von Julia Koop

Je näher der Studienabschluss rückt, desto mehr machen sich Studierende der Kulturwissenschaften Gedanken, wie der Arbeitsmarkt für sie gerade in ländlichen Regionen wie Ostwestfalen-Lippe (OWL) aussieht. So erging es auch mir, da ich in Paderborn und Detmold mein Bachelor- und einen Teil meines Masterstudiums absolviert habe. Den Master setze ich gerade in Bochum an der Ruhr-Universität Bochum (RUB) fort, sodass ich von meiner Erfahrung berichten und die Rahmenbedingungen vergleichen will.

Welche beruflichen Möglichkeiten bietet die Region OWL für Studierende und Absolvent*innen? Welche Unternehmen und Institutionen kämen für einen Jobeinstieg, Nebenjob oder ein Praktikum in Frage?

Neben einigen kleineren Museen, wenigen Galerien und Kunstvereinen gibt es etwas größere Museen mit überregionaler Vernetzung und hoher Professionalisierung: das Marta Herford in Herford, die Kunsthalle in Bielefeld, das Heinz Nixdorf Forum in Paderborn, die Wewelsburg in Büren, das Diözesanmuseum in Paderborn und das LWL-Freilichtmuseum in Detmold. Andere potenzielle Arbeitgeber oder Stellen für erste praktischen Erfahrungen für Kulturwissenschaftler*innen sind Verlage, Theaterhäuser, Musiktheater (in Detmold), Opern- und Konzerthäuser (in Bielefeld). Regionalradios (Radio Hochstift, Radio Lippe, Radio Bielefeld, Hochschulradios) können für den einen oder anderen ebenfalls interessant sein. Im PR/Marketing-Bereich sind auch fachferne Unternehmen und Institutionen unseren Absolvent*innen gegenüber aufgeschlossen, bspw. Diebold Nixdorf, die Caritas und HORBACH. Dabei ist Social Media-Kompetenz ein Türöffner. Wer sich in diesen Branchen oder Tätigkeiten nicht wiederfindet, kann sich an Schulen, als Dolmetscher oder als Nachhilfelehrer*in versuchen. Manche entscheiden sich auch erst einmal, an der Universität zu bleiben, um zu promovieren und die akademische Laufbahn einzuschlagen, bis ein angemessener Job des Weges kommt.

Es ist nicht einfach, in der Kulturbranche des ländlichen OWL einen bezahlten Nebenjob zu erhalten. Kleine Museen haben dafür kein Budget. Durch die schlechte Anbindung ländlich gelegener Museen an den ÖPNV ist eine Integration auch der ehrenamtlichen oder unbezahlten Tätigkeit dort in den Studienalltag erschwert. An den wenigen größeren Häusern sind die Praktikums- und Nebenjobstellen (ebenso wie in den Metropolregionen) begehrt und oft langfristig vergeben.

In der Folge ist auch der Aufbau eines ersten professionellen Netzwerks schwierig. Kontakte während des Studiums zu kulturwissenschaftlichen Arbeitgebern sind rar, da viele Häuser, Institutionen und Unternehmen teilweise in der Studierendenschaft kaum bekannt sind, nicht überregional vertreten und auch zwischen den Institutionen und den Hochschulen wenig Austausch stattfindet. In Paderborn zögern auch viele Studierende bei der Kontaktaufnahme zu kirchlichen Kultur- und Bildungseinrichtungen, da sie davon ausgehen, dass sie „Mitglied“ sein müssen (was zumindest für Praktika und Nebentätigkeiten nicht unbedingt der Fall ist).

Dies erlebe ich in Bochum ganz anders. Hier gibt es mehrere Kulturzentren, mehr Möglichkeiten, mehr Kulturförderungsprojekte und ein stärkeres Bewusstsein für Kultur. Entsprechend größer ist das Angebot auch für bezahlte Nebentätigkeiten, die bekanntlich zu den in Bewerbungsverfahren relevanten Praxiserfahrungen zählen.

Von der RUB wurde mir für ein Nebenjob das Suchportal Stellenwerk Bochum empfohlen. Leider war es für mich nicht hilfreich, aber vielleicht kann man Glück haben. Dennoch ist dabei die Kultur- bzw. Geisteswissenschaft ebenfalls nicht ausreichend vertreten. Ich empfehle die Stellenbörsen „Kulturjobs“ und „Deutscher Museumsbund“ für eine geeignete Suche in unserem Bereich. Weitere Jobbörsen sind unter folgender Webseite zu finden: https://zsb.uni-paderborn.de/career-service/karriereguide/kulturwissenschaften/. Und wir haben eine eigene Liste erstellt (die wir uns mit einem Kaffee vergüten lassen ;-)).  Dennoch sind all diese Jobbörsen deutschlandweit und teilweise Berlin fixiert, sodass es z.B. in OWL nicht einfach ist, davon etwas zu realisieren. Da vieles im Ruhrgebiet und Düsseldorf oder Köln vertreten ist, hat man einen Vorteil, wenn man in dieser Region lebt. Kulturelle Institutionen bevorzugen diese näher wohnenden, schneller verfügbaren Student*innen, weil sie schneller vor Ort erreichbar sind. Dieser Umstand ist mir z.B. in Unna und in Herford bereits während meiner Paderborner Zeit als einer der Absagegründe für einen potentiellen Nebenjob angegeben worden und über den Weg gekommen.

Welche Herausforderungen gibt es?

In OWL gibt es nicht viele mittlere oder größere Kulturunternehmen, sondern mehr Unternehmen, die im sekundären Sektor (Produktion) oder in der IT tätig sind und darum oft leider nicht so viel mit Kulturwissenschaftler*innen anfangen können. Auch fachaffine Nebenjobs gibt es weniger als in Großstädten. Manche typischen Einsatzgebiete entfallen weitgehend: Stiftungen, NGOs, politische und parlamentarische Einrichtungen, Konzernverlage, Rundfunk, Film und Fernsehen, große Werbeagenturen, kulturelle und wissenschaftliche Dienstleister, der Kunstmarkt, die Start-Up-Szene rund um Kultur und Sprache. In der Gründerszene OWL gilt als „wissensbasiert“ irgendwas mit Technologie; andere Arten von Wissen sind einfach noch erläuterungsbedürftig (sagt Mareike, ich habe noch keine eigenen Erfahrungen machen können).

Sich selbstständig zu machen, ist ebenfalls eine Alternative. Allerdings ist dies in OWL, speziell in Paderborn, nicht einfach, da kaum fachspezifische Unterstützung seitens der Uni, der Wirtschaftsförderungsgemeinschaft und der garage33 in Bezug auf Freiberuflichkeit und Selbstständigkeit vorhanden ist. Im IT-Schnittstellenbereich (z.B. der Digital Humanities) dagegen sind die Chancen in dieser Region besser, da in Paderborn die Gründungshilfen darauf abzielen und spezialisiert sind. Apps mit anderen Teammitgliedern gründen, würde somit gefördert werden. Die Fächer bieten in diesem Bereich jedoch kaum Seminare an, sodass die Kompetenzen der Absolvent*innen und Studierenden woanders liegen. Wenn man daher, wie ich, eine Dienstleistung im Kulturbereich anbieten möchte, scheitert die beratende Unterstützung leider an fehlender Kompetenz und Fachleuten für die Kulturwissenschaft – und letztlich auch an Eigenarten der Freiberuflichkeit, die die Weitergabe von Senior zu Junior nicht institutionalisiert hat.

Was ist zu tun?

Es wäre schön, wenn die Universitäten in der Region Kontakte zwischen den Institutionen, der Kultur und den Studierenden herstellen und Begegnungszonen schaffen. Das wird zwar in einem gewissen Maße praktiziert, allerdings noch zu wenig. Es könnte noch mehr Anlaufstellen zur Kulturvermittlung und Projekte mit Museen geben. So kann es hilfreich sein, Projekte in ländlichen Orten z.B. mit regionalen Galerien, Heimat- oder Kunstvereinen zu gestalten. Diese Zusammenarbeit kann gegenseitig Früchte tragen, um für Studierende mehr Praxiserfahrung zu bieten und für die jeweiligen Häuser potenzielle Mitarbeiter*innen oder Besucher*innen zu erhalten – oder schlicht neue Impulse.

Netzwerktreffen finden in OWL und Paderborn statt, allerdings sind diese nicht unbedingt auf Kulturwissenschaftler*innen ausgerichtet, sondern in IT- und BWL-Bereich angesiedelt. Für Künstler*innen, die Kreativwirtschaft und Kulturmitarbeiter*innen gibt es ebenfalls Treffen. Jedoch ist als Kulturwissenschaftler*in und Student*innen noch nicht ganz das Passende dabei. In Paderborn kenne ich bisher nur die Lesebühne, die gerne als poetisches Kreativtreffen genutzt wird, die für Literaturwissenschaftler*innen, Germanist*innen und Kulturstudent*innen ein guter Netzwerkort sein kann. Dennoch eignen sich diese paar Stellen, meiner Meinung nach, nicht unbedingt sehr für gutes professionelles Networking, weil jeder dort hingehen kann und es kein fachspezifisches, professionelles Publikum aus den jeweiligen Bereichen gibt. Generell können Praktika und Nebenjobs für Networking-Versuche helfen.

Aus einer Vorlesung an der Folkwang Universität Essen weiß ich, dass es musikalische Subszenen in Bochum, Dortmund und Essen gibt, wie die professionellere Hip Hop Szene in Dortmund, die sich regelmäßig trifft. Spezielle Netzwerktreffen für Kulturwissenschaftler*innen sind mir derzeit noch nicht bekannt, weil ich dafür noch zu kurz in Bochum lebe. Weitere kulturelle Orte können sich an Universitäten befinden. In Bochum gibt es an der RUB bspw. den BOSKOP, das Musische Zentrum und das Kulturcafé. Diese sind gut im Unialltag der RUB integriert. An der Universität Paderborn gibt es solche Orte auch, wie z.B. die Studiobühne als Experimentierraum. Gute Netzwerktreffen, bei denen auch gemischte Szenen wie Musiker*innen, Intendant*innen, Dramaturg*innen, Museumsmitarbeiter*innen, Kulturförder*innen, Theaterpädagog*innen, Kulturmanager*innen, Kunsthistoriker*innen, Historiker*innen und Student*innen zusammenkommen, sind mir leider so bisher noch nicht begegnet. Dies empfehle ich aber dringend der Kulturszene in OWL (und eventuell auch der im Ruhrgebiet, sofern so ein Treffen noch nicht existiert) einmal in Betracht zu ziehen, so etwas regional zu organisieren.

Bei Messen ist es ähnlich. Egal, ob es die Mastermesse in Hannover und Münster oder Jobmessen wie my job OWL und die lookin Messe an der Universität Paderborn. Geistes- und Kulturwissenschaftler*innen sind dabei leider kaum vertreten und können daher auch nicht vermitteln oder networken.

Im Bildungsbereich sind Praktika und Nebenjobs an der Schule in OWL einfacher zu finden. Aber als Kulturwissenschaftler*in, die nicht ins Lehramt oder in die pädagogische Richtung einsteigen möchten, ist diese Möglichkeit nicht hilfreich, und ein Seiteneinstieg in klassische Fächer wie Geschichte oder Germanistik ist schwierig.

Gute Chancen bestehen dagegen bei Verlagen (wie z.B. Junfermann Verlag in Paderborn). Aber auch hier kann sich die Lage, je nach Auftragslage, schnell wieder ändern, und das Verhältnis von Absolventen zu offenen Stellen ist wie überall ein Problem für Kandidaten.

Bei fachfremden Unternehmen fehlt die Kommunikation, was Kulturwissenschaftler*innen durch ihre Kompetenzen trotzdem in den jeweiligen Unternehmen und der Wirtschaft leisten könnten. Hier bedarf es noch mehr Vermittlungsarbeit bei Bewerbungen und ein Umdenken der jeweiligen Branchen. Bewerber*innen können hier selbst etwas tun, indem sie sowohl ihr Herkommen aus dem Studienfach erläutern als auch dessen Bedeutung auf den angestrebten Job hin definieren – weder Chef noch Personalmitarbeiter*in nehmen ihnen das ab.

In Bochum ist die Kunst- und Kulturszene durch die Einbettung ins Stadtgeschehen und im Ruhrgebiet, wie ich finde, omnipräsent und daher bekannter als in Paderborn. Viele kennen auch welche, die als Geisteswissenschaftler*innen arbeiten, sodass die Berührungsangst nicht so groß zu sein scheint wie in ländlicheren Gebieten. Es sind auch mehr fachnahe Arbeitgeber erreichbar, die Fachleute sind präsenter. Man braucht für Nebenjobs nicht unbedingt auf kulturfremde Unternehmen zurückgreifen, wie es in Paderborn der Fall ist. Da das Ruhrgebiet sehr interkulturell und bunt ist, wirken die Menschen hier der Kunst und Kultur gegenüber aufgeschlossener zu sein; ich habe das Gefühl, mich viel weniger rechtfertigen und erklären zu müssen. Auch Menschen auf der Straße sind die unterschiedlichen Fächer und Mediengattungen (Kunst, Literatur, Geschichtsschreibung etc.) vertrauter als in Paderborn. Daher ist wohl nicht verwunderlich, dass Student*innen/Absolvent*innen lieber nach dem Abschluss oder mitten im Studium das Paderborner Land verlassen.

In Bochum gibt es also mehr passende Nebenjob-, Praktika- und Jobmöglichkeiten, auch durch die Anbindung an die anderen Städte im Ruhrgebiet (inkl. Wuppertal, Köln und Düsseldorf). In Bochum konnte ich gestern eine Infoveranstaltung für das Ruhr Ding Projekt der Urbane Künste Ruhr, bei der ca. 30 Bewerber*innen für Kunstvermittlungs- und Ausstellungsbetreuerjobs kamen, besuchen. Sowas kenne ich aus Paderborn nicht, und war daher sehr spannend zu erleben. Gerade Kunst im öffentlichen Raum ist in OWL teilweise nicht ganz einfach, da das Publikum konservativer zu sein scheint.

Somit halte ich fest, dass es nicht einfach ist, gute und passende Praktika und Jobs im ländlichen Kulturbereich zu finden. Die Absolventenvermittlung nach der Uni ist in dieser Region nicht gut auf den kulturwissenschaftlichen Bereich ausgelegt. Alle sind auf sich selbst gestellt, jede*r fängt bei Null an und kann nicht auf Erfahrungen und bestehende berufsaffine Netzwerke zurückgreifen. Auch der Missstand, dass Fach-Masterangebote für eine Fortsetzung bestimmter Bachelor-Studiengänge fehlen, erschwert die Situation in Paderborn für Kulturwissenschaftler*innen – spätestens dann, wenn sie sich in Bewerbungen gegen Fachmasterabsolvent*innen anderer Universitäten behaupten müssen. Aus diesem Grund können Beziehungen, ein gutes Netzwerk, sich selbst vermarkten können und einen guten Überblick über die Kultur der Region zu haben auch in ländlichen Regionen hilfreich für Kulturwissenschaftler*innen  sein. Letztlich müssen wir unseren Weg aus oder in OWL selbst finden.