Wunderbar sind Bücher, in denen ich mich wiedererkenne und gleichsam maskiert über mich selbst lachen kann – wie in Tiphanie Rivières Graphic Novel „Studierst du noch oder lebst du schon?“ (München 2016, original – ohne lustigen Ikea-Titel – „Carnets de Thèse“, Paris 2015.) Rivière verarbeitete ihre Erfahrungen als Doktorandin in Literatur in Paris in ihrem illustrierten Blog „Le bureau 14 de la Sorbonne„. Der Blog bot die Grundlage für die Graphic Novel, die die Entwicklung ihres Alter Ego Jeanne Dargan zu einer wissenschaftlichen Persönlichkeit beschreibt.

Naiv. Unbezahlt. Unverstanden. Einsam. Zwischen Größenwahn und zerflossenem Selbstwertgefühl. Konkurrenz und Freundschaft zu Kommilitoninnen wechseln sich ab. Die ProfessorInnen benehmen sich genauso egozentrisch, taktisch und gestresst  wie ihre DoktorandInnen, nur mit leicht verändertem Code, der die Macht ihrer Rolle stets zur Schau stellt, doch sie nie wirklich ergreift.

Mit präziser Beobachtung und genüsslicher Pointe skizziert Rivière das Leben im System Wissenschaft, das so tut, als sei es ein unbedingt erstrebenswertes Daseinsmodell. Wir wissen es besser. Doch der Clou ist, dass die Wissenschaft immer auch ein Kosmos voller sozialer Konventionen ist, zu deren Paradoxien es gehört, sie zugleich zu leben, zu verstehen, zu kritisieren, daran zu leiden und sich darin zu gefallen. Ziel und Ende des Strebens ist eben nicht Erkenntnis, sondern die seltsam glanzlose Disputation im Geiste Kafkas: „…solange du nicht zu steigen aufhörst, hören die Stufen nicht auf, unter deinen steigenden Füssen wachsen sie aufwärts“. Eigentlich vollkommen sinnlos, und doch in der Prozesshaftigkeit wertvoll, denn sonst hätten wir keine Geschichte. Der Doktortitel ist kulturelles Kapital, das auf keinerlei gesellschaftlicher Wirkung fußt, und zugleich, wie Jeanne, überall Anerkennung sucht. Jeannes Oma fragt, was sie denn jetzt machen werde. Der Opa antwortet: einen Umtrunk. Die nächste Metamorphose wartet.

Insofern sollte die Leserin, die selbst in der Promotionsphase steckt oder sie jüngst hinter sich hat, mit einer guten Portion Humor und Leichtigkeit an die Lektüre herantreten. Rivière zeigt überspitzt und mit Hilfe der außenstehenden Figuren, wie absurd, verletztend und komisch das Wissenschaftssystem mitunter agiert, und wie die Protagonistin trotz allen Leids diese unpersönliche Peinigerin rechtfertigt und am Leben erhält.

Hier geht’s zur Leseprobe (PDF).

Tiphanie Rivière: „Studierst du noch oder lebst du schon?“, München 2016, aus dem Französischen von Mathilde Ramadier, ISBN: 978-3-8135-0740-9, 19,99€

Transparenzhinweis: Ich habe das Buch aus einer Bibliothek ausgeliehen und wurde nicht aufgefordert, es zu besprechen.