Employability ohne Identität und Interesse

Wie Ihr der Seitenleiste und auch früheren Posts entnehmen könnt, trieb mich 2018 die Frage nach Regionalität um, und ich beschloss, zu graben, wo ich stehe. Wie ist der Arbeitsmarkt für Geistes- und Kulturwissenschaftler*innen in OWL?

Das Projekt ist gescheitert, und dass ist – nach einem kleinen Tal, das es zu durchqueren galt – eine gute Sache. Das Scheitern hat nämlich gezeigt, wie sehr sich Voraussetzungen verändert haben, die ich stets als gegeben ansah – etwa, dass es zwar nun Master statt Magister gibt, aber deren Zahl und Probleme doch irgendwie gleichbleiben.

Für OWL, konkret für Paderborn (und nach einigen Stichproben kann ich vorsichtig sagen: sowie für andere Städte mit vergleichbarem Profil) hat sich verändert, dass der Anteil von Master-of-Arts-Absolventen an der gesamten Absolventengruppe deutlich gesunken ist. Schloss bei den „alten“ Studiengängen noch ca. ein Drittel mit Magister/Magistra ab, sind es nun noch unter drei (sic!) Prozent mit einem Master of Arts. Die Frage eines regionalen Arbeitsmarkts für diese wenigen Absolvent*innen erübrigt sich fast; irgendwoher muss ja auch der wissenschaftliche Nachwuchs kommen, müssen die klassischen institutionellen Stellen besetzt werden, die freiberufliche Arbeits- und Angebotskultur fortbestehen. Viel höheren Arbeitsmarktinformationsbedarf haben die B.A.-Absolventen, für die es keine traditionellen Aufnahmemärkte gibt – und die auch nicht auf eine Berufsbildtradition innerhalb des fachlichen Selbstverständnisses zurückgreifen können. Überspitzt formuliert: Die Fachvertreter*innen haben keine Idee, was aus diesen Absolventen werden könnte (außer Masterstudierende oder studiengangsgewechselte Lehrer), Unternehmen haben keine Ideen, wie und wo diese Absolventen eingesetzt werden können, und die Absolvent*innen selbst haben auch keine Idee, woher auch. Es gibt kaum positive Vorbilder oder bestärkende Netzwerke.

Was nun? An welcher Stelle durchbrechen wir diese Orientierungs- und auch Interesselosigkeit?

Der Rückgang der Masterstudierendenzahl überraschte mich auch in einem anderen Zusammenhang: Zum ersten Mal nahmen an meiner „Studium – und dann?“-Veranstaltung nur Lehramtsstudierende teil. Sie äußerten, dem Rat gefolgt zu sein, „auf Nummer sicher zu gehen“, aber eigentlich nicht ins Lehramt zu wollen. Oder im B.Edu/M.Edu eine Fachkombination wählen zu können, die in BA/MA ausgeschlossen ist. Als ich anfangs in dieser Veranstaltung von „Kultur- und Geisteswissenschaftler*innen“ sprach, erntete ich irritiertes Schweigen. Nein, nicht wegen der Gender-Umständlichkeit. Die Studierenden verstanden sich nicht als Kultur- und Geisteswissenschaftler*innen. Sie studieren Geschichte und Sport, Germanistik und Mathe oder Physik, Theologie und Musik. Ein Teil von ihnen ist vielleicht Kulturwissenschaftlerin. Ein anderer Teil aber ist Pädagogin. Ein dritter Teil ist vielleicht Naturwissenschaftlerin. Natürlich könnten sie in einer Geistes- oder Kulturwissenschaft promovieren. Eine Teilnehmerin äußerte, das sei nicht attraktiv, denn sie wolle sich nicht gegen eine ihrer Fachkulturen entscheiden.

Wie wird sich die Arbeitskultur und das fachliche Selbstverständnis im wissenschaftlichen Nachwuchs verändern, wenn der Anteil von Lehramtsabsolventen aus unterschiedlichen Fachkulturen zunimmt und wenn zugleich der Anteil der Promovierenden mit selbstgewählter geisteswissenschaftlicher Identität sinkt?

Zahlen z.B. hier: Studierenden- und Absolventenspiegel Uni Paderborn

Anm.:  Die Paraphrase „Grabe, wo du stehst“  (oben) ist hier sehr verkürzt verwendet. Sie bezieht sich auf Sven Lindqvist: Grabe, wo du stehst. Handbuch zur Erforschung der eigenen Geschichte, Bonn 1989 – ein Schlüsselwerk für die Geschichtswerkstättenbewegung, Emanzipation von Laien-, Arbeits- und Randgruppenhistoriker*innen.

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