Fachkompetenzen

Absolventenstudien zu Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftlern (s.u.) zeigen im Schnitt recht deutlich, dass die meisten von uns nach wie vor in affine Berufe gehen, und zwar affin im Sinne einer inhaltlichen, methodischen oder/und sozialen Kontinuität des Studiums. Mit sozialer Kontinuität meine ich die Zugehörigkeit zum System Wissenschaft oder Bildungswesen etc., also z.B. Tätigkeiten im Wissenschaftsmanagement, im Stiftungswesen oder bei Wissenschaftsverlagen. Dies gilt insbesondere für die Jahre des Berufseinstiegs. Die mitunter individuellen oder gar selbst erfundenen Berufe, die hier im Blog vorgestellt wurden, sind häufig das Ergebnis einer jahrelangen Formations- und Erfahrungsphase, und auch sie weisen überwiegend die Weiterentwicklung oder Transformation von Studieninhalten oder -methoden auf. Wenn ich auf Jobmessen mit Personalern oder Arbeitgebern sprach, so interessierten sie sich weniger dafür, ob wir irgendwie nachqualifizierbare BWLer hervorbringen, als dafür, was wirklich der Kern unserer Fächer ist.

Personaler: „Geschichte studieren Sie? Aha. Das bedeutet, Sie können …?“

Student: „Allgemeinbildung.“

Das stimmt natürlich. Und ist doch eine so fatale Antwort, weil die Idee, wir seien großartige Generalisten, uns hindert, großartige Fachkräfte zu sein – zumal die meisten, mit denen ich bislang gearbeitet habe, eine hohe inhaltliche Motivation durch die Tiefen des Studiums trug. Sie streben Fachlaufbahnen an und keine klassische Führungskarriere.

Es ist auch in Hinblick auf die professionelle Identität kein befriedigendes Gefühl, die eigenen Kompetenzen nicht beschreiben zu können – zumal es zu unseren fachübergreifenden Schlüsselkompetenzen gehört, Dinge zu definieren. Fachkompetenzen grenzen berufliche Identitäten von GeisteswissenschaftlerInnen untereinander ab. Doch es ist gar nicht so leicht, zu benennen, welche fachlichen Fähigkeiten wir tatsächlich haben. Jemand, der Philosophie und Alte Geschichte studiert hat, kann tatsächlich andere Dinge tun als jemand, der Soziologie, Anglistik und Zeitgeschichte studiert hat, und es ist fahrlässig, diese beiden sehr unterschiedlichen Profile von Beginn an als „irgendwas mit Schlüsselkompetenzen“ zu verwässern. Hinzu kommen die spezifischen Lehrangebote, die Schulen und Konventionen des Studienstandorts.

Mitunter verläuft auch die Grenze zwischen Fach- und Schlüsselkompetenz nicht eindeutig. Oder sie verschiebt sich, hier am Beispiel „Lesen“: Zeitunglesen – Kulturkompetenz, wissenschaftliche Texte lesen – überfachliche Schlüsselkompetenz, Lesen von Abbreviaturen in archivalisch überliefertem Verwaltungsschriftgut – Fachkompetenz, hier von Historikern. Wir müssen im Blick behalten, auf welcher Ebene wir hier je arbeiten.

Wo erfahren Sie etwas über die Fachkompetenzen, die Sie in Ihrem Studium ausbilden können?
In den Modulhandbüchern etwa, auf den Profilseiten Ihrer Institute, in der Studienliteratur zur jeweiligen Fachmethodik. Aber auch in Stellenausschreibungen affiner Tätigkeiten. Letztlich können Sie auch mit den Perspektiven spielen: Sie können Kompetenzen aus Ihrem Studienfach heraus denken, und in den Blick nehmen, welche Anforderungen an konkrete Berufsbilder geknüpft sind. Dann wird vermutlich ein Fächer aufgehen, der aus vier Komponenten besteht:

  1. Methodenwissen (z.B. quantitative oder hermeneutische Verfahren, Interpretation, Heuristik, Methoden aus den Hilfs- und Grundwissenschaften der Fächer zum Daten- und Erkenntnisgewinn),
  2. Fachwissen (u.a. Fachsprache, Kanonwerke, Theorien und Schulen, Wissen um Hilfs- und Arbeitsmittel und fachliche Institutionen)
  3. Fachübergreifende Schlüsselkompetenzen (etwa Professionalisierung von Kulturkompetenzen wie Lesen, Schreiben, Präsentieren, Fremdsprachen, Fähigkeit zur wissenschaftlichen Arbeit, Einsatz von einschlägiger Software, Meinungsfähigkeit, Fähigkeit zum Transfer zwischen Abstraktem und Konkretem)
  4. Soft skills (Kommunikationsfähigkeit, Durchhaltevermögen, Ambiguitäts- und Frustrationstoleranz etc.)

Jetzt, wo ich es schreibe und lese, ist es so selbstverständlich und banal. Aber in den Fächern haben wir vielleicht ein wenig zu sehr darauf vertraut, dass Außenstehende diese Selbstverständlichkeiten auch sehen, Studierende sie intuitiv erfassen. Die Professionalisierung und auch die PR des generalistischen Zugriffs auf die Geisteswissenschaften, die „Kompetenzorientierung“ mit „Schlüsselkompetenzorientierung“ gleichsetzten, waren in den vergangenen Jahren einfach agiler. Zeit für eine Selbstbetrachtung.

Die meisten von uns haben sich für geisteswissenschaftliche Disziplinen aus  persönlichem Interesse entschieden. Die meisten von uns sind überzeugt davon, dass wir und unsere Fächer einen wertvollen gesellschaftlichen Beitrag leisten. Diesen Transfer von persönlichem Interesse zu gesellschaftlichem (oder betrieblichem) Beitrag sollten wir erklären können. Das Wissen um unser Können erlaubt es uns, „Kompetenz“ in Handlungen oder Produkte zu verwandeln und angemessen sichtbar zu werden.

Referenzen/Hinweise:

Vera Nünning (Hg.): Schlüsselkompetenzen: Qualifikationen für Studium und Beruf, Stuttgart 2008

Monika Bethscheider / Gabriela Höhns / Gesa Münchhausen (Hg.): Kompetenzorientierung in der beruflichen Bildung, Gütersloh 2011

Rolf Arnold: Ermöglichen: Texte zur Kompetenzreifung, Baltmannsweiler 2012

siehe auch die Veröffentlichungen von John Erpenbeck zum Thema Kompetenz

http://www.stifterverband.de/pdf/schluesselkompetenzen_und_beschaeftigungsfaehigkeit_2004.pdf

Absolventenstudien z.B:

HIS-Studie Gregor Fabian

Bundesbericht wissenschaftlicher Nachwuchs (2013): http://www.buwin.de/site/assets/files/1002/6004283_web_verlinkt.pdf

DZHW-Absolventenuntersuchung 2016:
www.dzhw.eu/pdf/pub_fh/fh-201604.pdf

KOAB/INCHER: Vergleich der Berliner Universitäten mit dem Bundesdurchschnitt in zentralen Indikatoren der Absolventenbefragung, Kassel 2015

sowie ausgewählte Alumnibefragungen der Uni Heidelberg, Uni Paderborn, TU Dresden, RU Bochum.

Literaturagenten – Die 007 der Bücher?

von Isabel Steinbach

In der Buchbranche kommt langsam an, was bei Schauspielern und Musikern bereits seit Jahren selbstverständlich ist: Autoren engagieren Agenten, die für sie die Verlagssuche und die Vertragsverhandlungen übernehmen. Doch im Gegensatz zu hoffnungsvollen Autoren sind Agenten rar. Ideale Voraussetzungen für Kulturwissenschaftler auf Jobsuche, doch seinerseits voraussetzungsreich, denn, dies sei vorweggenommen: Literaturagent ist kein Einsteigerjob, sondern eher ein mittelfristiges Ziel. Wie wird man nun Literaturagent? Und was macht man dann überhaupt?

Arbeitsfelder:

Literaturagenten sind Mittler zwischen Autor und Verlag. Sie beraten ihre Autoren in kreativer, juristischer und strategischer Sicht und handeln für sie die Verträge aus. Ihr Arbeitsbereich beginnt bei der Prüfung von Manuskripten. Diese werden meist in der Freizeit gelesen, da im normalen Arbeitsalltag kaum Zeit dafür ist. Aus der Flut von Bewerbern werden allerdings nur wenige ausgewählt. Im Normalfall sind die Klienten schon erfahrene Autoren oder haben wenigstens schon vorher ein Werk veröffentlicht. Häufig suchen Agenten für Verlage nach erfolgreichen Titeln im Ausland, um die Rechte für die Übersetzung und den deutschsprachigen Markt zu übernehmen.

Ist der Autor ein Klient des Literaturagenten, fängt die Arbeit erst richtig an. Bevor das Manuskript den Verlagen vorgestellt wird, übernimmt der Agent bereits ein Lektorat. Dadurch kann dem Verlag ein qualitativ hochwertigeres Produkt vorgestellt werden, was auch eine bessere Verhandlungsbasis für das Autorenhonorar bietet.

Bei den Vertragsverhandlungen vertritt der Agent die finanziellen Interessen des Autors, sucht ihm aber auch den Verlag mit dem idealen Programmumfeld, mit dem der Autor langfristig arbeiten kann. Wichtig sind außerdem die Lizenzen der Nebenrechte wie Übersetzungen und Verfilmungen, für die der Agent zuständig ist.

 

Qualifikation Wanted:

Ein Literaturagent muss ein leseversessener Alleskönner sein. Er braucht ein großes Netzwerk in der Buchbranche und muss die Verlagsprogramme genau kennen, damit er seine Autoren an den richtigen Verlag vermitteln kann. Er sollte kommunikativ sein und gerne mit Menschen arbeiten, da allerlei Kontakte gepflegt werden müssen, vom Lektorat bis zur Pressestelle. Zudem sind auch wirtschaftliche Kenntnisse von Nöten, da auch viel Buchhaltungsarbeit erledigt werden muss.

Außerdem soll der Agent den Autoren mit Rat und Tat zur Seite stehen, er begleitet ihn von der ersten Idee bis zur öffentlichen Lesung. Er sollte deswegen über Einfühlungsvermögen und Verhandlungsstärke verfügen.

Den Buchmarkt muss der Literaturagent natürlich genau kennen und dabei den richtigen Riecher besitzen, welches Buch das Zeug zum Erfolg hat. Dazu gehört es auch, eigene Ideen einzubringen und ein Gespür für Trends zu haben. Wichtig ist außerdem ein sehr breites Allgemeinwissen.

Wo wird gearbeitet?

Als Literaturagent arbeitet man entweder selbstständig oder festangestellt in einer Agentur.  Er kann von Autoren aber auch von Verlagen engagiert werden. Wenn er für einen Verlag arbeitet, sucht er Autoren nach bestimmten Vorgaben. Andersherum sucht er passende Verlage für den Autor.

Ausbildung:

Ein kulturwissenschaftliches Studium wie Literaturwissenschaft oder Germanistik ist eine gute Basis. Hier lernt man die Vorgänge der Buchherstellung kennen und bekommt wichtige Werkzeuge der Textarbeit an die Hand. Weitere Zusatzqualifikationen durch andere Studiengänge wie Geschichte, Soziologie usw., erweitern das Allgemeinwissen und heben dich von anderen Bewerbern ab, was für spezialisierte Verlage und Autoren wichtig sein kann.

Ihr könnt Euch vorstellen, dass ein bereits gut gefülltes Adressbuch Voraussetzung ist, denn wie wollt Ihr Autoren und Verlage zusammenbringen, wenn Ihr weder die einen, noch die die anderen kennt? Literaturagent ist also ein Beruf, der sich für den Einstieg nicht so sehr eignet, aber Entwicklungsziel sein kann. Es sei denn, Ihr spezialisiert Euch früh auf Autoren und Verlage in einem Gebiet, in dem Ihr ohnehin gut vernetzt seid. Sonst aber sollte das Buchgeschäft durch Praktika in Verlagen oder Literaturagenturen noch intensiver erkundet werden, um die Chancen für eine Einstellung bzw. einen Auftrag zu erhöhen. Literaturagenten waren vorher häufig Lektoren, wodurch bereits wichtige Kontakte geknüpft werden können. Es ist aber auch ein Direkteinstieg durch ein Volontariat oder Praktikum möglich.

Heinke Hager ist ein Beispiel für eine sehr erfolgreiche Kulturwissenschaftlerin, die nach ihrem Germanistik- und Filmstudium bei dem Agentur-Startup Graf&Graf einstieg, welches heute eine der bekanntesten Literaturagentenagentur ist. In einem Interview (findet Ihr wenn Ihr auf den Namen klickt) bestätigt sie, dass ihr Germanistikstudium für die Grundlagen sehr wichtig war und dass sie in den Rest mit der Zeit hineingewachsen ist.

Gehalt:  

Literaturagenten arbeiten mit Erfolgsprovisionen. Üblich in der Branche sind 10% – 15% des Autorenhonorars. Damit verdienen angestellte Literaturagenten ähnlich viel wie Lektoren in Verlagen. Die Spanne reicht dabei von 40.000 bis 60.000 Euro brutto im Jahr.

Volontäre in Literaturagenturen können ebenfalls mit demselben Gehalt wie in einem Verlag rechnen: monatlich etwa 900 Euro brutto.

Wichtig bei der Bewerbung ist es, dass ihr euch an eine seriöse Agentur wendet. Weil die Bezeichnung „Literaturagent“ nicht geschützt ist, gibt es viele unseriöse Agenturen. Erkennbar sind sie meist dadurch, dass sie im Vorfeld Geld von den Autoren verlangen.

Weitere Kriterien, um sie zu erkennen erhaltet ihr hier. Und eine Liste mit seriösen Agenturen, hier.

Link zu einer Praktikumsstelle: http://www.schoneburg.de/information/stellen-2/

 

Fazit:

Die Zukunftsaussichten stehen gut, Verlagen werden ausgedünnt, es gibt immer weniger festangestellt Lektoren. Umso wichtiger macht das externe Literaturagenturen, die ein qualitativ hochwertiges Manuskript, perfekt zugeschnitten auf das Verlagsprogramm abliefern. Die Verträge werden außerdem durch Nebenrechte für Filme, eBooks, Übersetzungen immer komplizierter, was es für Autoren schwierig macht den Überblick zu behalten. Für beide Seiten bietet der Literaturagent damit seine Vorteile.

Alles in allem ist der Literaturagent ein Job für Multi-Tasker. Er muss sich in der Bücherbranche auskennen, die richtige Spürnase für Trends haben und auch wirtschaftliches Wissen besitzen. Dabei muss man gleichzeitig Einfühlungsvermögen und Verhandlungsgeschick beweisen. Das macht den Literaturagenten zu einem anspruchsvollen Beruf, der auch sehr zeitintensiv ist. Die Liebe zu Büchern, zu Menschen und zu Netzwerkveranstaltungen muss also auf jeden Fall vorhanden sein.

 

Links:

http://www.dieterwunderlich.de/links_literaturagenturen.htm

http://www.text-manufaktur.de/literaturagenturen.html

http://www.zeit.de/karriere/beruf/2012-03/beruf-literaturargent

http://www.andreaseschbach.de/schreiben/fragen/agentur/agentur.html

Bekenntnisse eines Literaturagenten: Eine Anleitung zur Karriere als Bestseller-Autor

Interview mit Literaturagent Patrik Baumgärtel (BR)