- oder Sozialwissenschaften und Soziologie liegt wohl am nächsten, doch auch eine politische Schwerpunktsetzung in Geschichte oder Philosophie weist noch deutliche Bezüge in das Berufsfeld auf – ganz abgesehen vom persönlichen Interesse, das darin zum Ausdruck kommt. Aus den anderen geisteswissenschaftlichen Fächern können aber Spezialisten ebenfalls interessant sein. Unterschätzen Sie den Stallgeruch einer Universität bzw. eines Fachbereichs, eines Fachs und auch der Stadt oder Region, in der Sie leben, nicht – setzen Sie sich mit den latenten Vorurteilen von „konservativen“ Historikern und „linken“ Soziologen, von „konservativer“ Provinz und „progressiver“ Metropole auseinander.

Die Qualifikation über das Studium hinaus erfolgt in Agenturen in der Regel über einen Einstieg als Trainee. [update 15.10.15] Zum Berufseinstieg im Beratungsgeschäft insgesamt war heute ein Beitrag auf ZEIT online: Link

Ein spezielles Masterprogramm gibt es aktuell nur an der Universität Halle-Wittenberg: Empirische Ökonomik und Politikberatung (M.Sc.); Voraussetzung ist ein Bachelorabschluss in den Wirtschaftswissenschaften.

Persönlichkeit und Interessen

Dass Sie sich für Politik interessieren sollten, liegt auf der Hand. Ob Sie sich eher für die globale oder lokale oder deren Interdependenzen interessieren, kann relevant für die Wahl Ihres Studien- bzw. Praktikumortes sein sowie für die Schwerpunktbildung Ihres beruflichen Profils.

Da das Stöhnen über die Komplexität der Welt nicht nur modisches Attribut ist, sondern mitunter durchaus aktuelle Herausforderungen abbildet, sollten Sie damit einen guten Umgang pflegen – Kontexte schnell durchdringen, revisionsfreudig, lernbegierig, klar in der Vermittlung sein. Sie sollten zudem gut kommunizieren können, denn gleichgültig, welche Art der Politikberatung Sie wählen, stets geht es um Netzwerkarbeit, Teambildung und das Initiieren und Moderieren von Prozessen. Diese werden, selbst wenn Institutionen die Auftraggeber sind, immer von Menschen gestaltet. Hartnäckigkeit (Sie beraten Beamte! :-)), Charme, Überzeugungskraft, Konfliktfähigkeit folgen logisch als sinnvolle Eigenschaften. Da mindestens bei der Beratung öffentlicher Einrichtungen eine Dokumentation des Projekts erfolgen muss, ist auch Sorgfalt gefragt. Wie häufig im Consulting wird eine hohe Leistungsbereitschaft und Disziplin erwartet, mit Arbeitszeiten, die weit über 40 Wochenstunden hinausgehen.

Und das Geld? Die Einstiegsgehälter liegen zwischen 15.000 Euro pro Jahr für Volontäre oder Trainees in inhabergeführten Agenturen, ca. 30.000 bis 35.000 Euro im öffentlichen Dienst (etwa als Angestellte von Abgeordneten) und ca. 35.000 bis 45.000 Euro bei Beratungsunternehmen.

Einstiege

Die erste Möglichkeit besteht in der Bewerbung bei den großen Consultingagenturen (für die Bereiche „Public“, „Public Services“ oder „Öffentlicher Sektor“ z. B. bei den Beratungsfirmen Capgemini, Roland Berger, Steria Mummert Consulting, Kienbaum, McKinsey). Neben diesen bekannten Häusern gibt es viele kleine Agenturen; schauen Sie zur Orientierung einmal in das Mitgliederverzeichnis der Deutschen Gesellschaft für Politikberatung. Unmittelbar nach dem Studium kann ein Einstieg als Trainee erfolgen oder – bei hoher Expertise in einem Bereich, z. B. aus eigener politischer Erfahrung, Verwaltungstätigkeit oder Promotion – auch direkt in eine Consultingstellung.

Die zweite Möglichkeit ist eher mittelbar: Die Beratungsunternehmen suchen und rekrutieren Mitarbeiter aus der Verwaltung.

Die dritte Möglichkeit ist wie immer: Selbstständigkeit.

Florian Busch-Janser merkt zur Stellensituation an, dass die Politikberatung ein schwieriger Karriereweg ist. Agenturen scheuten eine Festanstellung, da die öffentlichen Etats zeitlich begrenzt sind und damit die Personalplanung erschweren. Andere Anstellungsverhältnisse, etwa bei einer Abgeordneten, sind an deren Mandat und die persönliche Beziehung gebunden. Drittens erschweren das Recruitment der Beratungsfirmen in der Verwaltung oder in anderen Abteilungen des eigenen Unternehmens den Einstieg für Absolventen.

Verbände/ Berufsvertretungen

Deutsche Gesellschaft für Politikberatung: http://www.degepol.de/ (mit Stellenbörse)

Literatur

Jürgen Habermas: Verwissenschaftliche Politik und öffentliche Meinung, in: ders.: Technik und Wissenschaft als Ideologie, Frankfurt am Main 1968/2003, S. 120-145

Florian Busch-Janser et al. (Hg.): Politikberatung als Beruf. 2007

Jakob Lempp/ Angela Meyer (Hg.): Politikberatung, Political Science Applied, 2.2013

Christoph Lixenfeld: Politikberater: Der Rausch ist verflogen. Wer die öffentliche Hand berät, braucht andere Qualitäten als Consultants für die Industrie, in: Die ZEIT 41/2012

Links

http://www.gegenworte.org/heft-27/gegenworteheft27.html

www.polisphere.eu