Wir wissen natürlich irgendwie schon, dass uns Digitalisierung etwas angeht. Kolleg*innen, Kommiliton*innen, Fächer, Institute, Arbeitgeber und die Medien, für die wir uns entschieden haben, reagieren sehr unterschiedlich auf diesen möglicherweise FUndamentalprozess, was es schwierig macht, darin einen eigenen Weg jenseits über Konsum und Kritik hinaus zu finden.

Als ich vor einigen Wochen einen Workshop zum Thema „Digitalisierung und Berufsorientierung für Geisteswissenschaftler*innen“ anbot, stellte ich schon im Vorfeld fest, wie schwierig es für viele Kommiliton*innen ist, das Reden über Digitalisierung in konkrete Praktiken, Inhalte und Methoden zu übertragen. Überhaupt ergaben sich die Gespräche hauptsächlich über den Workshop, nicht darin, als berge der Eintritt eine Wesensänderungsgefahr, Identitätskrisen, Unbequemlichkeiten. Es war viel verführerischer, ausgiebig über Digital Humanities als Wissenschaft zu reden, in aller angemessenen Tiefe und gleichzeitiger Unverbindlichkeit. Ein pragmatischer gemeinsamer Startpunkt waren schließlich fachübergreifende Anwendungen wie Textverarbeitung, Datenbanken und die Digitalisierung/Virtualisierung von Quellen oder Findmitteln. Wir konnten über Veränderungen von Arbeitstechniken, Fragestellungen und konkreten Workflows sprechen, doch es fiel sehr schwer, allgemeine Veränderungen auf individuelle Auswirkungen hin zu bewerten – und dabei den eigenen Unwillen, das evtl. abweichende Konzept von wissenschaftlicher Identität hinreichend zu reflektieren.

Es stellten sich ganz unterschiedliche individuelle Hemmnisse dar:

  • Die Entscheidung für geisteswissenschaftliche Disziplinen sei gerade aus dem Grund gefallen, nichts mit Informatik machen zu müssen.
  • Abstrakte Ängste, Kritiken und Diskussionswünsche (z.B. Strahlen, „The Four“, Internetsucht), deren Relevanz unbestritten ist, deren Benennung allein jedoch nicht zu Empowerment führt. Ich finde, eine intellektuelle Selbsthilfegruppe „Digitalisierungskrtitik“ hat durchaus ihren Charme; weitergedacht gehört eine kritische Begleitung, Analyse, Reflexion und Entwicklung des gesamtgesellschaftlichen Prozesses Digitalisierung ohnehin zu den Aufgaben geisteswissenschaftlicher Disziplinen.
  • Bei Gesprächspartner*innen mit erster Berufserfahrung Überforderung und Verärgerung über „Digitalisierungsdruck“ – der Einsatz unterschiedlicher Tools für unterschiedliche Prozesse und Teams mit gefühlt ständigem Updatebedarf, der Pflichtschulungen und Blockaden zur Folge hatte, wenn etwas das Update des einen Tools nicht mit der aktuellen Version des anderen Tools kompatibel war usw.
  • Eine Wahrnehmungsdiskrepanz: akademische Lehre, die nur in geringem Maße eine Einbindung digitaler Ressourcen in den Lernprozess zuließ, eine Überlagerung der Dozierenden-Studierenden-Beziehung von Campus-Management-Systemen mit all ihren Verwaltungsabsurditäten und Zugangshürden, letztens eine intensive Freizeitnutzung, die zwar der Zuschreibung zu „digital natives“ entsprach, aber keine professionalisierte Mediennutzung bedeutet.

Die Kommiliton*innen sind folglich mit sehr unterschiedlichen Qualitäten und Phänomenen von „Digitalisierung“ konfrontiert. Die Herausforderungen bestehen darin, einerseits klare Haltungen und Bewertungskriterien auszubilden und andererseits pragmatische Bildungs-, Organisations-, Nutzungs- und Lernstrategien zu entwickeln. Dazu gehören:

  • Digitalisierung individuell in Bezug zu kontextuellen/systemischen Perspektiven zu definieren,
  • Ziele, Haltungen, Szenarien für individuelle Digitalisierungsstrategien entwickeln, eigene Herkunft und bestehende Haltungen reflektieren,
  • Tools, Methoden, Konzepte kennenlernen und auf die eigenen Werte und Ziele hin zu bewerten. Auswahl der Lerninhalte und -prozesse.
  • Unterscheidung und Bewertung selbstbestimmter und fremdinduzierter Lernprozesse und –gegenstände. Trennung von tatsächlichen und imaginierten Anforderungen.
  • Digitale Lern- und Nutzungsgewohnheiten beobachten, reflektieren, systematisieren und veränderungsfähig halten.
  • Umsetzungspläne erstellen.
  • Umsetzen.
  • Streiten, Ruhe bewahren und einen eigenen Digitalisierungsstil ausprägen.

Ich bin gespannt auf die nächsten Veranstaltungen und all die Diskussionen im Vorfeld.

Referenzen

Stöger, Roman: Toolbox Digitalisierung. Vorsprung durch Vernetzung, Stuttgart 2017 (hier geht es eigentlich um Unternehmen bzw. Organisationsentwicklung. Ich habe einige Ideen für individuelle Prozesse adaptiert), affiliate Link zu amazon

Fotis Jannidis/Hubertus  Kohle/Malte Rehbein (Hg.): Digital Humanities. Eine Einführung, Stuttgart 2017 (hier v.a. Kap. 1-3), affiliate Link zu amazon

Radermacher, Ingo: Digitalisierung selbst denken. Eine Anleitung, mit der Transformation gelingt, Göttingen (2)2018, affiliate Link zu amazon

Precht, Richard David: Jäger, Hirten, Kritiker. Eine Utopie für die digitale Gesellschaft, München 2018 (Streit- und Diskussionsgrundlage), affiliate Link zu amazon