Bullet Journaling im Studium – den Kopf aufräumen

Anna Helene Lemke

Ob Ryder Carroll wusste, welche Lawine er in Bewegung setzt, nachdem er sein Konzept des Bullet Journaling vorgestellt hat? Unter dem Hashtag #bulletjournal gibt es auf Instagram 3,7 Millionen Beiträge. Zu sehen sind Unmengen von Bildern, die mal kunstvolle, mal minimalistische Notizbücher zeigen; in knallbunt und mit Aufklebern oder in schwarz mit dezenten Farbeffekten. Neugierige kann diese Flut an Bildern, die nicht nur Notizbücher, sondern teilweise richtige Kunstwerke abbilden, leicht überfordern und auch entmutigen. Deshalb gleich zu Anfang die gute Nachricht: Ein Bullet Journal kann so viel oder so wenig sein, wie man möchte. Keine Erfahrung in der Aquarellmalerei? Kein Problem. Denn obwohl es Empfehlungen in Schrift- und Videoform zuhauf gibt, ist die Devise beim Bullet Journal immer gleich; nämlich das BuJo so zu gestalten, dass die eigenen Interessen, Aufgaben, Termine und Bedürfnisse dargestellt werden und der Alltag leichter fällt.

Ryder Carroll, Digital Product Designer und Autor aus New York, hat die Methode des Bullet Journaling erfunden. Carroll wurde in seiner Kindheit mit ADS (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom) diagnostiziert. In seinem TED-Talk übrigens „How to declutter your mind – keep a journal“ von 2017 spricht er darüber, wie es ihm schwerfiel, geordnet zu arbeiten. Nach seinen Erfahrungen war nicht der Fokus an sich das Problem, sondern der Fokus auf eine einzige Aufgabe. Er entwickelte ein System, mit dem er sich nicht nur besser auf einzelne Aufgaben konzentrieren, sondern viele Aspekte seines Lebens in einem einzigen Notizbuch organisieren konnte. Ein Notizbuch, geführt nach dem Bullet-System, kann dabei helfen, Überforderung zu minimieren und Tage zu strukturieren, um produktiver zu sein. Produktiv heißt hier nicht nur, viele Aufgaben an einem Tag zu erledigen, sondern vielmehr sie so zu erledigen, dass man sich Zeit für die schönen Dinge schafft.

Auch mir wurde das Bullet-System von einer Kommilitonin und Freundin empfohlen, als wir beide mit unserem Studium anfingen. Zu diesem Zeitpunkt war der Trend um das Bullet Journaling noch nicht so groß, trotzdem ließen sich schon einige Youtube-Kanäle und viele Pinterest-Einträge zum Thema finden. Ich habe im Wintersemester 2017, meinem dritten Semester, mit einem BuJo angefangen, und zwar mit demselben Modell wie meine Freundin – einem karierten Notizbuch von Brunnen in einem Zwischenformat von A4 und A5, mit einem schwarzen Einband, Lesezeichen und einer Papierkladde hinten. Ich fing an mit

  • einer Jahresübersicht (inklusive Feiertagen und Ferien),
  • darauf folgte auf einer Doppelseite eine Übersicht über mein Semester (Veranstaltungen, Dozenten, Raum, AqT oder PL und Fälligkeitsdatum).
  • Und darauf folgte eine Reihe von verschiedenen Monats- und Wochenansichten, da ich mein perfektes Layout erst noch herausfinden musste.

Am wichtigsten zu diesem Zeitpunkt war mein geplantes Auslandssemester in Helsinki, dafür legte ich verschiedene Seiten an:

  • einen Sparplan für mein Reisebudget,
  • eine Info-Seite mit den wichtigsten Daten (An- und Abreise, geschätzte Lebenserhaltungskoten etc.),
  • eine To-Do-Liste mit den Aufgaben, die ich für ein erfolgreiches Jahr noch erledigen musste (Bewerbung für Stipendium, Auslandsbafög und Studentenwohnheim etc.),
  • eine Liste mit Sehenswürdigkeiten, die direkt in Helsinki liegen und
  • eine Liste mit geplanten Ausflügen und Trips…

Mein BuJo begann sich zu füllen. Leider wurde mir auch klar, dass dieses Modell nicht das richtige für mich war: Zu groß, zu unhandlich und viele meiner Stifte drückten durch das Papier. Ich war enttäuscht, hatte man mir doch versprochen, dass ich es lieben würde… Da mir das Konzept aber an sich so gut gefiel, passte ich das BuJo meinem Leben an, und nicht umgekehrt: Ich kaufte ein neues, kleineres Format mit dickeren Seiten und startete ein neues Journal ca. eine Woche, bevor ich in mein Auslandssemester flog. Und siehe da: Ich war zufriedener, konstanter in der Nutzung und dadurch auch effektiver. Ich legte an:

  • einen Kalender
  • Wochenansichten
  • eine Budgetplanung für die anstehenden Monate
  • eine monatliche Ausgabenliste
  • eine Übersicht über meine Kurse und deren Anforderungen
  • eine Seite für meine persönliche Challenge, während meines Aufenthaltes 10 Wochen auf Fleisch zu verzichten (bis auf ein paar leckere Ausnahmen, trotzdem gelungen!).

Das BuJo ist keine Wunderwaffe im Kampf gegen Prokrastination, doch eine enorme Hilfe, wenn man sich darauf einlässt. Tabellen, Diagramme, Kalender im BuJo erinnern mich an die wichtigsten Dinge, die zu erledigen sind (sei es ein Kurs in der Uni oder eine abzugebende Arbeit) und verbinden sie mit den Dingen, die mir persönlich wichtig sind (z.B. eine Verabredung in meinem Lieblingscafé oder der langersehnte Trip nach Lappland).

Das Bullet-System nach Carroll funktioniert wie folgt:

  • Auf der ersten Seite des Journals wird das Inhaltsverzeichnis (Index) angelegt, so dass man sich leicht zurechtfinden kann (dazu sollte das Journal durchnummeriert sein).
  • Darauf folgt auf einer Doppelseite ein Future Log, eine Halbjahressansicht mit einem Überblick über die nächsten sechs Monaten.
  • Im „Monthly Log“ werden auf einer Seite alle wichtigen Daten des ersten Monats in Kurzform eingetragen, auf der anderen Seite wird eine To-Do-Liste angelegt.
  • Der darauffolgende „Daily Log“ zeigt die Tagesübersicht mit Terminen und Aufgaben in ausführlicher Form.

Um zwischen Aufgaben, Terminen, Geburtstagen o.ä. zu unterscheiden, hat Carroll verschiedene Symbole eingeführt:

  • Aufgaben erhalten einen Aufzählungspunkt: •
  • Ereignisse erhalten einen kleinen Kreis: ○
  • Notizen erhalten einen Spiegelstrich: –
  • Sternchen markieren wichtige Aufgaben: *
  • Ausrufezeichen stehen für Ideen: !
  • Und ein Auge steht für den Hinweis, dass noch weitere Informationen benötigt werden: N

Was macht das System nun so hilfreich? Nach Carroll sollen Aufgaben, sobald sie erledigt wurden, durchgestrichen werden, das erleichtert die Prioritätensetzung. Nicht erledigte Aufgaben werden mit einem Pfeil nach rechts markiert und in den nächsten Monat übernommen („Migration“ von Aufgaben), oder aber nach links markiert, in einen ganz anderen Monat ins „Future Log“, wenn die Aufgabe ein richtiger „Zeitfresser“ ist und mehr Planung benötigt wird oder aber wenn diese vermeintlich wichtige Aufgabe momentan nur eine Ablenkung darstellt.

Neben der Anschaffung eines Bullet Journals ist der zweite wichtige Punkt in Carrolls TED-Talk, das konstante Arbeiten mit besagtem Journal. Durch die ständige Einbindung des Journals in das tägliche Leben formt sich eine Gewohnheit und diese Gewohnheit ist es, die helfen kann, langfristig organisiert und fokussiert zu bleiben. Das Bullet-System kann noch so gut sein; wenn es nicht benutzt wird, ist es sinnlos. Das System ist auch deswegen so beliebt, weil es so flexibel ist. Nicht nur die Designs oder Markierungen kann man sich selbst ausdenken (oder von Carroll oder einem Lieblings-Instagram-Journaler übernehmen), man kann auch beliebig viele Seiten mit etwas anderem als den „Logs“ füllen.

  • Welche Kurse habe ich dieses Semester gewählt?
  • In welchen Kursen lege ich welche Leistung ab?
  • Wann muss ich meine Hausarbeit abgeben oder Bücher aus der Bibliothek zurückgeben?
  • Wann findet die Klausur statt und in welchem Raum?

Solche Sammlungen für die Universität helfen, einen Überblick zu behalten, und außerdem macht einen Studierenden nichts glücklicher, als endlich ein Haken hinter die Hausarbeit zu setzen. Es steht  natürlich auch frei, in diesem System Uni-Aufgaben mit allgemeinen Alltagsthemen und Life-Tracking zu verbinden, z.B.

(C) Anna Helene Lemke: Semesterplan im BuJo
  • Wie viel Wasser habe ich heute schon getrunken?
  • Wie viele Stunden habe ich geschlafen?
  • Wie viele Besuche im Fitnessstudio habe ich geplant?
  • Wo stehe ich in meinem Monatszyklus?
  • Wie viel Geld möchte ich diesen Monat sparen?
  • Wie viel Geld habe ich schon ausgegeben?
  • Wie viele Stunden arbeite ich diesen Monat in meinem Nebenjob?

Der Trend zurück aufs Papier, weg vom Digitalen, ist in vielen Ländern und bei allen Altersklassen beliebt. Wie bei jedem Trend muss man sich erst einmal ausprobieren: Habe ich überhaupt Interesse daran? Und wenn ja, wie genau starte ich? Auf Instagram und Pinterest findet man viele durchgestylte Bücher, bei deren Anblick man sich fragt, ob die Besitzerin/der Besitzer zu jeder Tageszeit einen Tuschekasten mit sich herumträgt, um ja das Design des Journals nicht zu verletzten, wenn unterwegs ein neuer Termin dazukommt. Solche aufwendigen Bücher sind dann nicht nur Alltagshilfe, sondern auch kreatives Hobby. Auch ich habe mit verschiedenen Layouts experimentiert, ein paar Sammlungen angelegt, davon einige konstant benutzt und andere wiederum nicht. Aber wenn man erst einmal seinen eigenen Stil gefunden hat, ist das Zeichnen und Schreiben eines neuen „Logs“ schnell erledigt, Sonntagabend, bei einer Tasse Tee, vor dem Start in die neue Woche.

Literatur:

Ryder Carroll: Die Bullet-Journal-Methode: Verstehe deine Vergangenheit, ordne deine Gegenwart, gestalte deine Zukunft, Reinbek 2018

Bullet Journal im Studium:

Kommentare

2 comments on “Bullet Journaling im Studium – den Kopf aufräumen”
  1. Fiona Bilk sagt:

    Ich bin auch ein großer Fan von persönlichen Notizbüchern, mit der man seine Zukunftsplanung gestalten kann. Klar, ich könnte auch mal eben im Smartphone das digitale Notizbuch öffnen und dort alles reintippen. Eine App für meine Einnahmen und Ausgaben gibt es auch. Aber irgendwie passt der Spruch, dass sich das Geschriebene besser im Gehirn festsetzt doch. Zumindest ist es bei mir so, dass ich aufgeschriebene Sachen weniger vergessen und auch deutlich ernster nehme.

    1. brotgelehrte sagt:

      Danke für Deinen Kommentar, liebe Fiona! Dieselbe Erfahrung habe ich auch gemacht – klar, das Smartphone ist vielleicht schneller in der Hand, weil in der Hosentasche verstaut, aber mein BuJo möchte ich im schnelllebigen Alltag nicht mehr missen. – Anna

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