Ich weiß gar nicht genau, wer diese Definition in die Welt gesetzt hat, ob es politisch geschah, vielleicht in bester Absicht, vielleicht unter dem Zwang im Rahmen von Bologna irgendwas zur arbeitsmarktlichen Verwertbarkeit sagen zu müssen – jedenfalls ist es in der Welt, wird wiederholt und Grundlage von Handeln, Selbstbild und Bildungsangeboten. Thomas-Theorem! Die Berufsorientierung für Geisteswissenschaftler*innen wurde in vielerlei Hinsicht so aufgebaut und organisiert, als seien Geisteswissenschaftler*innen Generalist*innen. Die so genannten Schlüsselkompetenzen wurden in den Studienplänen und in den Angeboten zentraler Einheiten der Unis gestärkt, jedoch eher im Sinne von Soft Skills oder fachübergreifenden Propädeutika. Studienprogramme mit generalistischem Zuschnitt sind entstanden. Gleichzeitig wurde die fachliche Reflexion für spezifische Praxistransfers vernachlässigt.

Insofern sind Geisteswissenschaftler aktuell tatsächlich häufig Generalisten. Aber nicht, weil es den Geisteswissenschaften grundsätzlich inhärent ist, für Arbeitsmärkte generalistisch zu sein, sondern weil Studienangebote sich einer Behauptung angepasst haben, deren Wahrnehmung dazu führt, dass Absolventen angeblich eben genau das sein sollten: Generalisten. Es bleibt im Nebel, wem das zugute kommt. Denn bald kommt der Frust, weil Absolventen auf dem Arbeitsmarkt feststellen, dass eben jenes Generalistentum keine Anerkennung erfährt. Unternehmen fragen immer noch, was sie mit diesen Geisteswissenschaftlern sollen. Und Professoren lästern, sie würden die Leute für Umschulungen ausbilden.

Wissen Sie, welche Kern- und Fachkompetenzen Sie in Ihren Studienfächern ausgebildet haben sollten? Und ob diese Kern- und Fachkompetenzen je nach Fachkombination veränderlich sind? Oder gar nach Studienstandort? Wissen Sie, wo die Debatten geführt werden, wie ein akademisches Berufsbild von „Philosophen“, „Historikerinnen“, „Linguisten“ definiert sein sollte?
Und wie können wir mit unterschiedlichen Graden von Studientiefe umgehen? Welche akademische Identität hat eine Absolventin eines BA-Studiengangs, der nicht auf Spezialisierung und konsekutive Bildungsphasen setzt, sondern auf Generalisierung und/oder Anwendungsbezug?
Welche akademische Identität hat eine Person, die sieben Semester lang Anglistik und Soziologie studiert hat – Anglistin? Soziologin? Beides? Nichts davon? Was dann? Generalistin. Eigentlich gehört es doch zu unseren philosophischen Kernkompetenzen, Dinge, Zustände, Identitäten definieren, diskutieren und konstruieren zu können. Solange wir nicht wissen, welche Fachkompetenzen und Expertisen wir überhaupt anbieten könnten, müssen wir uns damit zufrieden geben, Generalisten zu sein. Und schuld daran ist nicht die „Gesellschaft“ oder die „Wirtschaft“. Wir versagen einfach selbst.

Wir stärken nicht die Geisteswissenschaftler*innen, die eben keine Generalisten sind und sein wollen. Diejenigen, die sich thematisch, methodisch oder in Form ihrer Qualifikation im Laufe des Studiums oder teils auch vor- oder nebenakademisch profilieren.

  • Fachlehrer mit geisteswissenschaftlichen Fächern sind keine Generalisten, sondern eben Fachlehrer.
  • Wissenschaftler, die eine akademische Laufbahn verfolgen, sind hochspezialisiert, nicht nur thematisch und methodisch, sondern auch in ihrer professionellen Sozialisation – und genau das ist bei einem späten Wechsel in andere Arbeitsmärkte das Problem.
  • Ein professioneller Familienforscher, der seit 20 Jahren genealogisch arbeitet und sich fachbezogen weitergebildet hat, ist Genealoge und kein Generalist.
  • Eine Kunsthistorikerin, die schon im Studium für Auktionshäuser und Sammlungen gearbeitet hat, ist heute Kunstgutachterin  – und keine Generalistin.
  • Ein Kulturjournalist und Schriftsteller, der schon während der Schulzeit mit dem Schreiben begann und es während des Studiums auf mehreren Ebenen professionalisierte, ist ebenfalls kein Generalist.
  • Ein Programmverantwortlicher im Literaturveranstaltungsbetrieb, eine Fachübersetzerin, ein Dozent für Literacymanagemt, eine Archivarin, ein Museumspädagoge, eine Medizinethnologin, eine Forschungsreferentin – sie alle sind Fachkräfte. Vielleicht – sicherlich – haben ihre Tätigkeitsbeschreibung und ihr Stellenzuschnitt auch fachübergreifende Anteile, und sicherlich sind für ihren beruflichen Erfolg auch Schlüsselkompetenzen entscheidend, aber ihr Profil ergibt sich aus ihrer Expertise.

Ihnen und vielen anderen schadet die Behauptung des Generalistentum, denn es wertet ihre Fachkompetenzen ab. Es ist sowohl das Versäumnis von uns Geisteswissenschaftlern als auch das der Opinion-Leader und hochschulinternen Kommunikation, unsere disziplinspezifischen Fertigkeiten – wenn wir uns denn spezialisiert haben – unter „Generalismus“ zu verbuchen. Die Stellensuche gestaltet sich schwierig, der Selbstwert sinkt, von Persönlichkeit ist keine Spur mehr zu sehen.

Die ersten Zuschreibungen des Generalistentums hatten dies nicht intendiert. Im Gegenteil, wir können sie positiv lesen: Geisteswissenschaftler sind starke Persönlichkeiten. Geisteswissenschaftler sind lernfähig und flexibel. Das setzte freilich Gelegenheiten voraus, im Rahmen eines geisteswissenschaftlichen Studiums Persönlichkeit zu bilden, sich auszuprobieren, sich zu reiben, zu streiten, neue Impulse aufzunehmen und sie sich anzuverwandeln. Können Sie ja im nächsten SQ-Zeitmanagement-Kurs mal ausprobieren. Oder in der nächsten 80-Leute-Übung. Wir haben für das Thomas-Theorem Bildung und Kommunikation zu wenig vordefiniert, um das Handeln zu erwirken, das für uns hilfreich gewesen wäre. Wir haben Deutungshoheiten abgegeben.

Wir können nämlich Einfluss darauf haben, welche Bilder von Geisteswissenschaftler*innen und ihren Fähigkeiten – und auch dem Wert ihrer beruflichen Performance, denn jene spielt sich ja nicht jenseits von „Gesellschaft“ ab – gepflegt werden. Wir können dem Bild der Generalisten (als Mädchen für alles) eines von Generalisten im Sinne einer aktiven, forschenden, entwicklungsbereiten Persönlichkeit und eines von Spezialisten an die Seite stellen. Sie alle sind in der beruflichen Praxis anzutreffen, und im Prozess der professionellen Identitätsfindung ist es wichtig, zu wissen, welche „Art“ von Geisteswissenschaftler*in ich eigentlich bin. Weiterhin können wir aktiv einen Dialog zwischen Akademie und Arbeitsmarkt führen. Wir sind in der Bringschuld, wenn wir außerhalb unserer klassischen Berufsfelder tätig sein wollen, möglichen Arbeit- und Auftraggebern zu sagen, was wir können und wissen und zu erklären, welches Transferpotential in deren Sinne darin zu finden ist.

[Hier findet Ihr demnächst einen Link zu einem Text von Julia Ruhnau (dpa),  die mir den Impuls zur Niederschrift dieser Gedanken gegeben hat.]