Im Zukunftsgestalter-Seminar in Paderborn gehen wir in die letzte Runde. Nach Tätigkeiten in den „Zukunftsbranchen“ nach Richard Reich – Computing, Consulting, Coaching, Caring und Catering – arbeiten wir nun einige Sitzungen lang an Konzepten zur freiwilligen, unfreiwilligen und nebentätigen Selbstständigkeit. Prompt sinkt die Teilnehmerzahl auf die Hälfte. 🙂 Das ist schade, gehören doch unsere Absolventen traditionell zu den Selbstständigen in den Freien Berufen, und niemand käme bei den anderen Freiberuflern Architekten, Juristinnen, Steuerberatern oder Ärztinnen ernsthaft auf die Idee, miese Stimmung zu verbreiten, will jemand in eigener Büro, Kanzlei, Praxis tätig sein. Es braucht eben gute Vorbereitung.

Nun also standen die Ideen der Teilnehmerinnen im Zentrum der Arbeit: z.B. ein Kulturcafé, eine e-Book-App, online-Reiseservices für junge Frauen, Coaching und eine regionale Künstleragentur.  Mit der Business Model Canvas erarbeiteten wir erste Strukturen. Anschließend war es interessant zu sehen, an welchen Stellen die Kommilitoninnen jeweils Schwierigkeiten bekamen – es waren nämlich nicht die gleichen:

  • Wieviel Startkapital braucht ein Kulturcafé, und woher kann es kommen?
  • Welche Partner brauche ich für ein e-Book-App-Business, wenn ich die App nicht selbst programmiere, die Bücher nicht selbst schreibe, noch keine Verträge mit Verlagen habe?
  • Wer sind meine Kunden? Alle natürlich, aber nochmal: Wer sind meine Kunden, und wie erreiche ich sie?
  • Ich habe alles ausgefüllt. Mich überzeugt aber meine eigene Idee nicht. Was nun?
  • Was werden eigentlich meine Tätigkeiten sein?
  • Wie unterscheidet sich das, was ich tue, von dem Wert für den Kunden?

Insbesondere die letzte Frage macht viele Schwierigkeiten – auch, wenn die Frage selbst so klar und berechtigt scheint. In den letzten Workshops war dies auch immer ein Knackpunkt: Viele glauben, dass in der eigenen Tätigkeit bereits der Wert für den Kunden liegt und empfinden es sogar als Kränkung, dass der Wert, den ich selbst meiner Arbeit zuschreibe (oder den sie für mich hat), für den Kunden keine Rolle spielt.
Z.B. bereite ich enzyklopädisch Wissen auf – die Kunden wollen aber kein allgemeines Info-Exposé, keine Enzyklopädie, keine Wahlmöglichkeiten und auch keine Erkenntnis, sondern eine konkrete Information zu einem konkreten Problem. Die erreiche ich aber erst, nachdem ich das Feld erarbeitet habe. Oder ich ringe mir in harter Arbeit Satz um Satz ab, suche nach passenden Quellenzitaten und zeitgenössischen Abbildungen, erarbeite eine Struktur für eine Veranstaltung, und der Wert für die Teilnehmerinnen besteht in Leichtigkeit und Unterhaltung. So geht es vermutlich auch jeder Romancière.

Diese beiden Beispiele zeigen keine Enttäuschung oder Fehlschläge. Sie zeigen, dass ich meine Dienstleistung multiperspektivisch denken lernen musste. Anders als etwa im Unterricht, wo das Lernziel vom Lehrplan oder von mir vorgegeben wird, definiere ich in der Selbstständigkeit die Erwartungen und Ziele der Kunden eben nicht selbst, sondern muss sie erfragen, kennenlernen, recherchieren. Und offen dafür sein, dass sie aus dem, was ich ich anbiete und leiste, etwas eigenes machen.

Zum letzten Punkt: Alexander Osterwalder/Yves Pigneur: Value Proposition Design: Entwickeln Sie Produkte und Services, die Ihre Kunden wirklich wollen, Frankfurt am Main 2015

Allgemein:
Geisteswissenschaftler gründen erfolgreich

Mitschnitt Buchmesse Frankfurt: Geisteswissenschaftler als Gründer (kein Gendern erforderlich)

Catharina Bruns/Sophie Pester: Frei sein statt frei haben: Mit den eigenen Ideen in die kreative berufliche Selbstständigkeit, Frankfurt am Main 2016

Tim Clark/Alexander Osterwalder: Business Model You: Dein Leben – Deine Karriere – Dein Spiel, Frankfurt am Main 2012

Günter Faltin: Kopf schlägt Kapital. Die ganz andere Art, ein Unternehmen zu gründen, München 2011

Alexander Osterwalder/Yves Pigneur: Business Model Generation. Ein Handbuch für Visionäre, Spielveränderer und Herausforderer, Frankfurt am Main 2011